Antifa

Darf´s ein bisschen mehr sein?

30. Januar 2020 - 20:20 Uhr

Eine solidarische Kritik am „Aufruf 13. Februar 2020: Nazis stören!“

Debattenbeitrag des Antifa Recherche Team Dresden

Anfang Januar 2020 veröffentlichte Dresden Nazifrei den Aufruf zu den diesjährigen Protesten gegen den alljährlichen Naziaufmarsch anlässlich des 13. Februars in Dresden. In diesem Jahr jährt sich die alliierte Bombardierung der Stadt zum 75. Mal und die Nazis mobilisieren zum Dresden-Gedenken für den 15. Februar.

Nach den erfolgreichen antifaschistischen Massenblockaden in den Jahren 2010 und 2011 brachen die Teilnehmendenzahlen der Neonazi-Demonstration zusammen, das Ereignis selbst und das veranstaltende „Aktionsbündnis gegen das Vergessen“ verlor drastisch an Bedeutung. Inzwischen hat sich das Aktionsbündnis aufgelöst (2016), es war ohnehin nur noch Maik Müller und der ist inzwischen JN-Landeschef und im NPD-Landesvorstand. Doch im letzten Jahr gewann der sogenannte Gedenkmarsch wieder an Zuspruch. Waren es in den zurückliegenden Jahren noch um die 500, marschierten 2019 wieder 900 Nazis durch Dresden.

Ein wichtiger Anlass also, zu Protesten zu mobilisieren. Und natürlich unterstützen wir den Aufruf, Nazis zu stören und ihren Aufmarsch zu verhindern. Der Inhalt des Aufrufs, der vorhandene wie der fehlende, macht es aus unserer Sicht allerdings dringend notwendig einige kritische Worte zu verlieren. Wir wollen dies als Anregung zur Auseinandersetzung verstanden wissen. Uns ist bewusst, dass Dresden 365 Tage im Jahr genug Beschäftigung für Antifaschist*innen bietet, spätestens seit 2014/5 und der seither andauernden Verschiebung nach rechts. Aber gerade deshalb muss es einfach ein bisschen mehr sein! Gerade zu Dresdens fünfter Jahreszeit braucht es Einordnung, Analyse und das Setzen in Zusammenhänge. Andernfalls wird man weder der Bedeutung des Dresden-Gedenkens im bundesdeutschen Erinnerungsdiskurs, noch der Geschichte und Bedeutung des Naziaufmarschs, geschweige denn der jahrelangen Arbeit verschiedener Antifaschist*innen gegen Opfermythos, geschichtsrevisionistisches Gedenken und Naziaufmarsch gerecht.

„Das gemeinsame Ziel ist es, den Nazis die Deutungshoheit über den 13. Februar zu nehmen, ihren Aktionsradius so weit wie möglich einzuschränken und sie nicht marschieren zu lassen.“

Aufruf Dresden Nazifrei

Die Nazis haben nicht per se die Deutungshoheit über den 13. Februar. Als 1998 Nazis versuchten zur Frauenkirche zu demonstrieren, knüpften sie ohne Probleme an die offizielle Lesart und die tradierte Deutung Dresdens als unschuldige Kunst- und Kulturstadt und der Bombardierung als „Kriegsverbrechen“, „sinnlos“ „kurz vor Ende des Krieges“ mit vermeintlich hunderttausenden Toten an. Deshalb waren Dresden-Gedenken und Naziaufmarsch lange anschlussfähig, was den Aufmarsch und dessen Bedeutung so wachsen ließ und nahezu keinerlei Widerspruch hervorrief.

