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Das Märchen vom Trio: Kundgebungen zum NSU-Umfeld in Dresden

Der Auftakt einer Reihe von Kundgebungen unter dem Motto: „Das Märchen vom Trio – NSU in Dresden und Sachsen: einer Rede wert!“ fand unweit des Einkaufszentrums Mälzerei im Stadtteil Pieschen statt. In der ersten Etage des Kaufhauses befindet der bei Nazis beliebte Laden „Neverstraight Clothes“, der neben vielen, besonders in der Naziszene beliebten, Modemarken auch einschlägig bekannte Musik und Merchandise rechter Bands verkauft. Dies kommt jedoch nicht von ungefähr, schließlich ist Betreiber Sebastian Raack Mitglied der südbrandenburgischen NSHC-Band „Outlaw“ und bewegte sich gemeinsam mit Mitbetreiber Michael Lorenz im Dunstkreis des Nazi-Netzwerks „Blood & Honour“, welches sich zum Ziel gesetzt hatte, Nazi-Ideologie durch Musik zu verbreiten und einen führerlosen Widerstand zu organisieren. Das im Jahre 2000 verbotene Netzwerk und seine Mitglieder gelten heute als wichtige Verbindungsstellen zum untergetauchten Nazitrio. Die Verbindung zur rechten Musikszene wird am Beispiel von „Neverstraight Clothes“ vor allem dadurch deutlich, dass der Laden auch als Sitz des Labels OPOS Records dient, welches seit 2007 zu einem bedeutenden Label für Nazimusik in Sachsen und darüber hinaus bekannt geworden ist und in seinem Onlineauftritt Musik von Bands wie Moshpit, Brainwash oder Hope for the Weak vertreibt. Bei der Kundgebung erzeugten die etwa zwanzig auf der gegenüberliegenen Straßenseite versammelten Nazis um Ronny Thomas, Christian Leister und Ladeninhaber Raack eine beklommene und bedrohliche Atmosphäre. Trotz offensichtlicher Störversuche verhielt sich die Polizei zunächst sehr zurückhaltend und ließ die Nazis gewähren.

Nach etwa einer Stunde zogen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kundgebung weiter zum Schloßplatz im Zentrum der Stadt, wo in einem Redebeitrag zunächst an die zehn Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds erinnert wurde. Dabei wurde auch auf die derzeitige Situation von Menschen mit Migrationshintergund Bezug genommen, welchen aktuell weder gesellschaftlich, noch politisch oder rechtsstaatlich eine ausreichend sichere Bleibeperspektive geboten wird. Thematisch setzten sich ein zweiter Redebeitrag mit dem kollektiven Versagen der Sicherheitsbehörden und der behördlichen Verhinderung einer umfassenden Aufklärung auseinander. So haben Verfassungsschutzbehörden nachweislich nicht nur Nazinetzwerke finanziell gefördert, sondern bewegten sich mit unzähligen V-Leuten ebenso im direkten Umfeld von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos. Die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse, die eigentlich Licht ins Dunkel bringen sollen, werden durch die verantwortlichen Landesämter für Verfassungsschutz regelrecht torpediert. Auf der Veranstaltung wurde nun auch die zu Beginn noch sehr zurückhaltend agierende Polizei aktiv und drohte einigen teilnehmenden Personen vor der Schloßkirche mit Anzeigen wegen Hausfriedensbruch, da sie mit ihrer Anwesenheit auf der Treppe der Kirche eine angrenzende Chorveranstaltung gestört haben sollen. Der Initiativkreis „Sachsens Demokratie“ kritisierte in einer Pressemitteilung das Verhalten der eingesetzten Beamtinnen und Beamten „angesichts des Desasters bei den Ermittlungen als Skandal“.

Zum Abschluss der Kundgebungstour ging es noch in den Süden der Stadt, wo in Naußlitz auf der Saalhausener Straße bis vor wenigen Monaten noch das Ex-„Blood & Honour“ Mitglied Thomas Starke gemeinsam mit seiner Familie gelebt hat. Der wegen Unterstützung des Nationalsozialistischen Untergrunds ebenfalls in den Fokus der Ermittler geratene Mann hatte nicht nur 1,1 Kilogramm Sprengstoff an das NSU-Trio geliefert und sie nach ihrer Flucht aus Jena bei einem Freund in Chemnitz einquartiert, sondern arbeitete von Ende 2000 bis Anfang 2011 als Vertrauensperson (VP) für das Berliner Landeskriminalamt. In seiner Nachbarschaft in einem beschaulichen Wohngebiet ahnte wohl niemand etwas davon, dass Starke schon seit Beginn der 90er Jahren tief in die Strukturen des Nazinetzwerks von „Blood & Honour“ verwickelt war und sich dort beispielsweise für die Produktion der Landser-CD „Ran an den Feind“ mitverantwortlich zeigte. Im Unterschied zur ersten Kundgebung, bei der die sächsische Polizei die Nazis nicht daran hindern wollte, die Kundgebung zu stören, versuchte sie am dritten Versammlungsort, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von der Straße zu drängen. Erst im weiteren Verlauf und nach telefonischer Rücksprache mit der Stadt konnte die angemeldete Kundgebung auf der Straße stattfinden. Während Flugblätter in die Briefkästen der umliegenden Häuser verteilt wurden, informierte die Initiative „Sachsens Demokratie“ in einem Redebeitrag Starkes Nachbarschaft noch einmal über dessen Vergangenheit in der rechten Szene und seine Rolle im derzeit am Münchner Oberlandesgericht verhandelten Prozess gegen Beate Zschäpe und zahlreiche mutmaßliche Unterstützer des Terrortrios.

Kommentare

  1. keine_r sagt:

    Korrektur:
    Die werten Nazis standen nicht von sich aus auf der anderen Straßenseite, sondern direkt neben der Kundgebung auf dem Platz und teilweise mitten zwischen Kundgebungsteilnehmer_innen. Da sie von 3 Seiten gleichzeitig fotografiert haben, war es unmöglich sich davor zu schützen.
    Die Polizist_innen weigerten sich mit Ansagen wie „Wir werden auch ständig fotografiert“ zuerst, den Nazis das fotografieren zu untersagen und baten die Nazis erst nach längerer Diskussion mit Kundgebungsteilnehmer_innen auf die andere Straßenseite.

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