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Interview mit dem Vorbereitungskreis „13. Februar“

Stellt uns doch den „Vorbereitungskreis 13. Februar“ kurz vor und erläutert uns was eure Themenschwerpunkte sind.

Wir wollen als Vorbereitungskreis inhaltlich an die Antifa-Aktionen der vergangenen Jahre anknüpfen. Wir setzen einen Kontrapunkt zum parteiübergreifenden Gedenken am 13. und 14. Februar, das seinen Ausgang in der Konstitution der Dresdner Bombentoten als „deutsche Opfer“ findet. Dieser Mythos von den „deutschen Opfern“ ist allerdings nur via Geschichtsrevision und -umdeutung zu haben. Das kritisieren wir, damit zusammenhängend aber auch die aus dem Gedenken abgeleitete neue deutsche Nationalidentität. Wir versuchen also weder die bürgerlichen Gedenkvarianten noch die Nazivariante in unserer Kritik auszusparen, entsprechend thematisieren wir beides – selbstverständlich mit den jeweils nötigen Mitteln. 

Der Naziaufmarsch am 14. Februar gehört mit einer Teilnehmer_innenzahl von ca. 5000 Menschen zu den größten in Europa. Warum hat gerade Dresden einen so hohen Stellenwert in der Naziszene?

Das hat mehrere Gründe. Zunächst ist Dresden bundes- und weltweit als Symbol für die Bombardierung deutscher Städte bekannt. Gerade als vermeintlich „unschuldige Kunst- und Kulturstadt“ hat Dresden eine größere Bedeutung als andere bombardierte Städte wie Hamburg oder Köln – und das gilt innerhalb der Naziszene genauso.

Dementsprechend bieten die verbreiteten Mythen bezüglich Dresdens, also das, was der/die durchschnittliche Deutsche über Dresden zu „wissen“ glaubt, eine ideale Projektionsfläche für die Ideologie der Neonazis. Szeneübergreifend – von JLO über NPD bis hin zu „Freien Kräften“ – steht Dresden hier für zwei Aspekte: für die Opferidentität der Deutschen und für die angeblichen Verbrechen der Alliierten, welche die eigentlichen Täter des Zweiten Weltkrieges seien. Beide Aspekte generieren eine völkische Identität und sind gleichsam Ergebnis einer solchen. Die Opferkonstitution vollzieht sich unverhohlen auf der Basis einer Volksgemeinschaftsideologie, die behauptet, die „Deutschen“ seien aufgrund ihres „Deutschseins“ bombardiert worden.

Zu dieser ideologischen Anziehungskraft des 13. Februars kommt natürlich noch der ganz praktische Grund, dass sich dieser Naziaufmarsch seit nunmehr über zehn Jahren entwickeln und vergrößern konnte, ohne dass sich außerhalb der Antifaszene größerer Widerstand geregt hätte. Im Gegenteil – diese „Trauermärsche“ stießen lange auf mehr Zustimmung als Ablehnung in der Dresdner Bevölkerung. So nahmen in den ersten Jahren auch Bürger_innen daran teil. Anknüpfungspunkt war dabei natürlich das Gedenken an die „deutschen Opfer“, wie es in Dresden alljährlich u. a. an der Frauenkirche zelebriert wurde und immer noch wird.

Sowohl am 13. als auch am 14. Februar wollen Nazis durch Dresden marschieren. Warum gibt es zwei Naziaufmärsche und wodurch unterscheiden sie sich?

Die zwei Naziaufmärsche resultieren aus einem mindestens seit 2005 währenden Streit zwischen JLO und NPD auf der einen und „Freien Kräften“ auf der anderen Seite um die Deutungshoheit und über die Definition des 13. Februar, dieses für die gesamte rechte Szene bedeutenden Ereignisses.