Die offizielle Lesart hat sich nach jahrelangen Protesten und Diskussionen, nach Historikerkommission und im Zuge eines sich wandelnden deutschen Erinnerungsdiskurses verändert. Mit der tradierten Deutung sieht das schon anders aus. An diese versucht Maik Müllers Trauermarsch zwar anzudocken, aber es gelingt anderen. Die AfD ist es, die nun seit einigen Jahren versucht, die Deutungshoheit über das Datum zu erlangen und die Uhren des Gedenkens in Dresden zurück zu drehen. Zur Freude einiger Konservativer in dieser Stadt, denen die Entwicklung der letzten Jahre ein Dorn im Auge war. Sie fordern (wie die Nazis) ein „würdiges“ Denkmal auf dem Altmarkt, stellen die Ergebnisse der Historikerkommission in Frage und wollten in diesem Jahr sogar die Tiefflieger in das Dresdner Rathaus zurückbringen. Für den 11. Februar lud die AfD zum Vortrag mit Gert Bürgel. Inzwischen ist die Veranstaltung als Livestream ins Internet verlegt, das Rathaus zog seine Raumzusage zurück.

Die AfD findet im Aufruf von Dresden Nazifrei jedoch keine Erwähnung. Vor dem Hintergrund der Rechtsverschiebung nicht nur in dieser Stadt die AfD beim Thema Geschichtsrevisionismus und Dresden-Gedenken außenvor zu lassen, ist politisch blind. Es sind auch die Reden vom „Vogelschiss“, von der „Erinnerungswende um 180 Grad“ und vom „Denkmal der Schande“, die den Rahmen dafür bieten, dass auch der neonazistische „Trauermarsch“ wieder wächst.

„Seit nunmehr 20 Jahren nutzen Nazis diesen Tag für ihre Geschichtsklitterung und Dresden als Bühne, um ihr rechtes Gedankengut auf die Straße zu tragen.“ 

Aufruf Dresden Nazifrei

Warum gerade Dresden als Bühne funktioniert, muss hier eine Erwähnung wert sein, will man irgendein Problembewusstsein erzeugen. Offenbar kann es nicht oft genug wiederholt werden. Dresden wurde nicht einfach als Bühne genutzt oder gar missbraucht, sondern bot sich mit seinem Opfermythos an und lud ein. Die Geschichte des Naziaufmarschs ist nicht ohne die Geschichte des Dresdner Gedenkens zu verstehen.

Es ist übrigens bereits das 22. Jahr, in dem Nazis anlässlich des 13. Februar marschieren, offiziell das 21. Jahr. 1999 fand der erste durch die Junge Landsmannschaft Ostdeutschland (JLO) angemeldeten „Trauermarsch“ statt. Dass es 2019 wieder deutlich mehr Nazis waren, die dem Aufruf zu Maik Müllers Dresden-Gedenken folgten, mag auch am “20. Jahr nationaler Erinnerungskultur“ (Zitat vom Rückblick auf 2019 auf der Nazi-Website dresden-gedenken.info) gelegen haben.

„Ziel des „Mahngangs Täterspuren“ ist es zentrale Orte und Akteur*innen des Nationalsozialismus in Dresden zu benennen und so die Legende der „unschuldigen Kunst- und Kulturstadt“ zu widerlegen. Am 13. Februar 2020 selbst wird das Aktionsbündnis an unterschiedlichen Stellen im Stadtgebiet Mahnwachen abhalten, so etwa am Obelisken in Nickern. Die Vereinnahmung des Denkmals als nationalsozialistischer Pilgerort soll so verhindert werden.“

Aufruf Dresden Nazifrei

Der „Mahngang Täterspuren“ war eine Konsequenz langer Diskussion über die Rolle des offiziellen Gedenkens der Stadt Dresden, sowie des in Dresden bis heute vorhandenen, jahrzehntelang vorherrschenden Narrativs zur Bombardierung Dresden am 13./14. Februar 1945. Das Narrativ, in dem Dresden als unschuldiges Opfer dargestellt wurde, diente vorrangig der Relativierung von Shoah und Vernichtungskrieg und der Abwehr von Schuld, weil es sich auf deutsche Opfer – und zwar vermeintlich unschuldige – konzentrierte. Als Schuldige wurden andere, die Alliierten, ausgemacht. Deshalb ist der Mahngang wichtig und richtig. Doch wer den Dresdner Opfermythos in all seinen Facette widerlegen will, kann es sich nicht gleichzeitig zur Aufgabe machen, einen Obelisken mit geschichtsrevisionistischem Gehalt vor einer Vereinnahmung durch Nazis zu beschützen – und das mit einer Mahnwache. Ein Denkmal, welches einzig von „angloamerikanischem Bombenterror“ spricht, wird nicht vereinnahmt, sondern lädt geradezu ein, als „Pilgerort“ geschichtsrevisionistischer Propaganda zu dienen. Da gibt es für linke emanzipatorische Politik nichts zu mahnen oder zu wachen. 

