Freiräume

Verstrickte Erinnerungen

Am vergangenen Montag hatte der Verein Louisen Kombi Naht zu einer Veranstaltung unter dem Motto: „Die Kultur des Nicht-Erinnerns: Zur generationalen Weitergabe von Krieg“ im Neustädter Kulturzentrum „Scheune“ eingeladen. Bei klappernden Stricknadeln referierte Kornelia Beer dabei über Kriegserlebnisse und Erfahrungen im Umgang mit der Weitergabe traumatischer Erlebnisse. Im Vorfeld und zu Beginn des Vortrags hatten etwa 20 Menschen vor der Scheune ein Flugblatt verteilt, in dem die Veranstalterinnen und Veranstalter dazu aufgerufen wurden, sich „mit den historischen Fakten auseinanderzusetzen“ und die Idee, gemeinsam mit dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr einen sowjetischen Panzer einzustricken, als „Verhöhnung der Opfer des Vernichtungskrieges“ bezeichnet.

Als Zeichen ihrer Unterstützung hatte das erst im vergangenen Jahr nach siebenjähriger Bauzeit wieder eröffnete Militärhistorische Museum für die Aktion „geflechtsbereit“ im kommenden Februar einen Panzer zur Verfügung gestellt, der als Zeichen des pazifistischen Geist ihrer Idee öffentlichkeitswirksam bis zum für die Stadtgeschichte vermeintlich so wichtigen Tag wie dem 13. Februar mit 30 bis 40 Kilo gespendeter Wolle eingestrickt werden soll. Warum es aber ausgerechnet ein sowjetischer T-34 Panzer sein sollte, der im Zweiten Weltkrieg einen entscheidenden Anteil daran hatte, den deutschen Vernichtungskrieg im Osten Europas zu beenden, bleibt ebenso fragwürdig wie die Tatsache, das eingestrickte alliierte Objekt der Begierde nach seiner Fertigstellung aus Imagegründen vor dem Museum der Bundeswehr auszustellen.

Flyer des Bündnisses "Gegen Verstrickungen" Flyer des Bündnisses „Gegen Verstrickungen“

Das Projekt will, so der Verein in seiner Projektbeschreibung, „den jetzt noch aktiven Überlebenden des Zweiten Weltkriegs die Möglichkeit geben, mit einer besonderen Eindringlichkeit ihre Kriegserlebnisse an jüngere Generationen, insbesondere an die jetzt Heranwachsenden, weiterzureichen und nachdrücklich auf die Notwendigkeit eines friedlichen Miteinanders hinzuweisen“. Die gemeinsamen Strickerlebnisse stehen dabei stellvertretend für „ein generationsübergreifendes Netz zwischen Menschen“ und sollen einen Beitrag dazu leisten, die „zerstörerische Kraft“ des Panzers zu verstricken, so die Psychologin Barbara Niklas in einem Interview mit der Hochschulzeitung ad rem.

Dass sie mit dieser Form der Erinnerungsarbeit nicht nur am Mythos der Stadt Dresden weiterstricken ist nur eines der Probleme, die dabei offenkundig werden. Sich jedoch darüber hinaus auch zum verlängerten Arm der Bundeswehr zu machen, die seit etlichen Jahren darum bemüht ist, ihr angekratztes Image einer „sauberen Armee“ gemeinsam mit Unterstützung von Teilen der Zivilgesellschaft zu verändern, ist nicht nur politisch fragwürdig, sondern schlichtweg naiv. Denn letztendlich dient die Aktion nur dem Anliegen der Bundeswehr, sich in der Öffentlichkeit als das zu verkaufen, was sie niemals sein wird: als Handlungsträger ein gleichberechtigter Akteur im gesellschaftlichen Diskurs über Krieg zu sein. Dass damit der Bundeswehr die Gelegenheit gegeben wird, steigende Rüstungsexporte und Kriege an zahlreichen Orten in der Welt als human zu verkaufen, ist nur eines der Ergebnisse, welches den erkennbaren Versuch überlagert, sich in einen „generationsübergreifenden Dialog“ zu begeben.

Der Verein, der neben seiner politisch fragwürdigen Auseinandersetzung mit Militarismus auch Workshops bietet, in denen unter Anleitung generationsübergreifend Stricken erlent werden kann, wurde erst im Sommer 2011 im Herzen der Äußeren Neustadt eröffnet. An jedem zweiten und vierten Donnerstag im Monat findet dazu von 15 bis 19 Uhr ein Treffen der älteren und jüngeren Generation in den Räumlichkeiten des Vereins in der Louisenstraße 72 statt, um dabei die Tradition des Selbermachens nicht nur zu erlernen, sondern auch fort- und neuzuschreiben. Schon Ende September hatten sich Menschen aus dem Umfeld des Vereins vor der Altmarktgalerie mit einer öffentlichen Strickaktion an der gewerkschaftsnahen Kampagne „Sachsen kauft fair“ beteiligt. Mit ihrer „STRICKtease!“ wollten sie darauf aufmerksam machen, dass Berufsbekleidung im öffentlichen Dienst auf Grund einer unzureichend gesetzlich verankerten Vergabepraxis häufig unter unfairen Arbeitsverhältnissen hergestellt wird.