Hauptsächlich wird um die „würdevolle“ Ausgestaltung des „Trauermarschs“ gerungen. Die „Freien“ werfen NPD bzw. JLO vor, diese würden den Trauermarsch politisieren und für eigene Zwecke instrumentalisieren bzw. nur auf Masse setzen. Sie selbst dagegen würden mit ihrem „Aktionsbündnis gegen das Vergessen“ als einzige am „würdevollen“ Gedenken an die Opfer festhalten, indem sie auf dem Termin des 13. Februar bestehen, auch wenn er auf einen Wochentag fällt, und das Ereignis angeblich nicht für die eigene politische Selbstinszenierung missbrauchen.

Darüber hinaus spiegeln die beiden Aufmärsche den Konflikt um unterschiedliche Organisierungsansätze wider. In einer so genannten Aktionswoche rund um den 13. Februar, suggerieren die Freien Kräfte mit einer Vielzahl von kleineren Aktionen in verschiedenen Städten eine Basis, die selbst aktiv wird. Eingebettet als Höhepunkt dieser Aktionswoche stellt der Aufmarsch am 13. Februar das eigene Massenerlebnis dar. Auf beides können und wollen die Freien Kräfte nicht verzichten. Aktionswoche und Aufmarsch dienen der Vergewisserung von Basis und Stärke der Kameradschaftsszene.

Neben dem alljährlichen Naziaufmarsch in Dresden wollt ihr auch gegen das bürgerliche Gedenken an die Bombardierung Dresdens mobil machen. Was ist eure Kritik am bürgerlichen Gedenkdiskurs?

In den bürgerlichen Formen des Gedenkens manifestiert sich ebenso ein deutscher Opfermythos. Auch wenn sich dort die Opferkonstitution anders vollzieht als bei den Nazis, geht es im Kern um ein ähnliches Projekt: die Dresdner Bombentoten werden auch in den bürgerlichen Gedenkvarianten zu „deutschen Opfern“. Damit wiederum wird heute ein positiver Bezug auf eine deutsche, nationale Identität legitimiert.

Die Voraussetzung dafür ist eine Revision der Geschichte, mittels der ein positiver Bezug zu den Dresdner Bombentoten hergestellt wird. Die Wege, auf denen das geschieht, sind dabei durchaus unterschiedlich. Manche Gedenkvarianten machen sich Leid zum Ausgangspunkt ihrer Opferkonstitution. Dabei ist Leid eine apolitische und ahistorische Kategorie, denn sie kennt keinerlei Unterschiede, NS-Verfolgte litten ebenso wie später ihre nationalsozialistisch motivierten Häscher im Zuge der Niederschlagung des NS-Regimes. Ursachen und historische Zusammenhänge bleiben unter diesen Maßstäben unberücksichtigt. Ähnlich problematisch sind die Gedenkvarianten, die deutsche Bevölkerung von jeglicher Beteiligung am Nationalsozialismus freisprechen und Schuld an den NS-Verbrechen lediglich auf Hitler und seine Helfer projizieren. Die deutsche Bevölkerung erscheint hier mehr als „Opfer des NS“ denn als wesentlicher Garant für sein Gelingen.

Im Gedenken wird der Nationalsozialismus als Bezugsrahmen mittlerweile auf abstrakter Ebene mitgenannt, während der Mythos von der unschuldigen Kulturstadt eher in den Hintergrund rückt. Dabei wird aber weiterhin deutsche Schuld verschleiert und einer in großen Teilen nationalsozialistischen Bevölkerung gedacht. Eine kritische Reflektion ihrer Beteiligung im NS muss ausbleiben, entfiele damit dann doch die Möglichkeit sich weiterhin positiv auf diese deutsche Bevölkerung zu beziehen, was auch für die Nationalidentität ein schwerer Schlag wäre.

