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Die Antifa ist traurig

von Michael Bergmann und Matthias Galle

Zum Jahrestag der Bombardierung rufen in Dresden in diesem Jahr zwei verschiedene Antifa-Bündnisse zum Protest gegen Naziaufmärsche und Gedenkveranstaltungen auf. Die Frage nach der Legitimität gemeinschaftlicher Trauer um deutsche Bombenopfer hat zu einer Spaltung der Dresdner Antifa geführt.

Der 13. Februar ist in Dresden jedes Jahr ein Tag, an dem die komplette Innenstadt lahm gelegt wird. Angefangen haben damit 1945 US-amerikanische und britische Kampfflugzeuge, welche die Elbstadt im Verlauf des Zweiten Weltkriegs bombardierten. Dabei kamen, so ermittelte die Dresdner Historikerkommission im Oktober 2008, zwischen 18 000 und 25 000 Menschen ums Leben. Ihrer gedenken seit einigen Jahren Tausende Nazis mit Demonstrationen in der Innenstadt – in diesem Jahr mit Aufmärschen am 13. und 14. Februar. Darüber hinaus erinnern jährlich auch Tausende Bürgerinnen und Bürger vor der Frauenkirche an die Toten der Bombennacht. Traditionell legen die offiziellen Vertreter von Stadt und Land am Morgen des 13. Februar gemeinsam mit Neonazis der NPD und freien ­Kameradschaften auf dem Dresdner Heidefriedhof Kränze nieder.

Auch die Antifa ist mit ihren Protesten gegen Trauerkränze und Nazi-Massen seit Jahren am 13. Februar in Dresden präsent. Ihre Aktionen wurden jedoch auch oft kritisiert. Beanstandet wurden Flaggen der alliierten Siegermächte auf den Antifa-Demonstrationen sowie vereinzelt gerufene Parolen wie »Bomber Harris, do it again«, welche, wie die Junge Welt in ihrer Ausgabe vom 21. Januar kritisierte, »vor allem die Dresdner Bevölkerung« provoziert hätten. Im vergangenen Jahr haben sich die Kritikerinnen und Kritiker der Dresdner Antifa-Aktionen zu einer eigenen Planungsgruppe zum 13. Februar 2009 zusammengeschlossen. Als Bündnis »No Pasarán« rufen sie nun zu Protesten gegen die zwei Nazigroßaufmärsche am 13. und 14. Februar auf und sprechen sich gegen die »Verdrehung der Geschichte« im Umgang mit der Bombardierung vom 13. Februar 1945 aus.

Dem neuen Antifa-Bündnis »No Pasarán« hat sich fast das gesamte Who’s who der bewegungslinken Gruppen der Republik angeschlossen. Ihr Ziel ist ein Protest auf möglichst breiter politischer Ebene – schließlich sieht man sich auch an dem großen zivilgesellschaftlichen Bündnis »Geh Denken« beteiligt. Dieser von den Bundesspitzen der Parteien und Gewerkschaften sowie von Prominenten aus Politik und Showbusiness unterstützte Zusammenschluss hält Aktionen gegen den Naziaufmarsch am 13. Februar nicht für notwendig. Am 14. Februar wolle man jedoch mit den »Bürgern der Stadt Dresden und ihren Gästen ein deutliches demokratisches Signal (…) setzen«. Zwar betont das Bündnis »No Pasarán« auf seiner Internetseite die »inhaltliche und organisatorische« Unabhängigkeit von »Geh Denken« – dennoch droht die Gefahr, in dem mit allerlei gruseliger Prominenz besetzten Treiben mit den eigenen Inhalten nicht wahrgenommen zu werden.

»No Pasarán« hat der Kritik am Gedenken die Schärfe der vergangenen Jahre genommen und möchte die Trauer um die Toten der Bombardierung explizit zulassen. Zwar beanstandet die Gruppe im Gespräch mit der Jungle World, dass das »Erinnern an die historische Zerstörung Dresdens, verbunden mit vielen Toten«, ideologisch genutzt werde, um zu suggerieren, im Zweiten Weltkrieg seien die Deutschen die Opfer gewesen. Dabei solle jedoch »das nicht zu leugnende Leid« nicht vergessen werden. Die Erinnerung an das »Leid der Opfer der Bombardierung« war in den vergangenen Jahren eher Aufgabe der bürgerlichen Trauergemeinde als ein Anliegen der Antifa. Zur Verantwortung der Dresdnerinnen und Dresdner für die Geschichte heißt es in einem Dokument von »No Pasarán«, die über 80jährigen Deutschen müssten sich fragen, ob »sie denn alles Mögliche getan haben, um der deutschen Terrorherrschaft ein Ende zu setzen« – was beinahe so klingt, als wäre die halbe Stadt im Widerstand gewesen.

Solche Ansichten sind für den alten »Vorbereitungskreis 13. Februar« indiskutabel. Mit ihrer Forderung »Keine Versöhnung mit Deutschland« lehnt die Gruppe jedes gemeinschaftliche Gedenken an die bei dem Bombenangriff zu Tode gekommenen Deutschen ab. Jedes kollektive Gedenken setzt nach Auffassung des »Vorbereitungskreises 13. Februar« die Revision der Geschichte des Nationalsozialismus voraus. Außerdem trage diese Art der Erinnerung zur Bildung ­einer »nationalen Identität« bei. Auch in diesem Jahr will die Gruppe mit Kundgebungen erneut die trauernde Zivilgesellschaft und die Naziaufmärsche stören. Statt sich auf Diskussionen um ein »würdevolles Gedenken« einzulassen, veranstaltete der »Vorbereitungskreis« eine Vortragsreihe zu deutscher »Erinnerungskultur« und möchte einen eigenen Reader veröffentlichen.

Die neue Konkurrenz zwischen »No Pasarán« und dem alten »Vorbereitungskreis 13. Februar« hat in Dresden die Debatte um einen linken Umgang mit dem 13. Februar kräftig angeheizt. Bereits zum Ende des vergangenen Jahres erschienen mehr Aufrufe und Statements verschiedener Gruppen als in den vergangenen drei Jahren zusammen. Mit der daraus entstandenen Spaltung der Dresdner Antifa wird der Konflikt um die so genannte Antifa-Debatte in der Elbstadt ganz praktisch ausgetragen. Was soll Antifa sein und wie soll sie handeln, das sind die zentralen Fragen dieser Auseinandersetzung. »No Pasarán« wolle mit Menschen aus einem »breiten, antifaschistischen Spektrum« gegen die Naziaufmärsche am 13. und 14. Februar vorgehen, sagte die Gruppe der Jungle World. Und dieser Massenansatz von »No Pasarán« scheint Wirkung zu zeigen – ein Bündnis mit mehr als 50 Unterstützergruppen gegen die Naziaufmärsche am 13. und 14. Februar hat es in Dresden in den Jahren zuvor nie gegeben. Der »Vorbereitungskreis 13. Februar« dagegen wolle lieber die Leute vor den Kopf stoßen als ihnen nach dem Mund reden, teilte die Gruppe mit. Es sei sehr fraglich, ob mit der »inhaltlichen Kapitulation«, welche die Massenmobilisierung von »No Pasarán« mit sich bringe, linke Ansichten gestärkt würden. Stattdessen setze die Gruppe auf eine »konsequente Kritik am Geschichtsrevisionismus dieser trauernden deutschen Zivilgesellschaft«. Eine antifaschistische Massenmobilisierung scheint mit diesem Ansatz derzeit nicht möglich.

Quelle: Jungle World Artikel (Ausgabe 06/2009)

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