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An die Wand, und Feuer!

Von Markus Ströhlein

»FN-Gladbeck« konnte einen gewissen Jagdeifer nicht verhehlen: »Verbreitet die Videos, Fotos und Stimmenproben weit möglichst, damit dieses kranke Schwein gestellt werden kann! Helft mit!« Einem Schreiber mit dem Pseudonym »Han­nes Larsson« erging es ähnlich: »Werde den Link gleich im Freundeskreis rumschicken. Können wir ja nur hoffen, dass dieses kranke Schwein von irgendwem erkannt wird.«

In der vergangenen Woche veröffentlichte das Bundeskriminalamt (BKA) Videos, Fotos und Stimmproben eines Mannes, der dringend ver­däch­tig war, mehrfach Kinder schwer sexuell miss­braucht, kinderpornografische Videos hergestellt und diese verbreitet zu haben. Auch »FN-Gladbeck« und »Hannes Larsson«, Nutzer des rechtsextremen Internetportals »widerstand.info«, hatten an­scheinend von der Fahndung, über die in etlichen Medien berichtet wurde, Notiz genommen. Der Fall erledigte sich aber ohne rechtsextreme Hilfe. Der gesuchte Mann stellte sich noch in der vergangenen Woche der Polizei.

Der Kampf gegen »Kinderschänder« treibt deut­sche Nazis aber nicht nur im Internet um. Ende Juli »entschlossen sich neun Kameraden, nach Ei­lenburg zu fahren und den Menschen dort bei ihrer Suche nach Corinna (…) zu helfen«, heißt es in dem Leipziger Blog »logr.org/infoleipzig«. Als die freiwilligen Helfer in der sächsischen Klein­stadt eintrafen, hatte die Polizei jedoch bereits die Leiche der verschwundenen Neunjährigen ge­funden. Das Mädchen war sexuell missbraucht und ermordet worden. »Spontan fiel der Entschluss, die Wut über dieses grausame und unfassbare Verbrechen mit einer Kundgebung laut zu artikulieren«, verlautbarten »Aktivisten aus Leip­zig und Torgau« wenig später im Nazi-Portal »Altermedia«. Die neun Angereisten trafen in Eilenburg etliche Gesinnungsgenossen. Wie ein Vi­deo auf Youtube zeigt, zogen etwa 100 meist junge Menschen durch die Stadt. Ihre Wut spornte sie zu einem Reim an: »Ein Baum, ein Strick, ein Schändergenick!« Dem Video zufolge grölten die Nazis auf das Kommando eines Einpeitschers hin auch die bewährte Parole »Todesstrafe für Kin­derschänder«.

Als Redner trat in Eilenburg Istvan Repaczki auf. Seine achtjährige Nichte Michelle war im August vergangenen Jahres in Leipzig sexuell missbraucht und ermordet worden. Repaczki nutzte damals das Geschehen für eine Kampagne gegen »Kinder­schänder«, mehrmals zogen Hunderte Nazis durch das Viertel, in dem Michelle gelebt hatte, und forderten die Todesstrafe. Seither hat Repaczki, der im Juni erfolglos für die NPD in der Leipziger Stadtratswahl antrat, in seinen Kreisen die besondere Autorität des persönlich Betroffenen, es verwundert nicht, dass er mit seinen Kameraden nach Eilenburg tingelte.

Auch andernorts vertreiben sich Nazis die Zeit zwischen dem »Gedenkmarsch« in Dresden, dem »Fest der Völker« oder dem »Nationalen Antikriegstag« mit dem Kampf gegen »Kinderschänder«. Besonders in Nordrhein-Westfalen tun sie sich hervor, wie Einträge auf »widerstand.info« und Artikel aus der Lokalpresse zeigen. Besonders beliebt sind neben dem Verteilen von Flugblättern vor allem Zusammenrottungen vor den Wohnhäusern verurteilter und aus der Haft entlassener »Kinderschänder«: Im Dezember ver­gangenen Jahres machte eine Gruppe Nazis nach eigenen Angaben »einen Hausbesuch bei einem pädophilen Schulleiter« bzw. hielt eine Kundgebung vor dessen Haus in Oerlinghausen-Lipperreihe ab. Im März versammelten sich »rund 60 Nationalisten« vor dem Wohnhaus eines entlassenen Sexualstraftäters in Heinsberg, im April zog eine Gruppe vor das Haus eines wegen Kindesmissbrauchs verurteilten Mannes in Recklinghausen. Zu diesen Gelegenheiten entrollten die Anwesenden Transparente, die mit aufgemalten Galgen und den entsprechenden Forderungen ver­sehen waren.

