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Ein Hauch von Sportpalast auch in Dresden?

Bereits der Hinweg gestaltete sich äußerst schwierig, sämtliche DVB-Busse in Richtung Ostragehege waren schon am Postplatz restlos überfüllt. Auch die Busfahrt selbst verlief alles andere als angenehm. Spätestens ab dem Moment, als ein gutes dutzend junger Männer die Insassen des Busses nach einer wiederholten Pause aufforderten, „den Juden aus dem Bus zu treten“, nur um dann kurze Zeit später über den „heldenhaften SS-Opa“ zu schwadronieren wurde klar, welche Klientel der SPD-Politiker und ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin im Osten der Republik erreichen würde.

Etwa eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn füllte sich der bestuhlte Saal bis auf den letzten Platz, letztendlich war der Vortrag nach Angaben des Veranstalters mit 2550 verkauften Karten restlos ausverkauft. Es sollte einer der bisher erfolgreichsten Abende für Sarrazin werden. Während draußen etwa 200 Menschen bei Nieselregen vergeblich versuchten, Besucherinnen und Besuchern mit Plakaten und Flyern auf den rassistischen Gehalt der Sarrazinschen Thesen aufmerksam zu machen, betrat der geschasste Ex-Bundesbänker gemeinsam mit dem Moderator unter tosendem Applaus das Podium. Das anwesende Publikum setzte sich hauptsächlich aus männlichen Besuchern mittleren Alters und Rentnern zusammen. Damit deckten sich die Beobachtungen zumindest augenscheinlich mit den jüngst in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichen Ergebnissen über die Mehrzahl der Leserschaft des Bestsellers.

Nach einer Einführung durch den schweizerischen Honorarkonsul Peter S. Kaul begann Sarrazin damit, sich den drei Grundthesen seines Buches zu nähern. Der folgende Vortrag dürfte für viele, die das Buch gelesen haben, vor allem eins gewesen sein, dünn und oberflächlich. Beim überwiegenden Teil der Anwesenden hatte man das Gefühl, sie würden zum ersten Mal in ihrem Leben einen wissenschaftlichen Vortrag besuchen. Die Erkenntnisse aus seinem Buch zum Thema Demographie bzw. demographischen Wandel sind alles andere als neu und werden so auch seit Jahren an öffentlichen Hochschulen an Studierende vermittelt, wenn auch im Unterschied zur Veranstaltung in der Messehalle kostenlos und in ihren Inhalten wesentlich tiefgehender. Gerade im Hinblick auf die im Raum stehende Fertilitätsrate von 2,1 Kindern pro Frau entsteht der Eindruck, dass Sarrazin Frauen vor allem als Reproduktionsmaschinen betrachtet. Spannender wird bei ihm immer wieder die dritte These seines Buches, die Frage nach den kulturell religiösen Hintergründen benachteiligter Bevölkerungsgruppen, die seiner Meinung nach vor allem bei Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund zu signifikant schlechteren Bildungsergebnissen führen. Es ist eben auch für einen ehemaligen Haupstadtpolitiker keine Selbstverständlichkeit, in Deutschland auf Frauen mit Kopftüchern zu treffen. Vor allem bei Passagen zu Zuwanderung gab es bezeichnenderweise großen Beifall des in weiten Teilen begeisterten Publikums. So lies sich in etwa erahnen, welchen Eindruck Peter Fahrenholz der Süddeutschen Zeitung bei einem Vortrag bei einem Vortrag von Sarrazin in München gehabt hat, als er sich an die berühmt gewordene Sportpalastrede von Joseph Goebbels erinnert fühlte.

Auch zahlreiche sächsische Nazigrößen ließen sich die Veranstaltung nicht entgehen, so waren neben dem sächsischen JN-Landesvorsitzenden Tommy Naumann aus Leipzig, René Despang, einem Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit der NPD im Landtag und etlichen bekannten Nazigrößen aus dem Umfeld der Freien Kräfte auch der NPD-Landtagsabgeordnete Arne Schimmer unter den Gästen. Schimmer war es dann auch, der Sarrazin zu einem seiner wenig konkreten Lösungsvorschläge bewegen konnte. Nämlich einem generellen Zuwanderungsstopp für migrationswillige aber nicht ausreichend gebildete Menschen. Später folgte die Forderung nach einem generellen Kopftuchverbot an deutschen Schulen, einer Forderung die spätestens an den gesellschaftlichen Realitäten in einigen Teilen des Landes scheitert.

Eine Frage blieb am Ende jedoch unbeantwortet. Und zwar, was das Buch und vor allem seine Thesen zum Alltag und den Integrationsbemühungen von muslimischen Migrantinnen und Migranten mit der ostdeutschen Realität zu tun hat? Was bewegt in der sächsischen Landeshauptstadt mehr als 2.500 Menschen dazu, sich den Vortrag eines Zahlenkünstlers anzuhören? Die Frage lässt sich abschließend nicht wirklich beantworten, sicher ist nur, dass ein Teil der Lösung sehr viel mit dem zu tun hat, was nicht nur von Sarrazin falsch verstanden wurde, einem vor allem wechselseitigen Prozess von Integration und Partizipation in modernen Gesellschaften. Das Ergebnis seiner und anderer Thesen ist eine Ausgrenzungspolitik gegenüber den Menschen, die nach kapitalistischen Maßstäben gemessen, schlichtweg überflüssig geworden sind. In einer Region wie Sachsen stellt sich daher nicht die Frage nach Lösungen für vermeintlich integrationsunwillige Menschen mit Migrationshintergrund, sondern vielmehr nach dem sanktionierenden Umgang mit Menschen ohne Partizipationsmöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben, dazu gehört der Flüchtling genauso wie die mit Hartz-IV alimentierte Kleinfamilie.

