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Die Wagenburg der Heulsusen

Warum wir in Dresden nicht willkommen sind und trotzdem dort blockieren werden
Von Friedrich C. Burschel

Eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten im sich selbst zum »Elb-Florenz« stilisierenden Dresden ist der Fürstenzug, ein großes und vor allem langes Mosaik in Schwarz, Weiß und Gold, das die Geschichte des sächsischen Herrschergeschlechts der Wettiner zeigt als zusammenhängenden Tross von Reitern und Fußvolk. Das Interessante an diesem aus edelsten Meißner Porzellanfliesen gefertigten Prunkbild ist die Richtung, in die sich das fürstliche Raum-Zeit-Kontinuum bewegt, nämlich rückwärts. Und vielleicht gibt es kaum etwas, das die Haltung derer besser beschriebe, die sich als die »wahren« DresdenerInnen verstehen und als solche lauthals zu Worte melden. Es ist ihre halsstarrige Rückwärtsgewandtheit, die sowohl Nazis motiviert, hier ein braunes europäisches Groß-Event zu inszenieren, als auch AntifaschistInnen und Protestierende schillernder Couleur nicht nur den Nazis entgegenzutreten, sondern sich auch von dieser absonderlichen Dresdener Selbstinszenierung abzugrenzen.
Wir, und damit meine ich Leute, die vor allem zur Ver- oder zumindest Behinderung des Nazi-Aufmarsches in die sächsische Metropole kommen, haben jetzt einige Jahre bei diesem Popanz zugesehen und stets den Kürzeren gezogen, wenn das offizielle Dresden seine bizarren Gedenk-Zeremonien gegen eine »Invasion« von unerwünschten Nicht-Eingeweihten mit Knüppeln und Bütteln verteidigt hat. Das offizielle Dresden, das ist die politische Verwaltung der Stadt, fast alle Parteien und eine bürgerliche Mitte, die seit dem 13. Februar 1945 bei Wind und Wetter die Fahne eines exklusiven Gedenkens und einer zumindest fragwürdigen Geschichtsdeutung in den kalten Februarwind hängt. Über 60 Jahre wurde am Mythos einer (historisch definitiv widerlegten) Extra-Klasse-Bombardierung der falschen Stadt gestrickt. Es entstand eine Grundhaltung, mit der die Hüter des wahren, stillen Gedenkens den Nazis jedenfalls tendenziell näher sind als denjenigen, denen Nazis mindestens so zuwider sind wie die dreiste Geschichtsklitterung und selbstgefällige Missdeutungen des historischen und politischen Kontextes.
Was bisher geschah: Ein stockkonservativer Dresdener Konsens hatte in den zurückliegenden Jahren, da der Nazi-Event sich zu einem abscheulichen europäischen Großereignis auswuchs, stets ein exklusives Dresdener Opfergedenken postuliert und im Grunde zu verstehen gegeben, dass zwar der Nazi-Großaufmarsch nicht schön, viel schlimmer aber noch der Protest Tausender lauter AntifaschistInnen sei. Lieber ertrug man am Heidefriedhof den Umstand, dass die NPD-Delegation mit Kranz und Glorie kaum 30 Meter hinter Landesregierung und Stadtspitze zu ihrem heuchlerischen Defilee antrat, anstatt Protest nicht nur zu tolerieren, sondern zu ermuntern und zu unterstützen. Man ließ sich seine Dresdener Marotten von rabiaten Uniformierten beschützen. Selbst einem sehr dünnen und mit Promis aufgemotzten Mindestkonsens wie dem »Geh!Denken«-Bündnis mochte die CDU-dominierte Stadt nicht beitreten und ließ den Protest von Zehntausenden ins Leere laufen oder zusammenknüppeln. Die federführende Gewerkschaft sah sich bitter gescheitert und löste das Bündnis auf. Auf der »No Pasarán!«-Aktionskonferenz kündigte DGB-Chef Hron verschmitzt grinsend und in verklausulierten Worten an, man werde die Blockade-Aktionen wohl mit unterstützen, da es ja nun endlich auch um Verhinderung gehen solle.