Weiterer Artikel: Geflechtsbereit: Neue Verstrickungen und Verflechtungen

Kommentare

  1. mk0 sagt:

    Hat das „Bündnis gegen Verstrickungen“ mit überlebenden Opfern des Vernichtungskriegs gesprochen, um sicherzustellen, dass diese sich tatsächlich durch das Einstricken eines T-34 verhöhnt fühlen? Oder ist die Sache mit der Verhöhnung nur eine Vermutung?

    Oder noch anders: Hätte das MHM einen Wehrmachtspanzer zur Verfügung gestellt, wäre die Kritik hier tatsächlich eine andere gewesen?

  2. Verstrickter? sagt:

    [Zitat Anfang] „man kann kein Kriegsgerät einstricken, das zur Abwehr eines Deutschen Vernichtungskrieges eingesetzt wurde!“ [Zitat Ende]

    Bedeutet dies, dass alles per se gut und indiskutabel ist, was damals gegen den Deutschen Vernichtungskrieg war? Und ist mir dadurch eine differenzierte Deutungsmöglichkeit eines (zugegebenerweise provokanten) Bildes verboten.

  3. Dr. Dolittle sagt:

    Äh…gehts euch noch gut??? Also ihr tollen Kriegsgeräteliebhaber vom V.i.s.d.P, nehmt euch doch bitte selbst beim Wort und – macht mal nichts. Währe echt ein Gewinn.

  4. eine unterstützerin des bündnisses sagt:

    @mk0:
    ein vernichtungskrieg – das sagt schon der name – vernichtet (und dies unterscheidet ihn vom konventionellen krieg der eroberung von territorien zum ziel hat, aber nicht die auslöschung der dort lebenden menschen). daher konnte das bündnis die opfer des vernichtungskrieges nicht befragen. sie sind schlicht tot: erschlagen, erschossen, aufgehängt, bei lebendigem leib in der synagoge/scheune/kirche verbrannt, bei bombardierungen umgekommen, vergast, zu Tode gefoltert oder gehungert. das bündnis konnte daher leider keine empirischen erhebungen darüber machen, ob das einstricken des panzers t-34 durch die opfer als verhöhung wahr genommen würde oder nicht. davon unabhängig kann das bündnis gegen verstrickungen durchaus auch ohne empirie zu dieser auffassung gelangen! z.b. durch die Auseinandersetzung mit der Frage mit welcher Intension dieser Vernichtungskrieg geführt wurde und worin er sich von anderen Kriegen unterscheidet.

  5. peace sagt:

    jetzt mal ehrlich: eine antimilitaristische aktion in zusammenarbeit mit der bundeswehr? zum 13. februar in dd einen russischen panzer einstricken? alles als zeichen des friedens? müssem immer alle zu allem ihren senf abgeben, vor allem wenn dann sowas zu stande kommt? fragen über fragen…

  6. rotarmistin sagt:

    @Dr.Dolittle: ja mir fallen durchaus eine million dinge ein, mit denen ich mich lieber auseinandergesetzt hätte als mit der einstrickaktion des louisenkombinahts. das ich mir aber vor lauter 13.Februar-Überdruss meine kritik verkneife – hast du gehofft … aber völlig vergeblich! warum verinnerlichst du nicht den ratschlag des bündnisses in etwas abgewandelter form: lieber mal keinen sinnfreien kommentar ablassen.

  7. Bernd sagt:

    Vielen Dank dem Bündnis gegen Verstrickung für Ihre Wachsamkeit bezüglich geschichtsrevisionistischer Entwicklungen in Dresden. Es ehrt euch, dass ihr damals im Geschichtsunterricht aufgepasst habt. Das haben allerdings auch andere Menschen. Unter diesen gibt es einige (inklusive mir), die sich gerne mit Fragen beschäftigen, die über die bloße Anerkennung und zahlenmäßige Erfassung der Shoa, des Holocaust & des Vernichtungskrieges hinweggehen. Beispielsweise wie diese entstehen konnten und vor allem in Zukunft verhindert werden können und dies insbesondere in der Gesellschaft in der ich momentan lebe. Der immer präsente und wachsende Fremdenhass. Die erstarkende Etablierung rechter Parteien & Meinungen in unserer Gesellschaft zeigen mir das dieses Thema sehr aktuell ist. Aber um „weiterzudenken“, gehört es nunmal auch, sich unbequeme Fragen zu stellen, auch Fragen die nicht unbedingt in ein linksintellektuelles Korsett passen.

    Ein zum 13. Februar eingestrickter T34 erreicht dies eher als der „Gegenvorschlag: Da müsste man mal nichts machen“.

    Die Welt ist komplexer (komplexer geworden?) als sie immer wieder mit der alten Täter/Opfer-Logik beschreiben zu können und man kann diese Komplexität nicht mit Zensur kritischer Bilder auflösen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *