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„Wir hatten keine Angst vor den Bomben“

Interview von Audioscript Dresden mit Olga Horak

Olga Horak, geborene Rosenberger, war 17 Jahre alt, als im August 1944 deutsche Truppen in die Slowakei einmarschierten. Familie Rosenberger konnte sich zunächst verstecken, wurde aber entdeckt und nach Auschwitz deportiert. Ende Oktober 1944 wurde Olga Horak zur Zwangsarbeit nach Kurzbach verbracht. Auf einen Todesmarsch von Kurzbach in das KZ Bergen-Belsen gezwungen, kam sie am 16. Januar 1945 während eines Luftangriffs durch Dresden. Der Zug mit den Häftlingen verließ die Stadt unmittelbar nach dem Angriff. Olga Horak erlebte die Befreiung durch die britische Armee im KZ Bergen-Belsen. Sie lebt seit 1949 in Sydney/Aus­tralien.

Frau Horak, Sie sind auf dem Todesmarsch von Auschwitz über Groß-Rosen nach Bergen-Belsen durch viele deutsche Städte gekommen. Wie hat die deutsche Bevölkerung auf Ihr Leid reagiert?

Von Auschwitz wurden wir nach Kurzbach versetzt, dort war ein Lager, wo wir im Wald mitten im Winter Schützengräben ausgehoben haben. Es war sehr schwer zu ertragen. Von dort wurden wir eines Tages herausgetrieben, und das war der Todesmarsch, der Beginn dieser exklusiven Reise nach Dresden. Wir sind meist auf der Hauptstraße marschiert, oft auch Zickzack durch kleinere Dörfer, wir waren schrecklich unterernährt, und es war bitterkalt. Es waren die ersten Tage im Januar 1945, glaube ich. Ich kann mich nicht genau an Daten erinnern, ich kann nur sagen, dass ich Weihnachtsbäume durch Fenster gesehen habe, wenn wir durch kleinere Dörfer gelaufen sind, daher habe ich festgestellt, dass es Ende Dezember 1944 oder Anfang Januar 1945 sein musste.

Nach Hunderten Kilometern kamen wir endlich im KZ Groß-Rosen an. Groß-Rosen ist ein riesiges Lager gewesen, und es war so überfüllt mit Leuten aus anderen Lagern, dass man uns eigentlich nicht einmal in die Baracken hereinlassen konnte. Deshalb waren wir drei Tage und drei Nächte draußen unter freiem Himmel und mussten dann weitermarschieren. Dann kamen wir in Dresden an und wurden zu einem Eisenbahn­gleis gebracht. Es war nicht der Hauptbahnhof, das ist sicher, aber in der Mitte der Stadt. Wir wurden in offene Waggons gezwungen, nicht geschlossene, nicht für Tiere gedacht und sicher nicht für Menschen. Und da war plötzlich ein Luftangriff, und wir waren so schrecklich schwach. Wir konnten nicht weglaufen, da wir immer die SS-Posten und die Wachtposten um uns hatten. Die hatten Hunde, und wer sich getraut hat, aus der Reihe herauszutreten, wurde sofort erschossen. Außerdem hätte uns jeder sofort erkannt, weil wir keine Haare hatten und keine Bekleidung. Wir haben Nummern gehabt, angemalt am Rücken und vorne auf der linken Seite. So waren wir richtige Häftlinge aus einem KZ. Wir konnten uns nirgendwo verstecken, es hätte uns ja auch niemand versteckt oder geholfen. Aber die Wachposten sind weggelaufen, in Schutzkeller, und die Bomben sind heruntergekommen, ich hab’ immer gesagt, wie Manna vom Himmel.

Es war eigentlich erschreckend, wir haben nur gehofft, dass die alliierte Armee schon näher rückt und wir vielleicht der Befreiung näher kommen. Aber es hat noch länger gedauert, als wir uns gewünscht haben. Wir hatten keine Angst vor dem Bomben. Viele von uns haben sich gewünscht, dort zu sterben, weil das unser Schicksal verkürzt hätte. Aber dem war nicht so. Nach dem Luftangriff sind die Wachtposten zurückgekommen, und wir sind nach Bergen-Belsen transportiert worden in eine weitere Hölle.

