Kultur

Filmkritik: Kriegerin

Am 11. Januar 2012 hatte der Film Kriegerin, eine Abschlußarbeit der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) „Konrad Wolf“ Potsdam-Babelsberg in Dresden Kinopremiere. Regisseur David Wnendt und einige Hauptdarsteller_innen u.a. Alina Levshin, Sayed Ahmad Wasil Mrowat, Gerdy Zint, Klaus Manchen bekamen den Roten Teppich vor der Schauburg ausgerollt. Es ist kein politischer Film, kein Film über Skinheads, kein Film zur Asylrechtsdebatte, kein Film über Ostdeutschland, kein Jugendfilm sondern ein Film über Emazipation und Beziehungen vor dem Nazibackground provenzieller Enge oder dem, was sich Filmemacher so darunter vorstellen. Alina Levshin ist eine grandiose Darstellerin und den Gang ins Kino wert. 

Es ist kein politischer Film, auch wenn Naziparolen gegröhlt werden und Führergrüße gezeigt werden. Politisch hätte der Film seine Szenbeschreibung entweder zeitlich genauer einordnen müssen oder sich einer konkreten Szenebeschreibung verpflichten müssen. Im Film wechseln sich Klischees und Aufklärungsattitüden ab. Da sind die „Brandenburger“ Skinheads, Folkloristen mit Glatze und Thors Hammer um den Hals zu besichtigen, die gern das eine oder andere selbst gebastelte T-Shirt Message durch den Film tragen, wie: „Im Kampf gegen ein Scheiß System“.

Es ist kein Skinheadfilm, auch wenn die Oi Mugge vom Bühnenrand brüllt. Skinheads, auch gern mal als Bodensatz der Bewegung benannt oder als Dönerskins tituliert sind nicht typisch für die nationalsozialistische Bewegung. Warum Stiefelglatzentum immer noch ein tradierter Einstieg ist und die Glatze sich hartnäckig in den medialen Berichterstattungen hält, wieder allen besseren Wissens, dürfen die Zuschauer selbst erstreiten, ergrübeln, erfinden, mutmaßen usw..

Es ist kein Film über die skandalösen Entwicklungen aufgrund der Änderungen im deutschen Asylrechts. Die afghanischen Bewerber im Asylverfahren sind als Anlass und Bezugsmedium sicher konstruiert, aber das funktioniert mit einigen psychologischen Hintergrundwissen und Dank der Sozialraumbeschreibung Asylverfahren und überforderte Jugendhilfe gut. Wieder wird im Film ein weitere Geschichte angedeutet. Wir erfahren so gut wie nichts über die beiden Brüder, verbleiben also wie auch die Hauptheldin weitgehend im Ungewissen über das Schicksal und die Lebenswelt der Brüder. Für die Plausibilität Fluchthelfer zu organisieren braucht es die Akzeptanz durch die Zuschauer_innen. Dass die organisierte Naziszene mit anderen organisierten Szenen im regen Austausch steht. Drogen, Menschenhandel und Waffenschmuggel sind lohnende Geschäfte. Organisierte Kriminalität und organisierte Naziszenen können dabei durchaus Partner sein. Das wurde im Fall des Neonazis Sebastian Seemann (Blood and Honour und Combat 18 Konzertveranstalter) auch medial sichtbar. Gleichermaßen war der V-Mann Seemann aber auch Waffenhändler und Drogendealer. Dass solche Strukturen Informationen tauschen und gegen Bezahlung oder Vorteilsgewährung miteinander kooperieren, ist durchaus auch in Fragen einer Fluchthilfe vorstellbar.

Es ist kein Fim über Ostdeutschland, auch wenn die vorwiegende Sprachfärbung ostdeutsch ist. Tristesse reicht nicht für die Erklärung der lokalen Verankerung von Nazigruppierungen, erklärt in keiner Weise wie die überregionale Vernetzung erfolgreich als Reflexionsfläche und Informationsforum funktioniert und kann die Wahlerfolge der NPD und deren Auftreten als parteipolitischen Arm einer breit aufgestellten sozialen Bewegung mit nationalsozialistischem Programm nicht aufzeigen. Nationalsozialismus ist nicht die Lehre vom Bösen, sie ist keine Karikatur. Natinalsozialismus hat eine ungebrochene Tradierung durch alle Bevölkerungsteile in den beiden deutschen Nachfolgestaaten des NS-Staates. Der aus dem nationalen Überlegenheitsgefühl resultierende Rassismus und seine Spiegelung als Begründungszusammenhang für eben diese nationale Überhöhung reicht bis zur Patriotismusdebatte in Teilen der sächsischen CDU. Hier lässt der Film eine große Lücke und verdunkelt mehr, als er für ein Verständnis für diese gesellschaftspolitische Entwicklung erhellt.