Und jetzt das: Oberbürgermeisterin Helma Orozs hat getan, was jeder Stratege auch getan hätte. Sie hat im Handstreich den Anti-Nazi-Protest vereinnahmt und zum einzig wahren Protest und Gedenken eine Menschenkette erklärt, die stadtoffiziell so dargestellt wird: »Diese Menschenkette steht als symbolischer Wall um die Innenstadt und schützt diese vor dem Eindringen von Rechtsextremen.« In einem Interview mit der stets diensteifrigen »Sächsischen Zeitung« geht die Stadtmutter noch ins Detail: »Der 13. Februar ist für die Stadt zuerst ein Tag des Gedenkens. Und dieses Gedenken verträgt keinen lauten Protest.« Und weiter: »Es geht um das gemeinsame Einstehen für unsere Stadt. Es geht auf der einen Seite darum, sich an die schrecklichen Ereignisse vor 65 Jahren zu erinnern, zu mahnen, dass sich ein Krieg nicht wiederholen darf. Außerdem geht es darum zu zeigen, dass die Dresdnerinnen und Dresdner keine Nazis in ihrer Stadt haben wollen. Die Menschenkette stellt sich ganz bewusst gegen diesen Missbrauch.« Dieser Aktionsplan der Stadtregierung enthält alle Ingredienzien jener ausgrenzenden und narzisstischen Selbstinszenierung Dresdens, um deren Delegitimierung es dem Anti-Nazi-Protest zwingend auch gehen muss. Abgesehen von der Kriegsrhetorik des Walls, der das feindliche Eindringen stadtfremder Belagerer (»Nazis? Gibt’s bei uns nicht!«) verhindern soll und über die Menschenkette noch das Schlagwort vom menschlichen Schutzschild bedient, entsteht ein weiteres Bild: Das der ihrer Opferhaltung gemäß still heulenden DresdenerInnen, die sich in die Wagenburg ihrer aus Ruinen auferstandenen Innenstadt zurückziehen, um das gewinnträchtige, internationale touristische Highlight der Frauenkirche vor einem geschäftsschädigenden »Eindringen« zu schützen.
Lauten Protest, d. h. eine selbstbewusste, wenig gefühlsduselige bundesweit organisierte Protestdemonstration mit Blockade-Vorsatz weisen die DresdenerInnen in »ihrer Stadt« einmal mehr von sich. Man will auch nach 65 Jahren weiter still um die zehn Prozent verbliebener Bombenopfer trauern, die aufgrund geschichtswissenschaftlicher Expertise nach Dekaden der Lüge von den 250.000 Propaganda-Toten übrig geblieben sind, denen man bisher hinterher schniefte. Externe KrawallmacherInnen also unerwünscht, wenn Dresden in Selbstmitleid und Innerlichkeit versinkt. Auch der DGB sowie andere bisher und auf der Aktionskonferenz kämpferischer auftretende Organisationen reihen sich nun in eine politisch entleerte und symbolisch fragwürdige Menschenkette ein, wo es gegen jeden Krieg gehen soll, auch gegen den, der die Welt von den Deutschen befreite, die ja bis zum 8. Mai 1945 – also auch 12 Wochen nach »Dresdens Opfergang« – noch fast geschlossen am NS-Mordwerk festhielten. Andere »friedliche« Protest- und Gedenkformen werden von den huldvoll gestimmten DresdenerInnen großmütig toleriert: »Die Stadt will dies von den Behörden begleitend unterstützen«, heißt es in Orosz’ Aufruf und diesen Satz können AntifaschistInnen nur als Warnung verstehen.

Ein Grund mehr für jede Antifaschistin und jeden Antifaschisten, am 13. Februar in Dresden zu sein und nicht nur gegen die Nazis zu protestieren und ihren gespenstischen Aufmarsch zu verhindern, sondern auch gegen die hartleibige Unbelehrbarkeit einer Stadt, die definitiv den Schuss nicht gehört hat. Dabei hat schon Brecht alles über die Städte gesagt, die sich heute in ihrer Opferrolle spreizen: »Das sind die Städte, wo wir einst / den Weltzerstörern unser Heil entgegenröhrten / und diese Städte sind auch nur ein Teil / von allen Städten, welche wir zerstörten.«

Quelle: Der Rechte Rand

Kommentare

  1. inkognito sagt:

    sehr zu empfehlen ist auch der neue sammelband den frierich burschel im dietz-verlag gerade herausgegeben hat: Stadt – Land – Rechts: Brauner Alltag in der deutschen Provinz.

  2. carsten sagt:

    ich brauche einen stellplatz für einen lkw in dem ich zur zeit wohne, kann mir jemand helfen oder mir einen tipp geben. ich danke euch und wünsche alles gute

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