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Erklärung des Arbeitskreises „Mythos Dresden“ zum Vorschlag eines Denkmals „Zweimal auferstanden“ in Dresden

Im August diesen Jahres gründete sich der Arbeitskreis „Mythos Dresden“ mit dem Ziel, in das Gedenken am 13. Februar hineinzuwirken. Mit der heutigen Erklärung zur aktuell in der Sächsischen Zeitung losgetretenen Debatte um einen neuen Gedenkort, äußert sich der Arbeitskreis erstmals in der Öffentlichkeit.

Wir dokumentieren die Erklärung des Arbeitskreis „Mythos Dresden“ und die Zeitungsartikel und die Leserbriefe zur Diskussion um den neuen Gedenkort.

Erklärung des Arbeitskreises „Mythos Dresden“
zum Vorschlag eines Denkmals
„Zweimal auferstanden“ in Dresden

Zusammenfassung:

Die Initiatoren des Denkmals „Zweimal auferstanden“ ignorieren die Diskurse der letzten Jahre.

Der Arbeitskreis „Mythos Dresden“ hält die Initiierung eines weiteren Denkmals an sich und vor allem die Grundidee des Denkmals für falsch.

Seit Jahren engagieren sich verschiedene Personen, Initiativen und Parteien in Dresden das Symbol Dresden nicht mit Mythen aufzuladen, sondern auf den Boden historischer Tatsachen zurück zu holen. Dabei wurde stets betont, dass die Erinnerungen an die Ereignisse vom 13./14. Februar 1945 in die Identität Dresdens eingeschrieben sind. Einen freien Umgang mit der Geschichte kann es nur dann geben, wenn man keinen ihrer Aspekte ausblendet.

Das bedeutet aber für uns, dass die Ereignisse nur im historischen Zusammenhang betrachtet werden können und dieser Zusammenhang auch in die Erinnerung der Stadt aufgenommen werden muss. Das heißt:
– Dresden war eben keine unschuldige Stadt ohne militärische Bedeutung, sondern schon vor der Machtergreifung Hitlers eine Hochburg der NSDAP, in der die rassistische, antijüdische Politik der Nationalsozialisten mit großem Eifer und breiter Unterstützung der Bevölkerung umgesetzt wurde.
– Dresden war militärisch bedeutsam, war Standort der Militärforschung, Rüstungszentrum und Verkehrsknotenpunkt.
– In Dresden brannte es schon weit vor 1945: Dresdner Nationalsozialisten verbrannten bereits am 8. März 1933 mit Unterstützung von Dresdner Studenten ihnen verhasste Bücher. 1938 setzten Dresdner SA-Angehörige die Synagoge am Hasenberg in Brand. In Dresden wurde durch die Staatlichen Kunstsammlungen in vorauseilendem Gehorsam die Schau „Spiegelbilder des Verfalls in der Kunst“ bereits im September 1933 inszeniert.

Dies heißt auch: Im Februar 1945 schlug jener Krieg zurück, den die Deutschen mit der Bombardierung der polnischen Stadt Wielun am 1.September vor 70 Jahren begannen und der eine systematische Zerstörung von Städten und Dörfern, damit auch die Vernichtung der Zivilbevölkerung und vor allem das historisch einzigartige Verbrechen des Holocaust bedeutete.

Genau diese Zusammenhänge werden von der vorgeschlagenen Installation des Denkmals ignoriert. Ignoriert wird auch der „Rahmen für das Erinnern“, den im Herbst 2004 Vertreter/innen verschiedener Initiativen und der Stadtverwaltung veröffentlicht haben und der für die Erinnerungskultur in Dresden erste Grundmaßstäbe setzte, hinter die nicht zurückgegangen werden darf. In zwei internationalen Kolloquien haben sich Vertreter/innen aus Dresdner Vereinen und der Stadt mit Gästen aus Dresdner Partnerstädten dem Mythos Dresden und der symbolhaften Bedeutung Dresdens in der Welt kritisch genähert. Festgestellt wurde dabei, dass es in Dresden an der Erinnerung an die Geschichte des Nationalsozialismus vor der Bombardierung Dresdens mangelt. Initiativen, die zum Beispiel anhand des sog. „Judenlager Hellerberg“ andere Orte der Verfolgung und Vertreibung von Gegnern des Nationalsozialismus im öffentlichen Raum besser zur Geltung bringen wollen, warten seit Jahren auf Genehmigungen der Stadtverwaltung. Hier gibt es großen Nachholbedarf.

