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Gescheiterter Corona-Spaziergang in Freital – Revival von 2015 fällt aus

18. April 2021 - 16:20 Uhr - 4 Ergänzungen

Bereits am 29. März fand in Freital eine erste Kundgebung gegen die aktuellen Corona-Maßnahmen im Freistaat statt. Auch in zahlreichen weiteren sächsischen Städten gab es ähnliche Versammlungen. Der Aufruf und die bei den Zusammenkünften getätigten Äußerungen lassen jedoch darauf schließen, dass der Unmut über die aktuellen Beschränkungen lediglich als Anlass für die Verbreitung rechter Propaganda genutzt wird. So wurden Ende März in Freital geschichtsrevisionistische Äußerungen getätigt und die Vision eines homogenen deutschen Volkes in den Vordergrund gestellt. Die Organisator:innen wähnen sich im Kampf gegen die Versklavung des deutschen Volkes und riefen zur Zerstörung der sächsischen Regierung auf. Am Montag fand nun die 2. Kundgebung in der Stahlstadt statt. Für uns Grund genug, einen Blick über die Stadtgrenzen Dresdens hinaus zu werfen.

Reisebericht der Antifaschistischen Initiative Löbtau

Die aufrufende Bürgerinitiative Freital kündigte im Vorfeld an, mit mehr als 150 Teilnehmenden „spazieren gehen“ zu wollen. Die maßgeblichen Akteur:innen René Seyfried und Dirk Jährling hatten schon 2015 während der Ausschreitungen am Flüchtlingsheim zu zahllosen Demonstrationen aufgerufen und dabei eine Scharnierfunktion zwischen Online-Hetze und Ausschreitungen erfüllt. Bereits zu Beginn der Kundgebung wurde jedoch deutlich, dass diese Erwartungen nicht erfüllt werden konnten. Mit ca. 80-100 Teilnehmer:innen zeigte sich in Freital ein begrenztes Mobilisierungspotential. Mit der Kundgebung sollte wohl ein Zusammenschluss ähnlich wie 2015 initiiert werden: Jedoch mit mäßigem Erfolg und mehrfach aufbrechenden Zerwürfnissen untereinander, wie die folgende Auswertung der Redebeiträge zeigt.

Gleich zu Beginn sprach Michael Zscherper, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD-Stadtratsfraktion in Freital. Neben der Leugnung der Übersterblichkeit wähnte er sich im „Merkel-Regime“ und versuchte mit seinem Diktaturvergleich kläglich, das Publikum zu begeistern. Erste Streitigkeiten im Umgang mit der AfD zeigten sich bereits beim anschließenden Redner. Thomas Göbel, 2021 aus der AfD ausgetreten und derzeit parteiloser Stadtrat in Frankenberg, kritisierte die AfD stark für leere Versprechungen und sah derzeit keine Möglichkeit der Zusammenarbeit. Mit rassistischen Äußerungen über eingeschleuste Fachkräfte versuchte allerdings auch er zu punkten.

Ein namenlos gebliebener weiterer Redner bediente dann bekannte antisemitische Klischees und sah die Ursachen für die Pandemie und die Maßnahmen bei den Interessen der Hochfinanz und einer herbeifantasierten Marionettenregierung. Während eines weiteren Zwischenmonologs Jährlings stürmte eine sichtlich aufgebrachte Bürgerin ans Mikrofon. Schon zuvor hatte die Frau immer wieder dazwischen gerufen und sich beschwert, dass es doch nicht um die Politik, sondern um die Kinder gehen müsse. So bestand ihre Rede dann großteils daraus, über die von ihr befürchteten psychischen Folgeschäden der Schultests für Kinder zu lamentieren und einem abschließenden Aufruf, das Formular zum Selbsttest zu verwenden.

Über die bisherigen Äußerungen sichtlich enttäuscht, erließ sich nachfolgend der alkoholisiert wirkende René Seyfried in Hasstiraden über Rot-Grün. Dabei wendete er sich auch immer wieder direkt den Stadträten von Grünen und Linke zu, welche die Kundgebung vom Rand beobachteten. Jedoch schaffte auch er es nicht, das Publikum zu größeren Begeisterungsstürmen zu bewegen. Auch die letzte Rednerin konnte die Stimmung nicht heben. In ihrem mit sperrigem Behördendeutsch gespickten Beitrag rief sie dazu auf, die Maskenpflicht an Schulen durch massenhaften Beantragung von Kostenerstattung abzuschaffen. Nach rund einer Stunde wurde die von wenigen Polizist:innen begleitete Versammlung durch Dirk Jährling beendet – ohne Spaziergang. Nur kurz darauf war der Platz dann auch fast wie leergefegt, vereinzelt standen noch Menschen mit Jährling zusammen. 

Konnte 2015 Freital noch als einer der rassistischen Hotspots in Sachsen gelten, war an diesem Montagabend deutlich weniger Aktivität zu erkennen. Den Organisator:innen gelang es nicht, eine Dynamik zu entwickeln, die an Proteste gegen die Geflüchtetenunterkunft im ehemaligen Hotel Leonardo erinnerte. Zu zerstritten scheinen die einzelnen Gruppen. Insbesondere die AfD wurde immer wieder angegriffen. Zu unterschiedlich sind die Themen, die angesprochen werden. Während die einen über das Leiden der Kinder reden, wollen andere die „Globalisten“ enttarnen. Andere wiederum möchten die „rot-grünen Volksverräter“ vor Ort ins Visier nehmen, was in Kontrast zu den Menschen steht, für die der Fokus auf der „Merkel-Diktatur“ in Berlin liegt. Ein einendes Feindbild fehlt im Gegensatz zu 2015, als sich der rassistische Wahn Bahn brach. Aus den Reden war darüber hinaus eine deutliche Resignation zu hören.

Als Fazit bleibt, dass es wichtig ist, die Entwicklung zu beobachten und entsprechend zu reagieren, sollte sich eine Dynamik herausbilden. Im Moment jedoch ist nicht abzusehen, dass die Proteste gegen Corona-Maßnahmen in Freital eine größere Gefahr darstellen. Öffentliche Gegenaktivitäten würden aktuell eher eine Aufwertung dieser Zusammenkünfte bedeuten. Dass damit verbundene erhöhte Mobilisierungspotential der Rechten gilt es zu vermeiden. Besser ist es wohl, wenn der Spannungsbogen vom gemeinsamen bundesweiten Aufstand gegen die kommunistische Diktatur weiterhin beim individuellen Antrag auf Kostenerstattung beim kommunalen Leistungsträger versandet.


Veröffentlicht am 18. April 2021 um 16:20 Uhr von Redaktion in Antifa

Ergänzungen

  • Ich bin heute mit dem Zug von Tharandt kommend an der alten Weizenmühle nähe der Heidenschanze vorbei gefahren und habe ein großes Transparent dort gesehen mit der passenden Aussage „Friday for Future – Montag für gestern“
    Habt ihr davon Fotos?

  • Gibt es schon Fotos von der Aktion an der Weizenmühle an der Tharandter Straße mit dem Spruchband:
    Fridays for Future – Montag für gestern.

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