Die Todesmärsche waren nicht wie die großen KZ Auschwitz, Sobibor oder Treblinka in Osteuropa, sondern sind mitten durch die deutschen Städte gegangen. Wie erklären Sie sich die geringe Beachtung? In Deutschland kommt die Geschichte der Todesmärsche kaum zur Sprache. Es wird darauf beharrt, dass man nichts hätte wissen können, da die Lager in Osteuropa waren.

Diese Märchen kann ich nicht annehmen. Das ist nicht wahr. Ich selbst habe gesehen, während wir gelaufen sind, wie die deutsche Bevölkerung evakuiert wurde. Die Leute waren auf Pferdewägen. Alles war dort aufgetürmt, Federbetten, Milchkannen, und Schinken waren hinten angehängt. Wir haben das gesehen. Die Leute haben uns gesehen! Die Leute wussten, wer wir waren. Es ist schrecklich, dass überhaupt kein Mitleid gezeigt wurde, von niemandem. Und da handelte es sich nicht um Männer oder um Soldaten oder die Wachtposten. Es handelt sich um die ganze Bevölkerung, die wusste, was los ist.

Nach Ihrer Befreiung sind Sie 1949 nach Aus­tralien ausgewandert. Wie ist es Ihnen dort ergangen? Sie leben dort seit mehr als 60 Jahren.

Ja, 61 Jahre. Und ich habe leider meinen Ehegatten vor einem Jahr verloren, und das ist sehr, sehr schwer für mich. Die Einsamkeit ist sehr schwer zu ertragen. Es war immer mein Wunsch, nie allein zu sein. Und da ich nach dem Krieg allein war, nach der Befreiung – ich war die einzige Überlebende in meiner Familie –, habe ich mir immer gewünscht, einmal eine neue Familie zu gründen. Und das habe ich auch getan hier in Australien. Aber die Einsamkeit heute ist sehr, sehr schwer zu ertragen. Ich bin 83 Jahre alt, aber ich fühle mich noch sehr aktiv. Ich arbeite als Freiwillige im Jüdischen Museum in Sydney, welches nicht das größte in der Welt ist, aber es ist das beste, eines der besten. Dort komme ich mit vielen Interessierten, auch Schulgruppen, in Kontakt. Für mich ist es eine Aufgabe, dass ich dort hingehen und mich irgendwie nützlich machen kann.

Haben Sie jemals von deutscher Seite eine materielle Zuwendung für die Ihnen zugefügten Verbrechen erhalten?

Nein. Ich werde Ihnen jetzt eine sehr traurige Nachricht übermitteln. Ich habe dreimal von Australien aus Kompensation beantragt, ich erhielt jedoch immer eine Ablehnung. Ich war schrecklich enttäuscht, da jedem, der überlebt hat, eigentlich eine Kompensation gebührt. Das ist eine Ungerechtigkeit, die nicht zu erklären ist, und die ist sehr schwer zu verdauen, sogar heute. Jetzt bin ich in einem Alter, wo es mir eigentlich nicht mehr wichtig ist, ich brauche gar nichts, ich brauche nur die Liebe von meiner Familie. Aber damals war ich jung, mich hat man verfolgt, ich habe keine Ausbildung bekommen, ich war um meine Eltern gekommen, um meine ganze Familie, und als ich befreit wurde, wog ich 29 Kilogramm, und ich war schwerkrank. Ich brauchte jede Hilfe. Und da die Tschechoslowakei sehr arm war nach dem Krieg, haben wir keine Hilfe von der Regierung bekommen. Ich erhielt etwas Unterstützung aus Amerika, aber das war zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, wie man sagt. Wir sind vor der kommunistischen Regierung geflohen, und Australien hat die Türen geöffnet und uns die Gelegenheit gegeben, ein freies Leben zu beginnen. Wir haben zwei wunderbare Töchter bekommen, und jetzt habe ich noch drei Enkelkinder, die sind aber alle erwachsen, die brauchen die Oma nicht mehr.

