Antifa

Linksruck jetzt: Nach der Demo ist vor der Demo

2. Februar 2024 - 18:26 Uhr

Blick von der Brühlschen Terrasse in Dresden auf den Schlossplatz: Der Platz ist gefüllt mit tausenden Menschen, die an der Demonstration unter dem Motto "Zusammen gegen rechts" teilnehmen,

Das war historisch: Am 21. Januar 2024 erlebte Dresden eine der größten Demonstrationen der Stadtgeschichte. Tausende Menschen versammelten sich unter dem Motto „Zusammen gegen rechts“ auf dem Schlossplatz. Anlass war die breit besprochene Recherche von Correctiv über ein Treffen zwischen AfD-Funktionären und Neonazis, auf dem rassistische Vertreibungspläne für Millionen Menschen aus Deutschland konzipiert wurden. Am Wochenende stehen erneut Proteste an: Am 3. Februar in Dresden und am 4. Februar u.a. in Dippoldiswalde und Freiberg.

Bereits am 14. Januar 2024 folgten etwa 1.500 Menschen einem spontanen Protestaufruf gegen die rassistische Hetze. Die Mobilisierungszeit betrug kaum 24 Stunden. Das organisatorische Rückgrat stellte der Dresdner Ableger von Fridays for Future. So auch am 21. Januar. Hier war der Vorlauf aber etwas größer: Bereits eine halbe Woche vorher wurde das Sharepic in allerhand Chatgruppen, Signal-Stories und Social-Media-Kanälen geteilt. Die Presse griff die Demonstrationsankündigung breit auf. Einen Tag zuvor hieß es noch aus Hamburg: „Demonstration wegen Überfüllung vorzeitig abgebrochen.“ unnd „Übergabe des Staffelstabes an den Oberlauf der Elbe“.

Und da war auch einiges los. Aus allen Richtungen strömten Menschen am frühen Sonntagnachmittag Richtung Schlossplatz, der dem Zulauf nicht gewachsen und bald überfüllt war. Die Massen stauten sich auf Augustusbrücke, Brühlscher Terrasse und auf der Sophienstraße hinüber zum Theaterplatz. Der Lautsprecherwagen erreichte nur noch einen Bruchteil der Teilnehmer:innen. Es gab etwas unangemessen langatmiges Lamento am Klavier, angemessen zornige Redebeiträge vom Sächsischen Flüchtlingsrat und Herz statt Hetze und immer kräftigen Applaus der Teilnehmer:innen.

Die waren trotz Kurzfristigkeit recht gut ausstaffiert und mitteilsam. Zahlreiche Pappschilder säumten die Menge, darunter familienkompatible Vorschläge wie „Conni und ihre Atz*innen gehen die AfD mobben“, All-Time-Classics wie „Rassismus ist keine Alternative“ oder kurz und schmerzlos „EkelhAfD“. Nicht alles war ein Hit und es lohnt sicher mal zu hinterfragen, ob Nazis wirklich nur „dumm“ sind oder in der Schule nicht aufgepasst haben. Das ist aber eher Detailkritik, denn alles in allem war die Demonstration protestkulturell vorzeigbar – mit Masse und Klasse.

In dieser Hinsicht gut war auch, dass es nicht bei einer Kundgebung blieb, sondern anschließend ein Demozug gebildet wurde. Das brachte etwas mehr Dynamik in die Sache und stärkte auch das Gefühl für die Selbstwirksamkeit. Es ist das eine, einem Programm zu lauschen. Es ist etwas anderes, im Rahmen einer Demonstration das Programm mit Sprechchören und Gesang selbst zu gestalten. Auch das klappte schon ziemlich gut, insbesondere das zum Abschluss von Hunderten auf der Melodie von „Hejo, spann den Wagen an“-gesungene „Wehr dich / leiste Widerstand / gegen den Faschismus hier im Land / auf die Barrikaden / auf die Barrikaden“ sorgte für Gänsehautmomente.

40.000 Teilnehmer:innen

Die Veranstalter*innen vermeldeten letztlich 40.000 Teilnehmende, das Kulturbüro Dresden schätze auf 25.000 Menschen, die Polizei auf 30.000. Aus Sicht von addn.me wirkte es so, als ob die Dimensionen des 2019er „Unteilbar“-Aufzugs mit über 40.000 Leuten nicht erreicht wurden. Damals zogen Teilnehmende noch vom Altmarkt los, als die ersten Demoblöcke bereits die Route über Carola- und Albertbrücke zur Cockerwiese beendet hatten. Aber selbst 30.000 Teilnehmer*innen wären eine Zäsur: Im Unterschied zu 2019 handelte es sich bei der „Zusammen gegen rechts“-Demonstration um eine überwiegend lokal getragene Demonstration. Parallel demonstrierten jeweils über 1.000 Menschen in Pirna und Görlitz, mehr als 60.000 in Leipzig und 12.000 in Chemnitz. Verglichen mit früheren Mobilisierungen ist das eine enorme Steigerung.

Und es ist zahlenmäßig weit über dem, was das rechte bis neonazistische Lager fähig ist, auf die Straße zu bringen. Selbst in Höchstzeiten im Januar 2015 und mit bundesweiter und internationaler Unterstützung brachte Pegida kaum mehr als 20.000 Teilnehmende auf die Straße. Ein weitgehend einmaliger Moment, an den seitdem nie wieder angeknüpft werden konnte – und der damals auch von zahlenmäßig ebenso starken Gegenprotesten begleitet wurde. Auch Wiederbelebungsversuche, etwa zum „Tag des Widerstands“ Anfang Januar, erreichten nicht mehr diese Höhen. Was das klar macht: Dass sich die Politik auch jenseits der AfD an diesen rassistischen Inhalten ausrichtet, ist eine eklatante Schieflage und bildet nicht die gesellschaftliche Realität ab.

Folglich muss es nun darum gehen, die Wirksamkeit des Protests zu erhöhen. Die nächsten Demonstrationen unter dem Motto „Wir sind die Brandmauer“ sind bereits angekündigt. Am 3. Februar ruft ein breites Bündnis aus über 167 Organisationen zur Versammlung auf den Theaterplatz. „Auf Rechtsruck mit Rechtsruck zu antworten, ist keine Lösung!“, so die Aufforderung einer Organisatorin der Demonstration an das demokratische Parteienspektrum. Musikalischen Support soll es von Ätna, Banda Communale und Revolverheld geben. Erfreulicherweise streut der Protest auch in die Breite und die ländlichen Regionen: Am Sonntag um 14 Uhr heißt es auch in Dippoldiswalde und Freiberg „Zusammen gegen rechts“.


Veröffentlicht am 2. Februar 2024 um 18:26 Uhr von Redaktion in Antifa

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