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Flüsterprotest gegen Kapitalismus

Am Donnerstag demonstrierten rund 30 Personen vor dem Deutschen Hygiene-Museum mit 120 Gründen gegen den Kapitalismus sowie gegen die Tagung „Kapitalismus / Kommunismus – Glanz und Elend zweier Gesellschaftsmodelle“, die parallel zur Kundgebung im Museum stattfand. Die zweitägige, von der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) und dem Lehrstuhl für Politische Systeme und Systemvergleich der TU Dresden organisierte, Veranstaltung fand im Rahmen der Sonderausstellung „Reichtum – mehr als genug“ statt, die noch bis zum 10. November besucht werden kann. Die prominent besetzte Tagung hatte sich zum Ziel gesetzt, aus „analytischer Distanz und multidisziplinärer Perspektive“ Grundlagen und Realisierungschancen, Entwicklungen, Störanfälligkeiten und Stabilisierungsbedingungen von Kapitalismus und Kommunismus näher zu erörtern.

Unter dem Motto: „Der Kapitalismus ist so natürlich wie Polyester“ richtete sich der Protest besonders gegen die Inhalte der Tagung, an der unter anderem der Gießener Professor Eckart Voland teilnahm, der mit Büchern über Biosoziologie und die „Natur des Menschen“ dafür eintritt, Märkte biologisch zu betrachten. Die Grundlagen des kapitalistischen Systems und des menschlichen Verhaltens erklärt Voland mit der Evolution – und beschreibt damit den Kapitalismus als natürlich. Mit Ulrich Blum war darüber hinaus ein Unterstützer und Gründungsmitglied der auch in Dresden aktiven eurokritischen Alternative für Deutschland eingeladen worden. Die Partei, welche in ihrem Wahlprogramm eine weitere Verschlankung der EU „durch mehr Wettbewerb und Eigenverantwortung“ fordert, will schon in diesem Jahr bei der bevorstehenden Bundestagswahl antreten.

In diesem Sinne stand auch das bei hochsommerlichen Temperaturen durchgeführte Kapitalismus-Quiz der Protestierenden, bei dem es auf Grund des hohen Wettbewerbsdrucks viele Verlierer_innen, jedoch keine Gewinner_innen gab. Die Lesung der „120 Gründe“ gegen den Kapitalismus musste unterbrochen werden, da die Verantwortlichen des Museums den Protest auf ihrem Grundstück nur bis Tagungsbeginn duldeten, weil sonst die Konferenz im Inneren des Gebäudes gestört worden wäre. Nachdem die protestierenden Menschen daraufhin auf der anderen Straßenseite bei der inzwischen eingetroffenen Polizei eine Spontankundgebung anmelden wollten, verweigerte der zuständige Beamte dem Anliegen seine Zustimmung. Dennoch konnten die fehlenden zwanzig Gründe gegen den Kapitalismus anschließend unter polizeilicher Aufsicht abseits des Museumsgeländes leise vorgetragen werden.

Kommentare

  1. randOM sagt:

    Ja, und mit Hartmut Rosa war ein Verfechter der Idee anwesend, dass sich der Kapitalismus totwirtschaftet (oder uns). Wenn es schon in wissenschaftlichen Zusammenhängen nicht mehr möglich ist, auch ganz krude Theorien zu vertreten, dann brauchen wir gar nicht mehr zu diskutieren. Der Vortrag von Prof. Rosa war übrigens hervorragend und wirklich pointiert.

  2. puuh sagt:

    @randOM:

    die frage ist halt, ob das, was da in »wissenschaftlichen zusammenhängen« von sich gegeben wird, überhaupt wissenschaft ist? das wäre mal eine spannende diskussion. denn wenn stimmt, was hier oben steht, dass voland (ich kenne das o.g. buch von ihm nicht) märkte zur biologischen tatsache umdeuten will, dann hat das nichts mit wissenschaft (schon gar nicht mit kritischer) zu tun, sondern vielmehr mit dem versuch beherrschung effizient zu gestalten, in dem ökonomie politischer gestaltung entzogen wird. mag sein, dass er dabei wissenschaftlich auftritt, dennoch geht es nur darum »politische fragen zur angelegenheit von spezialisten zu machen, deren sache es ist, im namen des wissens und nicht des klasseninteresses zu entscheiden.« (p. bourdieu)

    außerdem: wer hat denn den »wissenschaftlern« die möglichkeit genommen, ihren unsinn zu vertreten? eine kundgebung wird ihnen ja wohl kaum die möglichkeit genommen haben, oder?

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