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Berlin: Heimattreue Deutsche Jugend verboten

Das Bundesinnenministerium hat die neonazistische »Heimattreue Deutsche Jugend e.V.« (HDJ) verboten. Damit einher gingen am Morgen des 31.03.2009 Durchsuchungen von Wohn- und Geschäftsräumen der führenden HDJ Aktivisten in Niedersachsen, Sachsen, Berlin und Brandenburg. Von den Durchsuchungen sind nach Recherche Ost – Informationen vor allem Mitglieder des Bundesvorstandes der Organisation betroffen. Ihnen wurde die Verbotsverfügung durch die Einsatzkräfte überbracht. Das Vermögen der HDJ wurde ebenfalls eingezogen.

„Als bundesweit organisierter Jugendverband verbreitet die HDJ rassistisches und nationalsozialistisches Gedankengut“ hiess es in der Verfügung des Bundesinnenministers. Aus Sicht von Experten war das Verbot überfällig.
Die HDJ diente demnach als Auffang- und Nachfolgeorganisation der 1994 verbotenen „Wiking Jugend“ und setzte deren offen am Nationalsozialismus orientierte Strategie fort. Eine ganze Reihe der führenden HDJ-Aktivisten waren zuvor auch Mitglieder der „Wiking Jugend“ gewesen. Ziel der HDJ war die Heranführung von Kindern und Jugendlichen an nationalsozialistische und rassistische Ideologien. Nationalsozialismus, Rassenlehre und körperliche Abhärtung bestimmten die Ausbildung der zumeist minderjährigen Schützlinge – des »biologischen Bestands« wie es ein Führungsaktivist der Vereinsorganisation in der Vergangenheit formulierte.

Dem Verbot zuvor ging eine Razzia im Oktober 2008. Damals waren bei knapp 100 mutmaßlichen HDJ-Mitgliedern eine Vielzahl von Unterlagen u.ä. beschlagnahmt worden. In Sachsen waren davon drei mutmaßliche HDJ’ler betroffen gewesen. Bei ihnen wurden u.a. Computer, Handys,Schulungsunterlagen, Ausbildungsvorschriften, Mitgliedsausweise, Uniformteile, Liedersammlungen, Vereinsabzeichen und NS-Devotionalien sichergestellt.

Auch bei der heutigen Razzia befanden sich Zielobjekte der Fahnder in Sachsen.

In Sachsen wurden u.a. die Wohnräume von Thomas Eichler in Lichtensee bei Riesa durchsucht. Der 33jährige Eichler ist seit mehreren Jahren Schatzmeister der HDJ. An der Sparkasse Meißen wird das Vereinskonto der HDJ geführt.
Im Umfeld der NPD bewegen sich in Sachsen weitere HDJ-Aktivisten.
Der ebenfalls 33jährige Dresdner Eric Kaden ist Mitarbeiter der NPD-Fraktion im Schweriner Landtag. Der Verehrer des SS-Dichters Kurt Eggers betreibt in Dresden einen Versandhandel für „Militär und Geschichte“. Dahinter verbirgt sich ein großes Angebot einschlägiger Literatur von und über den Nationalsozialismus. vorrangig Militär. Zudem ist Eric Kaden „2. Vorsitzender“ und „Jugendwart“ des Karate-Vereins „Wado Kai Dresden e.V.“.
Ein andere langjähriger sächsischer HDJ-Aktivist ist Stephan Roth aus Oybin im Zittauer Gebirge. Überregional bekannt wurde er im Zuge des so genannten „Hirschberg-Prozesses“ 2006. Vor dem Landgericht im polnischen Jenenia Gora waren Roth, der damalige Görlitzer DSU-Stadtrat Jürgen Hösl-Daum und Robert G. – ein Neonazi aus der Region Bautzen – angeklagt wegen Beleidigung der polnischen Nation und Aufstachelung zum Völkerhass. Hösl-Daum erhielt Zehn, die beiden anderen Angeklagten je Acht Monate Haft auf Bewährung. Die drei hatten im Mai und Juli 2004 in einer so genannten „Aktion Vergessen“ in verschiedenen polnischen Ortschaften des ehemaligen Schlesiens Plakate geklebt, die vermeintliche Vertreibungsverbrechen von Polen und Tschechen an Deutschen anprangerten. Die „Aktion Vergessen“ war auch im Mai 2007 und 2008 massgeblich an neonazistischen Aktivitäten um das Gedenken an das Freikorps Oberland im bayrischen Schliersee beteiligt. Neben seinen Aktivitäten für die HDJ ist Stephan Roth in weiteren völkisch-bündischen Zusammenhängen aktiv. Für eine Veranstaltung der rassistischen Religionsgemeinschaft „Bund für Gotterkenntnis – Ludendorfer e.V.“ im November 2008 Dresden konnten sich TeilnehmerInnen bei ihm anmelden. Immer wieder tritt er zudem für die „Junge Landsmannschaft Ostdeutschland“ (JLO) in Erscheinung.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Treffen der HDJ in Sachsen, die bisher von den zuständigen Behörden weitgehend ignoriert wurden. So fand im vogtländischem Limbach 2008 ein „Osterlager“ der HDJ statt und im Mai 2008 im mittelsächsischen Zschadraß das so genannte „Pfingstlager“. Das alljährlich zum Jahresabschluss stattfindende Winterlager 2008 hat nach Angaben von Insidern ebenfalls in Sachsen stattgefunden-in der Region Ostsachsen.
Inwiefern das Verbot die Arbeits- und Aktionsfähigkeit der HDJ im Besonderen und der deutschen Neonazi-Szene im allgemeinen schwächen wird, bleibt abzuwarten. Als sicher gilt, dass die HDJ seit Monaten sich auf das anstehende Verbot vorbereiten konnte. Es ist davon auszugehen, dass schon längst Übergangs- und Nachfolgestrukturen gesucht und gefunden wurden. Darin haben die HDJ-AktivistInnen auch Erfahrung. Eine Vielzahl von ihnen machte die ersten politischen Erfahrungen in der „Wiking Jugend“ und setzte nach deren Verbot die braune Karriere ungestört fort. Sei es in der HDJ oder der NPD.

Quelle: Recherche Ost (31.03.09)

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