Der Opfer des Luftkrieges und insbesondere der Luftangriffe vom 13./14.Februar 1945 wird in Dresden bereits in vielfältiger Form und an authentischen Orten gedacht. Gedenkfeiern, Symposien, Kulturveranstaltungen, aber auch Mahndepots und zentrale Erinnerungsstellen wie auf dem Altmarkt bieten dafür Gelegenheit. Wozu braucht es dann eines weiteren Mahnmals – was kann dieses leisten? Die Diskussion darüber, woran wir wann, warum erinnern und mit welchen Botschaften dieses Erinnern aufgeladen sein sollte, kann es nicht führen und nicht ersetzen.

Das geplante Denkmal „Zweimal auferstanden“ verstärkt die mythische Verklärung des Symbols Dresden. Es werden zwei historische Ausgangssituationen gleichgesetzt, die nicht miteinander vergleichbar sind: Die Zerstörung Dresdens 1945 als Folge aktiver Beteiligung an und ungenügenden Widerstandes gegen die NS-Diktatur und die Proteste gegen das DDR-System im Herbst 1989.
Darauf aufbauend nimmt das geplante Denkmal (… „auferstanden“) Bezug auf den schuldlos Gekreuzigten. Die geschichtsverfälschende Deutung besteht darin, Dresden sei nicht aus eigener Schuld zerstört worden und trage zudem – so wie der Christus in der biblischen Erzählung – die Schuld Anderer mit. An einem solchen Denkmal werden die „Junge Landsmannschaft Ostdeutschland“ und die NPD ihre wahre Freude haben. Doch selbst wenn man die „Zweimal Auferstandene“ in Anklang an Prometheus betrachtet, bleibt die Idee der Skulptur mehr als zweifelhaft. Die Geniale, die Schöpferische sprengt alle Fesseln und Beschränkungen und erstarkt an Schicksalsschlägen. Diese Überhöhung führt die Debatten der letzten Jahre in Dresden ad absurdum und ist kontraproduktiv hinsichtlich einer Entmythisierung der Stadtgeschichte.

Eine Einbindung des Denkmals in einen so genannten Denkweg hilft ebenso wenig. Wenn ein Gedenkweg mit dem Grundgedanken der Auferstehung angelegt wird, trägt er Züge eines Kreuzweges. Im Gegensatz zum christlichen Kreuzweg jedoch, der den Menschen durch den Blick auf Christus zu Selbstbesinnung und Buße führen soll, steht beim geplanten städtischen Weg des Gedenkens der Mensch im Mittelpunkt und wird selbst zum Auferstandenen, eine unerträgliche Anmaßung.

Als im Februar 1990 die Bürgerinitiative für den Wiederaufbau der Frauenkirche mit dem „Ruf aus Dresden“ an die europäische Öffentlichkeit trat, war die Rede vom Wiederaufbau des Gotteshauses als christliches Weltfriedenszentrum, in dem „in Wort und Ton das Evangelium des Friedens verkündet, […] Bilder des Friedens gezeigt, Friedensforschung und Friedenserziehung ermöglicht werden.“ sollen. Das geplante Denkmal wirkt nach unserer Meinung genau dem entgegen.

Arbeitskreis „Mythos Dresden“:

Kulturbüro Sachsen e. V.
Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e.V.
HATiKVA – Bildungs- und Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Sachsen e.V.

Elke Zimmermann, Dresdner Stadträtin von Bündnis 90/ Die Grünen
Sabine Friedel, Dresdner Stadträtin der SPD und MdL im Sächsischen Landtag
Dr. Karl-Heinz Gerstenberg, MdL von Bündnis 90/ Die Grünen im Sächsischen Landtag
Eva Jähnigen, Dresdner Stadträtin von Bündnis 90/ Die Grünen und MdL im Sächsischen Landtag

Quelle: Antifagruppe „¡No pasarán!“ Dresden (14.10.09)

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