Sie widmen Ihr Buch »Von Auschwitz nach Australien« Ihren ermordeten Eltern und Ihrer ermordeten Schwester Judith, aber auch Ihren Töchtern Evelyn und Susie und deren Kindern. Wie ist der Umgang dieser Generationen mit der Shoah?

Als ich mit einer Filmcrew vor viereinhalb Jahren nach Deutschland gekommen bin, war mein Mann nicht stark genug um mitzukommen, deshalb hat mich meine ältereTochter begleitet. Für meine Tochter war es eine Erfahrung, die ich nie mündlich hätte vermitteln können. Sie müssen eines verstehen: Unsere Kinder sind in einem ganz außergewöhnlichen Haushalt aufgewachsen. Da war keine Oma, da war kein Opa, da waren keine Tanten, keine Cousins, niemand. Nur die Eltern, die arbeiten mussten von früh bis abends. Wir konnten den Kindern nicht sofort erzählen, was unser Unheil war. Wir mussten ihnen Geschichten von Rotkäppchen und Schneewittchen und lustige Sachen erzählen. Erst später, als sie bemerkten, dass unser Haushalt nicht ganz normal war, haben sie Fragen gestellt. Damals haben wir begonnen zu erzählen, was eigentlich passiert war. Jahrelang haben wir nicht davon gesprochen, aber als wir begonnen hatten, haben wir wahrscheinlich viel zu viel davon geredet. Sie merkten es an Kleinigkeiten. Bei uns wurde kein Essen weggeschmissen, bei uns wurde alles aufgebraucht, und das ist eigentlich auch eine Krankheit, die wir geerbt haben. Als die Kinder nichts mehr wissen wollten, sagte meine Tochter zu mir: »Mama, du hast schon alles erzählt, was du erlebt hast. Wir wissen genau, was passiert ist, jetzt ist es Zeit, das Buch zu schreiben.« Und genau so ist es auch passiert. Heute sagt meine Tochter oft zu mir: »Live for the tomorrow, don’t live in the past!« Aber ich lebe nicht in der Vergangenheit, die Vergangenheit lebt in mir. Und das kann man eigentlich nicht verleugnen, nie.

Das »audioscript« ist eine Audioproduktion, die an ausgewählten Orten die deutsche Gesellschaft im Nationalsozialismus und deren Kontinuitäten bis in die Gegenwart in den Blick nimmt. Die Produktion steht in deutscher und eng­lischer Sprache zur Verfügung: http://www.audioscript.net/.

Während der Recherchen für das »audioscript zur Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Dresden 1933–1945« fanden die Autorinnen und Autoren Belege für mindestens zwei weitere Todesmärsche, die durch Dresden geführt wurden. Die Häftlinge eines Todesmarsches befanden sich während der Luftangriffe am 13. Februar 1945 im Stadtzentrum. Vom 14. bis 16. Februar 1945 lagerten 1 300 Jüdinnen in der Dresdner Heide vor der bombardierten Stadt. Sie wurden am 17. Februar 1945 in den Vormittagsstunden über die Dresdner Carolabrücke und durch die gesamte Stadt getrieben. Die Zerstörungen hinderten die SS offenbar nicht daran, die Bewachung und Eskortierung der Todesmärsche sicherzustellen.

Von Olga Horak ist erschienen: Von Auschwitz nach Australien. Erinnerungen einer Holocaust-Überlebenden an ihre Kindheit in Bratislava, die Deportation nach Auschwitz, den Todesmarsch von Kurzbach nach Dresden und an die Befreiung in Bergen-Belsen, Hartung-Gorre-Verlag, Konstanz, 2007.

Quelle: Jungle World (Ausgabe 06/2010)

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