Nazis

Duchcov (CZ): Antiziganistische Ausschreitungen

Am vergangenen Samstag versammelten sich in der tschechische Kleinstadt Duchcov bis zu 1.000 Personen zu einem antiziganistischen Aufmarsch, der durch die Neonazipartei DSSS (Dělnická strana sociální spravedlnosti) organisiert wurde. Es war bereits der zweite Aufmarsch binnen weniger Wochen. Schon am 29. Mai waren etwa 500 Menschen nach einem Angriff auf ein junges Paar durch mehrere Personen auf die Straße gegangen. Nur wenige Minuten nach Beginn des Aufzugs vom Samstag versuchten Nazis die Route zu verlassen und zu einer Gegenkundgebung vorzudringen. Dort hatten sich etwa 200 Personen versammelt, um gegen Antiziganismus, Rassismus und Faschismus Stellung zu beziehen. Die Polizei reagierte auf die Angriffe der Neonazis mit Tränengas- und Wasserwerfereinsatz, die anschließenden Auseinandersetzungen zogen sich über mehrere Stunden hin. Erst am frühen Abend beruhigte sich die Situation in der nur 70 Kilometer von Dresden entfernten Stadt wieder.

Mit der Gegenkundgebung unter dem Motto „Heraus aus dem Schlamm“ (Čhikatar het/Z bahna ven) hatte der Tag friedlich begonnen. Verschiedene Initiativen mobilisierten zum Straßenfest und etwa 200 Personen folgten bis zum Mittag dem Aufruf. Mit einem Musik- und bunten Rahmenprogramm wurde gegen die DSSS-Demonstration und den um sich greifenden Antiziganismus protestiert. Die Versammlung fand in einem von vielen Roma bewohnten Viertel statt, um einen Ort zum gegenseitigen Austausch zu schaffen und gleichzeitig den antiziganistischen Mob auf Distanz zu halten. Neben den AnwohnerInnen und Antira-AktivistInnen kam auch der Europaparlamentarier der kommunistischen Partei, Jaromír Kohlíček, zu Wort. Er mahnte Toleranz an, thematisierte aber auch die systematische Benachteiligung von Roma in Tschechien. Im Vorfeld der Kundgebung erklärte Monika Šimůnková,die Menschenrechtsbeauftragte der tschechischen Regierung, dass sie das Anliegen der protestierenden unterstützt. Ein Novum, denn bisher wurden ähnliche Veranstaltungen in der tschechischen Öffentlichkeit und Politik kaum oder gar nicht beachtet. Auch die tschechischen Grünen bekundeten in einem Statement ihre Solidarität mit der Kundgebung.

Parallel zum Straßenfest zog es am Nachmittag immer mehr Menschen zur Auftaktkundgebung des DSSS-Aufmarschs. Die Menge sammelte sich nur 100 Meter vom Straßenfest entfernt und wuchs rasch auf über 500 Personen an. Ein Soundsystem aus Prag bereitete zur Unterstützung der Proteste die adäquate Beschallung des Ortes vor, musste jedoch nach Intervention der Polizei die Musikanlage wieder abbauen. Unterdessen begann der Vorsitzende der DSSS, Tomáš Vondras, eine minutenlange Hetzrede zu halten, die immer wieder vom Beifall und Jubel des Publikums unterbrochen wurde. Die Annahme, dass die „Normalbevölkerung“ Duchcovs von der Beteiligung organisierte Nazis eher abgeschreckt werden würde, scheint sich nicht bestätigt zu haben, denn der Großteil der Anwesenden waren Bürgerinnen und Bürger der nordtschechischen Kleinstadt unweit von Teplice. Unterstützt wurden sie durch mehrere dutzend Neonazis, die teilweise aus ganz Tschechien angereist waren. Dass den Nazis an einer Eskalation der Situation gelegen ist, war absehbar. So äußerte ein lokaler Nazi und Organisator des ersten Anti-Roma-Marsches, es sei nun an der Zeit alle „Zigeuner abzuschlachten“. Er befindet sich damit offenbar nicht im großen Widerspruch zu großen Teilen der „Normalbevölkerung“. So erklärte etwa der Wirt einer Kneipe in der Nähe des Straßenfests gegenüber Gästen, dass er zwar nicht denke, dass die „Zigeuner“ umgebracht werden sollten, „von hier verschwinden“ müssten sie dennoch ausnahmslos.

