Antifa

Der 13. Februar zum zweiten Mal unter Pandemiebedingungen

11. Februar 2022 - 17:04 Uhr

Noch zwei Tage sind es bis zum alljährlichen Geschehen rund um den 13. Februar. Wie in jedem Jahr ziert die Werbung der AG 13. Februar seit geraumer Zeit die Reklametafeln der Stadt. Vor wenigen Tagen hat das Bündnis Dresden Nazifrei seinen Aufruf für den Täter*innenspurenmahngang und Aktionen gegen den jährlichen Naziaufmarsch veröffentlicht. Aufrufe von autonomen antifaschistischen Gruppen sucht man im Internet bisher vergeblich. 

Das Gedenken der Stadt Dresden steht in diesem Jahr unter dem Motto „Erinnern für eine Zukunft des friedlichen Miteinanders“. Wie in jedem Jahr wird für die Menschenkette am 13. Februar geworben, die sich schützend um die Innenstadt stellen soll. Das erwähnte Motto hebt sich zwar deutlich von noch reaktionäreren Aussagen ab, die in der Vergangenheit durch die Offiziellen der Stadt getroffen wurden. Gleichzeitig bleibt der äußerst fade Beigeschmack: Die Stadt Dresden erinnert zuallererst an ihre eigene Zerstörung. Die soll bitte nicht wiederholt werden. Alles andere, der Überfall der Nationalsozialist:innen auf zahlreiche europäische Staaten, der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die industrielle Vernichtung von Millionen von Menschen in der Shoah, bilden lediglich den blassen Hintergrund, aus dem die Bombardierung der Stadt hervorstechen soll. Zumindest gäbe es zahlreiche besser geeignete Tage um an die Zeit des Nationalsozialismus und seine Opfer zu erinnern, als den 13. Februar.

So wird denn auch in diesem Jahr eine Gedenkveranstaltung am Morgen des 13. Februar auf dem Gelände des Dresdner Heidefriedhofs stattfinden. Organisiert wird die Veranstaltung von dem Verein „Denk Mal Fort! e.V.“, der immer wieder für seine Gedenkarbeit in der Kritik steht. So verlas 2020 u.a. der Neonazi Sebastian Pierre Alber für den Verein Namen der durch die Bombardierung am 13. Februar ums Leben gekommenen Stadtbewohner:innen und sorgte damit für eine Gleichsetzung von nationalsozialistischen Täter:innen und deren Opfern. Später am Tag beteiligte er sich an der Neonazi-Demonstration des „Aktionsbündnisses gegen das Vergessen“.  Mittlerweile ist Sebastian Pierre Alber im Fokus der Ermittlungsbehörden. Im Dezember 2021 durchsuchte die Polizei Dresden im Rahmen der Ermittlungen gegen die „Offlinevernetzung Dresden“ die Wohnung Albers.

Doch nicht nur durch die Beteiligung von Neonazis steht die Veranstaltung auf dem Heidefriedhof seit langem in der Kritik. Wie jedes Jahr wird sich die Gedenkprozession auch in diesem Jahr ihren Weg durch das Gedenkrondell im Dresdner Norden bahnen. Antifaschist:innen kritisieren seit langem den Aufbau der Anlage als geschichtsrevisionistisch. Insbesondere um die 14 Gedenkstellen, bei den neben Dresden neben Orten der nationalsozialistischen Vernichtung wie Auschwitz oder Buchenwald genannt wird, gibt es eine lange Debatte. Bereits 1959 nahm Theodor W. Adorno die Kritik vieler antifaschistischer Aktivist:innen in den vergangenen Jahren voraus, als er von einer „verbreiteten Aufrechnung der Schuld, als ob Dresden Auschwitz abgegolten hätte“ sprach.

Einen Kontrapunkt wird in diesem Jahr nur die beschädigte Statue „Tränenmeer“ bilden. Vor etwa zwei Wochen hatten Unbekannte über Nacht die Figur des weinenden Mädchens umgestoßen. Auf der Plattform de.indymedia.org tauchte dazu ein Bekenner:innenschreiben auf, in dem es heißt: „Das Denkmal ist den „Opfern des 13. Februar 1945“ gewidmet. Die Opfer der Bombenangriffe werden symbolisch als unschuldige Kinder dargestellt, die Bombenangriffe wirken dagegen gerade grauenhaft barbarisch. Dadurch wird das Bild erzeugt, dass der 2. Weltkrieg ein allgemein grausames Ereignis ohne Gut und Böse oder Schuldige war, es wird so getan als wären alle in etwa gleich schuldig und grausam.“

Das Bündnis Dresden Nazifrei ruft indessen zum 12. Mahngang Täter*innenspuren ab 13 Uhr in der Pfotenhauer Straße auf. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf der nationalsozialistischen Geschlechterpolitik und ihren Folgen. Am Auftaktort der Demonstration befand sich etwa das „Reichsmutterhaus“, welches im Juli 1934 gegründet wurde. In der Ausbildungsstätte für Gemeindeschwestern wurde den angehenden Krankenpflegerinnen die Ungleichwertigkeit menschlichen Lebens anhand rassistischer Zuordnungen gelehrt, wie dem Flyer des Bündnis Dresden Nazifrei entnommen werden kann. Weitere Stationen werden die ehemalige „Knabenschule Horst Wessel“ in der Gerokstraße, eine Mädchenschule in der Marschnerstraße und der ehemalige Sportplatz „Hindenburgufer“ sein. 

Der neonazistische Gedenkmarsch soll in diesem Jahr laut Informationen des Bündnis Dresden Nazifrei ab 11 Uhr stattfinden. Aufgrund der aktuellen Pandemiesituation wird es wohl eine Demonstration und nicht nur eine stationäre Kundgebung wie im letzten Jahr geben. Zu dieser waren im vergangenen Jahr mehrere hundert Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet angereist. Nach Aussagen des Kulturbüro Sachsen, ist auch in diesem Jahr erneut mit hunderten Neonazis zu rechnen. Dagegen bewirbt Dresden Nazifrei mehrere Gegenkundgebungen im Innenstadtbereich. Von Aufrufen und Aktionen linksradikaler und autonomer antifaschistischer Gruppen fehlt hingegen noch jede Spur. Bleibt zu hoffen, dass der diesjährige 13. Februar nicht zum antifaschistischen Desaster wird. 

Bildquelle: Flyer Dresden Nazifrei


Veröffentlicht am 11. Februar 2022 um 17:04 Uhr von Redaktion in Antifa

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