In der lokalen Presselandschaft wurden vor allem die Proteste zum Politikum gemacht, SZ-Kulturredakteur Oliver Reinhard warf dem Ausländerrat eine geschmacklose und törichte Aktionsform vor, während seine Zeitung noch Tage vor der Veranstaltung in einem Artikel Sarrazin persönlich von persischen Einwanderern und türkisch- oder arabischstämmigen pubertierenden Achtzehnjährigen schwadronieren ließ. In den Dresdner Neuesten Nachrichten warf der Dresdner CDU-Lokalpolitiker Helfried Reuther den protestierenden Menschen vor, Sarrazin am Reden hindern zu wollen. Noch am Abend feierte das Schwesterblatt der DNN, die Leipziger Volkszeitung, Sarrazin als „gewohnt zugespitzt und griffig“ argumentierenden Referenten, während zur gleichen Zeit etwas weiter weg die wenigen Gegner des Redners „ätzten“.

Im Conni wird es aus gegebenen Anlass am 17. Januar ein Nachbereitungstreffen geben, dazu sind alle eingeladen. Der Eintritt ist selbstverständlich frei.

Kommentare

  1. M. sagt:

    sehr guter Bericht! das klingt ja wirklich gruselig. aber gut, dass es eure Seite gibt und man nicht nur auf die provinzjournalisten von SZ und Co. angewiesen ist, wenn es um infos zu der veranstaltung geht.

  2. Jens B. sagt:

    Danke für den Artikel. Wenn ich die Fotos der Applaudierenden sehe, wird mir übel. Die jahrzehntelange Verblödung funktioniert. Nichts ist zu spüren von den Spuren der Aufklärung.
    Ich habe auf den Kommentar von Oliver Reinhard in der SäZ von heute reagiert:
    ————————-
    Sehr geehrter Oliver Reinhard,

    ich möchte Bezug nehmen auf Ihren Kommentar vom 14.01.2011 „Es geht gegen Sarrazin, nicht Hitler“.
    In einem Punkt gebe ich Ihnen recht, dass polemische Kritik an Sarrazins Äußerungen eher an ihm und seinen Befürwortern abprallt. Jedoch finde ich nicht, dass sie die Artikulationen und Aktionen der Gegnerschaft diskreditieren müssen.
    Der braune Teppich und die Assoziation mit dem Nationalsozialismus sind durchaus angemessen. Denn Sarrazins Theorien auf genetisch-biologischer Ebene gegen sozial Schwache und Menschen mit Migrationshintergrund sind mindestens genauso gefährlicher Zündstoff für Ausgrenzung und Diskriminierung wie die Pseudotheorien Hitlers und Anderer, welche die Vernichtung von Menschen mit Hilfe der Genetik versuchten zu legitimieren. Mindestens Ihre letzte Bemerkung hätten Sie sich sparen können, Herr Reinhard. Natürlich ist Sarrazin nicht Hitler! Aber die Assoziation ist nicht wegzureden, falls Sie mal einen Blick in „Mein Kampf“ geworfen haben. Bleiben Sie bei Ihrer klaren Haltung wie im ersten Teil Ihres Kommentars. Meine Befürchtung ist vielmehr, dass die Diskreditierung der Gegner Sarrazins wenig hilfreich ist, wenn wir uns die Frage stellen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Ich lehne Gesellschaften ab, in denen pauschalisierende und vereinfachende Sündenbocktheorien wie die Sarrazins für die deutlich sichtbare Zunahme von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sorgen, übrigens auch unterstützt durch Blätter, die sich offiziell nicht einmal mehr Zeitung nennen dürfen.

    Mit konstruktiven Grüßen

    Jens Beier, Dresden

  3. DD sagt:

    Besonders toll der Artikel von Oliver Reinhard in der Sächsischen Zeitung zur Sarrazin-Lesung: dort fühlt sich der Bürger darüber gekränkt, dass die 2500 BesucherInnen „pauschal“ beleidigt wurden – dass von diesen widerlichen Deutschen Millionen von Menschen „beleidigt“, in ihrer wirtschaftlichen und schlussendlich auch physischen Existenz bedroht werden, ist für Oliver Reinhard wahrscheinlich etwas ganz anderes. Bloß keine Steine werfen!

  4. ebook leser sagt:

    Schau an, es liegt wohl in der Familie oder kann man vielleicht sagen, nachdem Sarrazin immer noch SPD Mitglied ist, wird die Schuld an seiner Frau gesucht. Wenn man so liest, was wie lange schon bekannt ist und wenn das wirklich stimmen sollte, dann frage ich mich doch, warum die Schulbehörden schon längst nicht aktiv geworden sind. So ist z.B. zu lesen: Der Konflikt köchelt allerdings schon seit Jahren. Immer wieder hatte es Kritik am Erziehungsstil von Ursula Sarrazin gegeben. Schon 2002, als sie an einer Berliner Montessori-Schule unterrichtete und ihr Mann noch kaum bekannt war, beschwerten sich fast alle Eltern ihrer Klasse. Am Ende eines Schuljahrs legten sie der Direktorin die bereits ausgefüllten Abmeldeformulare ihrer Kinder vor und erklärten: „Wenn Frau Sarrazin hier bleibt, verlassen unsere Kinder die Schule.“ Wenig später wechselte die Lehrerin die Schule „Sie wehrte alle Vorwürfe ab“, erinnert sich ein Vater. so der Spiegel.

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