Die Forderung nach der »Todesstrafe für Kinder­schänder« stellen Nazis auch auf ihrer Kleidung zur Schau. Das »Kinderschänder«-Merchandise ist gut sortiert, neben T-Shirts mit entsprechenden Aufdrucken verkaufen einschlägige Versandhändler auch Aufkleber und Buttons. Damit keine Langeweile aufkommt, werden die Slogans mittlerweile abgewandelt. Ein Beispiel: »Stellt se alle anne Wand und Feuer!!!«

Mindestens ein »Kinderschänder«-Song gehört zum Repertoire jeder Rechtsrock-Band und jedes Nazi-Musikers. So singt der Liedermacher Sleip­nir zur Akustikgitarre aufdringliche Betroffenheitsverse über ein »kleines Mädchen« mit »Tränen im Gesicht«, das zum Opfer der »Triebe« geworden sei. Andere halten sich nicht mit Senti­men­talem auf und vertonen lieber Strafphantasien. »Anwälte labern von Therapie, doch wirklich heilen kann man die Typen nie«, urteilt die Band Aufmarsch. »Die Seele des Mädchens wird gebrochen, es wird von Psychologen gesprochen. Doch Psychologen brauchen wir nicht, denn bald halten wir Gericht«, dichtete die Band Schwarzer Orden in dem Stück »Todesstrafe«.

In ihren Verlautbarungen wiederholen die NPD und parteilose Nazis ebenfalls stetig das gewünsch­te Strafmaß für Kindesmissbrauch, ob nun von der »Todesstrafe«, »keiner Gnade für die Täter« oder der »nullprozentigen Rückfallquote« die Rede ist. Besonders phantasievoll tat sich Holger Apfel, der NPD-Fraktionsvorsitzende im sächsischen Landtag, hervor. Er forderte im vergangenen Jahr, »auch Psychotherapeuten, die rückfälligen Sexualstraftätern in der Vergangenheit leichtfertig günstige Sozialprognosen erstellt haben«, abzuurteilen.

Trotz der ausführlichen Dokumentation ihres Strafbedürfnisses liefern Rechtsextreme aber auch Einblicke in ihre Motivation, sich gegen »Kin­derschänder« einzusetzen. Die »große Sorge um unsere Kinder« treibe ihn um, ließ Apfel im vergangenen Jahr verlauten, denn »Kinder sind doch wohl das wertvollste zu schützende Gut eines Volkes«. Die NPD Kleve (Nordrhein-Westfalen) sieht es genauso: »Unsere Kinder sind das wertvollste Gut für eine Zukunft unseres Vaterlandes.« Auf »widerstand.info« heißt es: »Unsere Kin­der! In ihnen keimt die Zukunft unseres Volkes.« Der Nachwuchs ist also Volksbesitz – »unsere Kinder!« –, seine Aufgabe ist es, das Deutschtum zu erhalten. Das völkische Interesse am Wohl des deutschen Kindes haben die Schreiber des Weißen Wolfs, einer Zeitschrift für inhaftierte Nazis, deutlich formuliert: »Wir müssen die Existenz unserer Art schützen und eine Zukunft für weiße Kinder schaffen.«

Selbstverständlich hat der vermeintliche Einsatz der Nazis für das Kindeswohl auch strategische Gründe. Kindesmissbrauch und -mord lösen in der Öffentlichkeit starke Emotionen aus. Der Ruf nach der Todesstrafe kommt da auch manchem Normalbürger leicht über die Lippen. Die Nazis wären zu gern die Sprecher dieses »Volkszorns«.

Doch sie sind nur mäßig erfolgreich. In Eilenburg wurde eine Trauerkundgebung wegen der an­gekündigten Teilnahme Rechtsextremer abgesagt, der Bürgermeister empörte sich über deren Anwesenheit im Ort. Im Mordfall Michelle äußerten die Eltern des Kindes öffentlich ihr Unbehagen am Treiben des Onkels. An anderen Orten verlief es ähnlich. Zu offensichtlich ist die Masche der Nazis.

Diesen bleibt die mangelnde Begeisterung für ihren Einsatz nicht verborgen. Auf Altermedia wur­de anlässlich der Ereignisse in Eilenburg rege diskutiert. Etliche Schreiber beschwerten sich über das martialische Auftreten ihrer Kameraden und unangebrachte Parolen wie »Nationaler Sozialismus jetzt«. Einer zeigte aber angesichts der Beobachtung durch die Polizei Verständnis für die getragenen Sonnenbrillen und schwarzen Mützen: Es gehe zwar darum, die Sympathien der Bür­ger zu gewinnen, aber so ein Aufmarsch sei eben auch »kein Kindergeburtstag«.

Quelle: Jungle World Artikel (Ausgabe 33/2009)

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