Und zu guter letzt …

Eine Aktionswoche rund um den 13. Februar veranstaltet durch ein Aktionsbündnis, kann sicherlich auch witzig gemeint sein in bewusster Übernahme der Titel der Naziaktivitäten seit 2007. Aber die Pointe fehlt. Übrig bleibt der Eindruck der völlig unreflektierten Namensgebung und Ignoranz gegenüber der jahrelangen Geschichte des Ereignisses, zu dem man doch in diesem Jahr mobilisieren will und rege Teilnahme erwartet.

Die Geschichte des Gedenkens, des Naziaufmarsches und der Gegenaktivitäten komplett außen vor zu lassen und auf keine der intensiv geführten Debatten rund um das Thema 13. Februar in Dresden Bezug zu nehmen, lässt den Aufruf wie aus der Zeit gefallen wirken. Als einziges Argument, gegen den Aufmarsch auf die Straße zu gehen, bleibt dann die Warnung davor, dass er wieder so groß werden könnte, wie vor 2010. Wie es allerdings dazu kam, dass der Aufmarsch überhaupt so groß wurde, und wie es dann gelang den größten Naziaufmarsch Europas zu stoppen, wären die Fragen, die zu stellen sind – um die Antwort darauf zu finden, was heute dringend getan werden muss, damit die ganze Debatte um den 13. Februar in Dresden nicht wieder zurück kippt in Auseinandersetzungen um Opfermythos, Tiefflieger und Dresden als Inbegriff des Deutschen Leids. Denn das könnte nicht nur einen Nazigroßaufmarsch wieder zurückbringen, sondern hätte auch konkrete Auswirkungen auf die Dresdner Stadtpolitik und die politische Kultur in dieser Stadt.


Veröffentlicht am 30. Januar 2020 um 20:20 Uhr von Redaktion in Antifa

Ergänzungen

  • Interessant ist, wenn immer nur fein inhaltliche Kritik geübt wird ohne aktiv an den Prozessen teilzunehmen.

    Das ist aber auch sehr typisch für die Szene jene zu kritisieren ohne selbst etwas aktiv zu tun. Oder wart ihr gar bei den vorbereitenden Plenas? Und schön wäre es ein praktisches Beispiel durch den oder die Kritikübenden, die sich hier in der Anonymität sehr schön verstecken, mal präsentiert zu bekommen.

  • @ Andrea Schulz: Die Diskussion mit einer Unterstellung zu beginnen („immer nur fein inhaltliche Kritik“), kommt nicht gerade sourverän rüber. Das wird auch nicht besser, wenn dann im zweiten Satz die nächste folgt („ohne selbst etwas aktiv zu tun“). Dann noch vermeintliche Anonymität beklagen, während anonym kommentiert wird. Merkste selbst? Vorschlag: Vielleicht sparen wir uns dieses Geplänkel und konzentrieren uns auf die inhaltlichen Fragen.

    Um mal den Anfang zu machen: Was für ein praktisches Beispiel soll präsentiert werden? Das erschließt sich mir bisher nicht.

