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Dresden: Erinnerung an Reichspogromnacht

In Dresden fanden heute Veranstaltungen zum Gedenken an den 70. Jahrestag der Reichspogromnacht mit insgesamt mehreren Hundert Teilnehmern statt. Etwa 40 Nazis versuchten, ein Kunstprojekt von Bürger.Courage zu stören, wurden aber von der Polizei weggeschickt. 160 Menschen nahmen an einer liebevoll gestalteten Radtour teil.

Bereits um 11 Uhr morgens trafen sich über 100 Menschen, darunter einige Antifas, mit Fahrrädern an der Kreuzkirche am Altmarkt. Bevor es eine Viertelstunde später los ging, war die Menge der Teilnehmer auf 160 angewachsen. Die VeranstalterInnen entschuldigten sich: „Jedes Jahr reichen die 100 gedruckten Programmhefte, doch heute waren sie gleich vergriffen.“ Seit 1996 ist die Gedenktafel an der Kreuzkirche die erste Station des „Weg der Erinnerung – Auf den Spuren jüdischen Lebens in Dresden zur Erinnerung an das Novemberpogrom 1938“. Die Gedenktafel an der Kreuzkirche mit der Aufschrift „In Scham und Trauer gedenken Christen der jüdischen Bürger dieser Stadt (…)“ wurde bereits 1988 von der Vorgängerorganisation der heutigen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e.V., Veranstalterin des Weg der Erinnerung, angebracht. Das heutige Thema der Tour war „Ausgegrenzt“; denn „das Pogrom hatte eine lange Vorgeschichte der Ausgrenzung jüdischer Menschen in ihrem Alltagsleben, die von einer Mehrheit der Bürger, (…) mitgetragen und akzeptiert wurde. (…) es gilt, wach und sensibel zu sein, wenn Menschen heute andere ausgrenzen und sich über sie erheben.“

Nach einer Station am Wettiner Platz zur Bücherverbrennung 1933 wurde auf dem Altmarkt der Boykott jüdischer Geschäfte thematisiert. Dazu spielten Schülerinnen und Schüler des St.Benno-Gymnasium eine Szene nach, in der sich ein Geschäftsinhaber gegen das unverschämte Auftreten der SA gewehrt hatte, dafür verprügelt und festgenommen wurde. Jede Station wurde außerdem durch das gemeinsame Singen eines Liedes der jüdischen Widerstandskämpferin Hanna Szenesch und einem Gebet aus Psalm 35 abgerundet.

Am Hygienemuseum ging es um „Sozialhygiene“, die unter den Nazis 1933 zur „Rassenhygiene“ mutierte. Die Absurdität der Nürnberger Rassegesetze wurde deutlich, als Teile davon verlesen wurden. Die Schülerinnen und Schüler vom St.Benno-Gymnasium hatten auch hier etwas vorbereitet. Anhand einer Gruppe von 20 Freiwilligen wiesen sie nach, dass die konsequente Anwendung der Aussortierkriterien der Nazis kaum eine Person verschonen würde.

Etwas Neues zu erfahren gab es dann im Großen Garten. An einer Parkbank wurde an zwei ältere Frauen mit Judenstern erinnert, die dort 1942 verbotenerweise gesessen hatten. Der Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde musste die beiden zur Fahndung ausschreiben. Die Strafe für dieses „Vergehen“ bestand meist im Tod durch Prügel oder Transport ins KZ. Ein Kunstprojekt sieht vor, an dieser und anderen Stellen gläserne Bänke mit der Aufschrift „Hinsehen“ aufzustellen, die an das 1940 erlassene Verbot des Betretens öffentlicher Grünanlagen für jüdische Menschen erinnert. Ursprünglich war die Inschrift „Nur für Arier“ geplant, wogegen es aber Bedenken gab, dass dies zu provokativ wäre oder gar ernst genommen werden könnte.

Am Bahnhof Neustadt wurde die Deportation von Jüdinnen und Juden nachgestellt, indem die Teilnehmer in Zweierreihen einmal durch den Bahnhof zogen. An der Gedenktafel, welche an etwa 200 Dresdener Juden erinnert, die dort am 3. März 1943 den Zug nach Osten in die Konzentrationslager betreten mussten, lasen Schüler Erinnerungen von Überlebenden dieses Transports vor.

In der Neuen Synagoge schließlich, ging es um das Thema „Neue Hoffnung“. Von knapp 5.000 Jüdinnen und Juden lebten 1945 noch etwa 70 in Dresden. Heute sind es wieder 700. Viele kamen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Dresden. Zwei junge Frauen aus Usbekistan und Rußland übernahmen die Gestaltung dieser Station. Sie erzählten viel über die liberale jüdische Gemeinde in Dresden und wiesen während der Führung durch die Synagoge auf alle historischen Bezüge in der Architektur der Synagoge hin, und ermunterten schließlich die Teilnehmer dazu, die ausgeteilten Kerzen als jüdisches Hoffnungssymbol des „Feuers“ zu entzünden. Zum Abschluss luden sie in das Jüdische Gemeindezentrum zu Borschtsch, Kaffee und Kuchen ein. Filme eines Schülerprojekts zum Thema Ausgrenzung wurden gezeigt und an der großen Kaffeetafel fand die Veranstaltung nach 15 Uhr, viel später als ursprünglich geplant, zu ihrem Ausklang.

Gegen 16 Uhr, eine halbe Stunde vor dem ökumenischen Gedenken der Stadt Dresden ebenfalls an der Synagoge, tauchte eine Gruppe Nazis in der Innenstadt auf. Die Nazis begannen sich am Neustädter Markt zu sammeln. Dort in der Nähe plante Bürger.Courage um 17 Uhr ihr Kunstprojekt am Elbufer neben der Augustusbrücke zu eröffnen. Durch die Polizei abgesichert verlief die Veranstaltung dann jedoch nach Plan.

Quelle: Indymedia (09.11.08)

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