Nur wenige Minuten nachdem sich der Aufzug in Bewegung gesetzt hatte, vermummten sich etwa 80 Teilnehmende an der Spitze des Aufmarschs und griffen zunächst eine Polizeikette mit Feuerwerkskörpern und später dann mit Steinen und Flaschen an. Gezielt hatten sie nach Schwachpunkten in der Absperrung der Polizei gesucht, um zum Straßenfest vorzudringen. Dass der DSSS-Vorsitzende Vondras nicht wie üblich an der Spitze der Demonstration zu finden war, bekräftigt den Verdacht, dass die Auseinandersetzungen bereits im Vorfeld einkalkuliert worden waren. Nachdem die Polizei zumindest zu Beginn Probleme dabei hatte, ein Eindringen der Nazis zu verhindern, schaffte es sie schließlich doch noch, das Viertel und das Straßenfest abzusichern. Die anschließenden Auseinandersetzungen außerhalb des Polizeikordons zogen sich jedoch über mehrere Stunden hin. Insgesamt verzeichnete die Polizei am vergangenen Samstag über 22 Festnahmen und mindestens fünf verletzte Personen. Bei Vorkontrollen hatten die Beamtinnen und Beamten nach eigenen Angaben 38 Waffen, darunter Baseballschläger und Messer, beschlagnahmt. Obwohl Vondras in seiner Rede behauptete, dass Duchcov an diesem Tag wahrscheinlich der sicherste Ort der Republik sei, machte der Auftritt seiner Gefolgschaft jedoch deutlich, was darunter zu verstehen ist.

Abzuwarten ist, wie sich die Situation in Duchcov weiterentwickelt. Der Hintergrund der jüngsten Anti-Roma-Märsche war ein Vorfall Mitte Mai, bei dem es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen mehren Personen kam. Zuvor hatte ein Mann eine Gruppe Roma verbal provoziert. Ein Polizeiüberwachungsvideo des Vorfalls gelang anschließend in die Hände organisierter Nazis, die es veröffentlichten und zum Ausgangspunkt einer Hetzkampagne gegen Roma machten. Das Video wurde inzwischen tausendfach angegeklickt und der Vorfall wurde zum Gegenstand einer intensiven Berichterstattung in den tschechischen Medien. Die städtischen Vertreter reagierten, in dem sie Maßnahmen gegen „Unangepasste“ (womit die Roma-Minderheit gemeint ist) ankündigten und die Roma-Community der Stadt damit nicht nur in Kollektivhaft nahmen, sondern darüber hinaus auch die Situation weiter verschärften. Nur eine Woche nach der Schlägerei war in Teplice der Roma Ivan Jarka erstochen worden, nachdem er einem Jugendlichen geholfen hatte, der von Nazis bedrängt worden war. Während der Tat sollen rassistische und rechte Parolen gefallen sein. Im Unterschied zum Vorfall in Duchcov blieb der Mord bislang medial weitgehend unbeachtet und die Polizei geht äußerst sparsam mit Informationen um. Deutlich wird allerdings: Antiziganismus ist in Tschechien noch immer ein gesamtgesellschaftliches Problem mit einem hohem Mobilisierungs- und Eskalationspotential.

Das Straßenfest war ein wichtiger Schritt der akuten Brisanz in Duchcov etwas entgegenzusetzen. Zahlreiche weitere Schritte werden wohl auch in Zukunft noch nötig sein. Die Erfahrung zeigt: solidarische Unterstützung ist dabei gerne gesehen. Der Vorfall fügt sich ein in eine Reihe von Übergriffen in der jüngeren Vergangenheit ein. Auf dem Höhepunkt der antiziganistischen Krawalle hatten im Oktober 2008 knapp 1.000 Nazis über mehrere Stunden versucht, ein überwiegend von Roma bewohntes Stadtviertel in Litvínov anzugreifen. Etwa ein halbes Jahr darauf hatte ein Brandanschlag in Vítkov international für Entsetzen gesorgt. Bei dem Anschlag war ein zweijähriges Mädchen durch einen Brandsatz schwer verletzt worden.

Fotos: Anti-Roma-Marsch in Duchcov CZ

Aktuelle Infos: romea.cz/en/antizig.blogsport.de

Nachrichtenbeitrag zu den Ereignissen am 22. Juni:

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