  • Schöne Grüße aus Nickern:
    Haben Sie eine Idee wie wir aus dem Schlamassel herauskommen???? Das Denkmal steht nun mal da. Auf einer anderen Seite steht übrigens: „Daß sie nicht sinnlos in den Gräbern ruhn, liegt an unserm Denken unserm Tun“, früher fand ich diese Mahnung so toll. Nun ist das Denkmal peinlich.
    Vielleicht bin ich naiv. Aber ich denke, wenn die Entstehung dieses Dorf-Gedenksteins in der Presse endlich einmal ordentlich erläutert würde, wäre der Spuk vorbei. Man sieht doch an der Form, dass der Stein für die Nickerner Jungs und Männer, die im 1. Weltkrieg gestorben waren, aufgestellt wurde. (Solche „Obeliske stehen doch in vielen Dörfern noch, samt Tafeln mit den Geburts- und Sterbedaten.) In der Fotothek gibt es übrigens ein altes Bild. Nach 1945 passte das „Ding“ nicht mehr in die Zeit und sollte weg. Aber die alten Nickerner wollten ihr Denkmal nicht hergeben. Kann man doch verstehen. Oder? Da durch die Bomben im Februar 1945 auch in Nickern einige Menschen gestorben waren, konnte der Nickerner „Dorfvorsteher“ (Die offizielle Bezeichnung kenne ich leider nicht.) mit dem russischen Kommandanten aushandeln, dass der Stein die heute vorhandenen Inschriften erhält und dafür stehen bleiben darf. Die Inschrift „für die Opfer des angloamerikanischen Bombenterrors“ stammt nicht von den Nazis, sondern aus sowjetischer Zeit! Und er war für die im Dorf Gestorbenen gemacht.
    Wenn die dussligen Neonazis endlich „erkennen“ würden, dass man der Toten in Dresden nicht in einem x-beliebigen Dorf gedenken sollte, wäre hier endlich Ruhe. Sorry. Aber
    unser kleines Dorf ist mit dem Nazispuk völlig überfordert, hier kann man keine angemessene Gegendemo organisieren! Das Problem stammt aus der Stadt und gehört dort hin. Gegendemos müssen doch groß sein. Das war zum Verzweifeln, als wir hier zu zwanzigst gegen hunderte Nazis grölen mussten. Wir sind für jede Hilfe dankbar! Bitte überdenken Sie Ihre Meinung, dass man diesen Stein mit der „Einladung“ nicht beschützen sollte. Dieser Platz muss sehr wohl blockiert sein, damit die Nazis in der Stadt bleiben.
    Viele Grüße aus Nickern von Beatrice Hüttner

  • @ Beatrice Hüttner: Die Situation in Nickern ist nicht ganz einfach, das ist klar. Worauf der Text hinweist, dass die Motivation, wie man gegen Nazis agiert, einen Unterschied macht.

    Um am Beispiel Nickern zu bleiben: Der Text will sagen, dass man nicht dabei stehen bleiben kann, Nazis den Platz streitig zu machen. Das ist richtig, aber reicht nicht: Es ist auch notwendig zu schauen, was die Nazis am 13. Februar (oder auch am Gedenkstein in Nickern) interessiert und anlockt und (auch) dort anzusetzen. Der Text plädiert für eine inhaltliche Auseinandersetzung. Denn die Nazis kommen ja, weil sie der Inschrift etwas abgewinnen können. Weil die in ihr falsches Geschichtsbild passt.

    Dass anzuerkennen, führt möglicherweise auch zu anderen Schlüssen: Möglicherweise zu der, dass dieses Denkmal, so wie es da steht, für antifaschistische-demokratische Stadtgesellschaft mindestens irrelevant, wahrscheinlich aber sogar kontraproduktiv ist (eben weil es Nazis anlockt). Möglicherweise auch zu der, dass es am 13. Februar keine antifaschistischen Mahnwachen braucht, sondern lauten Protest und Kritik an der städtischen Gedenkkultur / Denkmalen und Nazis. Es braucht Protest, der eine andere Erinnerungskultur einfordert. Eine Erinnerungskultur, die sich nicht an althergebrachten NS-Mythen („unschuldige Kunst- und Kulturstadt“) orientiert, sondern antifaschistische Engagement stärkt. Eine Erinnerungskultur, die die tatsächlichen NS-Opfer (etwa am 27. Januar) in den Blick nimmt, und die, die bedingungslose Kapitulation Deutschlands am 8. Mai feiert. Das wäre hilfreich, wenn man die heutigen Nazis dauerhaft verkraulen will.

    Was die Sache mit der sowjetischen Genehmigung der Inschrift angeht: Die würde ich nicht allzuhoch hängen. Nur weil das ein Sowjetkommandant durchgewunken hat, ist das nicht der Weisheit letzter Schluss (zumal das offenbar in eine Zeit fällt, in der sich die ehemaligen Alliierten zunehmend feindlich gegenüber standen).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.