Es ist kein Jugendfilm, auch wenn jugendliche Subkulturen in einer Peergroup zusammengefasst werden. Es ist ein hoher Anspruch der Filmemacher Rechtsextremismus als ein weit mehr als in der Jugend verbreitetes Phänomen zu zeigen. Wir sehen im Film eine Freizeitgruppe, einen eventuell verbotene Betäubungsmittel Konsumierenden und Jugendliche, die dem koksenden Markus helfen den Glatzkopf Sandro zusammenzuschlagen. Leider erzählt uns der Film nicht, wer eigentlich wer ist und warum. Der Drogenmissbrauch wird ebenso nebenher fotografiert, wie der gehbehinderte Vater von Markus, der sein Unverständnis über die politischen Ansichten seines Sohnes beklagt was beim Premierenpublikum Heiterkeit erweckte, obwohl der Vater von Markus doch noch immer Marxist wäre. Wir müssen die Zusammenhänge vermuten, Ursachen konstruieren, unsere Klischees und Erfahrungen über triste provenzielle Lebenswelten und Sozialräume der im Film dargestellten Jugendlichen schon selbst bemühen.
Wir sehen weiterhin zwei Elternhäuser und die traumatisierte Mutter der Hauptheldin Marissa. Die Zuschauer_innen bekommen Augenblicke im Handeln eines sadistischen Stiefvaters und einer erziehungsschwachen Mutter beim pubertären Ablösungsprozess von deren Erziehungsgegenstand und Hauptheldin Swenja dargestellt. Erziehungsschwierigkeiten, Eltern mit Kindern die sich in Naziszenen orientieren, auch hier eine durchaus spannende Geschichte, die leider nicht erzählt wird.

Es ist ein Film über eine junge Frau und ihre Emanzipation gegenüber ihrem Großvater und dem Geliebten. Die politischen Anklänge und Anleihen aus dem Spektrum der Nazibewegung bilden den Background für die Geschichte. Die glaubhafte und intensive Spielweise von Alina Levshin als Marisa lässt uns die spontanen und abrupten Entscheidungen einer subkulturell sich exponierenden jungen Frau miterleben. Die Emanzipation gegenüber dem Großvater glaubt sie mit ihrer Radikalität zu entsprechen. Der Großvater, sehr überzeugend von Klaus Manchen gespielt, entlässt aber seine Enkelin nicht. Sie wird immer seine Enkelin bleiben, sein kleines Mädchen. Wenn sie es hören will, nennt er sie auch Kriegerin. Er ist im Kontrast zu seinen Erinnerungstiraden an eigens begangene Untaten unerträglich zärtlich zu Marissa.

Sandro, den der Berliner Schauspieler Gerdy Zint mit sehr viel Körperlichkeit agierend spielt, lässt seine Partnerin Marisa nicht auf Augenhöhe kommen. Sie bleibt ihm Sexualobjekt und Bewunderin seiner selbst. Seine verletzte Eitelkeit als zurückgewiesener Verführer und sein verletztes Ego als er von ihr in einem Racheakt zusammengeschlagen wird, reichen als Abnabelung, emanzipieren kann sich Marisa Sandro gegenüber nicht. Sie bekommt letztlich keine Gelegenheit dazu. Anders als diejenigen Frauen, die 2000 den Skingirl Freundeskreis selbst auflösten und heute zum Beispiel NPD Parteiämter und Führungspositionen in der Freien Szene haben und sich also gegenüber den ehemaligen männlichen Peers durchgesetzt und sich über sie hinweggesetzt haben. Der Film hätte uns auch mit einer emanzipierten Marissa entlassen können, Marissa inmitten einer Demonstration von Autonomen Nationalisten, immer noch ideologisch entschieden, aber doch der Moderne nicht entkommen, wie so viele Frauen in der Nazibewegung. Der Film hätte Marisa auch in einen Prozess der Abkehr von der aktionsorientierten Szene schicken können, sie zur Mutter machen können, zur NPD Wahlkandidatin usw..

So bleibt die Rolle der Neuen Kriegerin bei Swenja, die von Jella Haase glaubhaft und sicher gespielt wird. Swenja fände sich ganz vorn bei den Aktionen und Demonstrationen heutiger Nazis. Sie trüge Zöpfe und in den Händen Kränze oder Transparente. Ihre Kameradinnen in der Realität haben die Bewegung längst erobert. Von Sigrid Hunke bis zu Stella Hähnel, von Doris Zutt bis Gitta Schüßler, von Terror Mandy bis Beate Zschäpe finden wir auch in der Realität diese emanzipierten Kriegerinnen.

Kommentare

  1. d sagt:

    ich würde es so zusammenfassen: der film will nicht anecken, nichts aufbrechen, sondern dokumentieren und illustrieren. inwiefern hier tatsächlich authentizität erreicht wird, darüber lässt sich streiten. handwerklich ist der film jedenfalls solide bis sehr gut. so wurden wie alle anderen gäste auch die nazis in der ersten reihe gut unterhalten.

  2. g sagt:

    alter kommst du klar? nazis in der ersten reihe?? komisch warum die jungs & mädels dann ständich in der neustadt & einschlägigen (linken) szenelokalitäten zu sehn sind… traut sich bestimmt nur keiner, die ma zurecht zu weisen, isses nich so? das sin skinheads, guck ma bei wiki wenn dir das nix sagt -.- du bist einer der gründe, warum skins immer noch mit nazis in verbindung gebracht werden, setzen, sechs.

  3. d sagt:

    zumindest hatte ich den eindruck, die jungs und mädels würden sich wie kritische beobachter gebärden. vor beginn der fragerunde ist dann ein guter teil gegangen. ansonsten ist mir noch ein hässliches dresden-wappen aufgefallen. freilich sind das keine starken indizen. wenn du, lieber g, es besser weißt, glaub ich dir das gerne. ich hab die weder nach ihrer gesinnung gefragt, noch hab ich sie in linken szenelokalen gesehen. die idee, in der neustadt würden grundsätzlich keine nazis rumlaufen, scheint mir irrig.

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