Mit dieser Opferkonstitution steht Dresden im bundesdeutschen Trend nationaler Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. Unbelastet soll gen Zukunft geschaut werden und so ist es das Interesse einer gegenwärtigen Geschichtsbetrachtung deutsche Identität nicht mit Schuld und Täterschaft zu belasten, sondern über eine kollektive Leidensgemeinschaft zu generieren. Deshalb muss das Gedenken in all seinen Facetten Gegenstand linksradikaler Kritik sein.

Diese Standpunkte fanden auch ganz praktisch Eingang in unsere diesjährigen Tätigkeiten – es gab eine Veranstaltungsreihe, in welcher sich die Referent_innen unter anderem mit der Verarbeitung deutscher Geschichte in so genannten „Histotainment-Event-Movies“ wie „Dresden“ oder „Gustloff“ beschäftigten. Außerdem verfassten wir mehrere Texte, so zum Beispiel „Bei deutschen Opfern am Küchentisch. Rückblick aufs ‚gewandelte‘ Gedenken 2008“, welche über die Internetseite venceremos.antifa.net gelesen werden können. Darüber hinaus ist ein Reader zum Thema „13. Februar“ in Arbeit, der in diesem Jahr erscheint.

Dieses Jahr gibt es zwei antifaschistische Vorbereitungskreise. Worin unterscheiden sie sich in ihrer theoretischen und praktischen Ausrichtung und was sind eure Kritikpunkte am „No-Pasaran Bündnis“?

Oberflächlich gesehen, betraf es rein taktische Fragen: „No Pasarán“ wollte die Ressourcen mehr auf den Nazi-Aufmarsch statt auf die Kritik am „bürgerlichen“ Gedenken konzentrieren, wollte so in der Mobilisierung möglichst massentauglich sein und ganz pragmatisch mit verschiedenen Gruppen zusammenarbeiten, die unsere Kritik am Geschichtsrevisionismus dieser trauernden deutschen Zivilgesellschaft nicht teilen.

Es stellte sich dann aber schnell heraus, dass das No Pasarán-Bündnis selbst nicht bereit war, die bisherige Kritik am bürgerlichen Gedenken mit zu tragen, geschweige denn weiterzuentwickeln. Stattdessen fällt „No Pasarán“ hinter längst erarbeitete Erkenntnisse zurück und verteidigt am Ende das nach wie vor geschichtsrevisionistische bürgerliche Gedenken.

Für uns stellt sich also genau die Frage, ob Antifa versucht, an radikale Gesellschaftskritik anzuknüpfen oder auf Szeneleben und Event-Hopping herabfällt. Ob man die eigene Kritik äußert, selbst wenn diese die Leute vor den Kopf stößt, oder aber ob man nach billigen Ausreden sucht, um den Leuten nach dem Mund reden zu können.

Was erwartet uns dieses Jahr an antifaschistischen Aktivitäten von eurer Seite?

Am 13. Februar gibt es ab 17 Uhr unsere Kundgebung unter dem Motto „Keine Versöhnung mit Deutschland – Deutsche Täter_innen sind keine Opfer“ in der Dresdner Innenstadt. Neben verschiedenen Redebeiträgen zu diesem Anlass wird es Live-Musik von Egotronic und Frittenbude geben, was einen lauten Kontrastpunkt zum allseits eingeforderten „stillen Gedenken“ setzen sollte. Anschließend gilt es den ersten Naziaufmarsch zu stören und bestenfalls zu verhindern.

Für den 14. Februar rufen wir zu einer Kundgebung um 14:00 Uhr in der Innenstadt auf, die sich gegen Naziaufmarsch und Gedenken richtet. Es wird an diesem Tag ebenso Aktivitäten gegen den Naziaufmarsch geben.

Das Interview wurde geführt vom Redaktionskollektiv „FreibÄrger“ und erscheint in dessen aktueller Ausgabe – Infos unter: www.freibaerger.de.

Mehr Informationen zu den Inhalten und Aktionen des „Vorbereitungskreises 13. Februar“: venceremos.antifa.net/13februar/2009

Quelle: Indymedia (09.02.09)

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