Feminismus

Buchrezension zu „Dresden que(e)r durch das Jahrhundert“ 

25. Juni 2022 - 09:56 Uhr

von Lucius Teidelbaum 

Die Erforschung von queerer Geschichte ist relativ neu und so sind in diesem Bereich noch viele Schätze zu bergen. Einen Beitrag dazu liefert der im September 2020 erschienene Sammelband „Dresden que(e)r durch das Jahrhundert. Geschichte und Geschichten von 1900 – 2020″, der sich der queeren Regionalgeschichte widmet. Anlässlich des 30. Jahrestages der Beratungsstelle sowieso* KULTUR BERATUNG BILDUNG. Frauen für Frauen e.V.“ veröffentlicht, herausgegeben von Karin Franke und Andrea Siegert. Der bebilderte Sammelband enthält auf 220 Seiten 32 Beiträge von 14 Autor*innen, darunter einige spannende Biografien. Etwa die der Reform-Künstlerin Margarete Junge (1874-1966), die seit 1919 Professorin in der Kunstgewerbeschule in Dresden war und in Dresden-Hellerau als frauenliebende Frau mit ihrer Lebensgefährtin Grete Lindner zusammen lebte.

Wer hätte gewusst, dass der Karl-May-Titelbild-Maler und Freund von Karl May, Sascha Schneider (1870-1927) ein schwuler Mann war? Er versuchte auch erfolglos Körpertraining und Kunst miteinander zu vereinen. Ein schwuler Mann war auch Ludwig Renn (1889-1979), genau genommen „ein schwuler, kommunistischer Dresdener Schriftsteller adeliger Herkunft“ (Seite 72). Renn war im Spanischen Bürgerkrieg Kommandeur der Thälmann-Brigade, bevor er sich erfolgreich als Schriftsteller betätigte und homosexuelle Figuren in seinen Büchern auftreten ließ, aber ansonsten nicht für LSBTTIQ* eintrat.

Die berühmte Dresdner Tanzlehrerin Gret Palucca (1902-1993) lebte mit Marianne Zwingenberg (1896-1967) und zeitweise auch mit Irmgard Schöningh (1908-1967) in einer Beziehung. Tragisch endete die Geschichte von Lili Elbe (1882-1931), einer trans Frau aus Dänemark, die eine geschlechtsangleichende Operation in Dresden vornehmen ließ und an den Folgen der letzten Operation verstarb.

Neben diesen Einzelbiografien wird in dem Buch auch die Geschichte der homosexuellen Bürgerrechtsbewegung in Dresden nachgezeichnet. Besonders die Epochen-Beschreibungen von Karin Franke, Julia Roßhart und Andrea Siegert sind lesenswerte Verbindungsstücke, die helfen, den Kontext der übrigen Texte zu verstehen. Die Bürgerrechtsbewegung beginnt im Beitrag  „Aufbruch und Hoffnung“ von Karin Franke mit der Weimarer Republik, als im Juni 1920 der „Dresdner Freundschaftsbund“ gegründet wurde, der dazu beitrug Treffpunkte und Veranstaltungen zu etablieren.

Auf diese relative Tauwetter-Periode folgt die Verfolgung im Nationalsozialismus. In der Nachkriegszeit etablieren sich in der Sowjetischen Besatzungszone und DDR wieder Treffpunkte und Vereinslokale. Die Toiletten („Klappen“) fungierten als cruising-Treffpunkte für schwule Männer. Laut Sammelband frequentierten auch schwule sowjetische Offiziere und algerische Vertragsarbeiter den inoffiziellen Treffpunkt am Postplatz. Hier trifft quasi Queer- auf Migrationsgeschichte.

Wichtig im Kampf um Emanzipation von LSBTTIQ* waren hier immer wieder einzelne Vorkämpfer, wie etwa der Dresdner Arzt Rudolf Klimmer (1905-1977). Klimmer plädierte in seinem Buch „Die Homosexualität als biologisch-soziologische Zeitfrage“, welches 1957 in der Bundesrepublik erschien, weil es in der DDR nicht gedruckt werden durfte: „Die Gesellschaft muß den Homosexuellen genügende Freiheit für ihre Wesensentfaltung gewähren. Die Lösung der Frage kann allein in einer sinnvollen sozialen Einordnung der homosexuell Veranlagten und in der Überwindung ihrer Isolierung gefunden werden“ (Seite 95).

Zwar wurde Homosexualität 1968 in der DDR teilweise entkriminalisiert, war aber weiterhin tabuisiert. Das ändert sich, wenn auch langsam. In der Zeitschrift „Das Magazin“ vom Dezember 1973 erschien der Artikel „Plädoyer für eine Minderheit“ von Dr. Siegfried Schnabl: „Um es gleich vorwegzunehmen: Der Unterschied zwischen Heterosexuellen und Homosexuellen hat ebenso wenig mit Moral zu tun wie der zwischen Rechts- und Linkshändern.“ (Seite 111-112).

Es folgten weitere juristische Änderungen. Ab Ende der 1970er Jahre durften Lesben in der DDR ein Kind adoptieren, das über ein Jahr in ihrem Haushalt lebt. Auch für trans Personen gab es positive Veränderungen, wie ein Buch-Beitrag erwähnt: „1976 erließ das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR eine Verfügung, die nur einigen ausgewählten Bezirks- und Kreisräten bekannt war, nicht aber der Bevölkerung. Diese Verfügung war die Grundlage für eine Entscheidung, ob eine Person sich einer »geschlechtsumwandelnden Operation« unterziehen durfte. Damit war die DDR nach Schweden (1972) das zweite Land in Europa, welches über ein solches Verfahren verfügte.“ (Seite 124)

In den 1980-er Jahren kommt es zu ersten Gruppen-Bildungen und öffentlichen Auftritten in der DDR. 1983 wurde der kirchliche Arbeitskreis Homosexualität in Dresden gegründet und wenig später bildet sich auch eine Dresdner Lesbengruppe als Ableger. Im Juni 1985 fand in Dresden das erste Frauenfest zum Thema „Lesbische Liebe in der Literatur“ statt, zwei weitere sollten folgen. Bald verlässt man und frau auch die kirchliche Nische. Unter dem Namen „Gerede“ entsteht eine Veranstaltungsreihe der AG Homosexualität im zentralen Klub der Jugend. Die AG erhält im Sommer 1989 sogar den Status eines FDJ-Jugendclubs.

Ab 1989 gab es mit dem „Rosa Telefon“ in Dresden eine eigene Telefonberatung. Eine Schattenseite des Aufbruchs der 1980-er Jahre war die Bespitzelung durch die Staatssicherheit (Stasi), unter anderem auch durch den Einsatz eigener Leute als „Inoffizielle Mitarbeiter“. Spitzel zu rekrutieren war leicht für die Stasi, da Homosexuelle leichter zu erpressen waren.

Die Zeit nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik erlebte eine Zeitzeugin als „Pionier*innenzeit“. Frau und man baute auf bereits Bestehendem auf: „In den 1990er Jahren kam es zu einem unerhörten Aufschwung für Lesben, Schwule, bisexuelle und transgeschlechtliche Menschen. Im Zuge der Friedlichen Revolution von 1989/90 wurden die lesbisch-schwulen Gruppen der 1980er Jahre zur ostdeutschen Emanzipationsbewegung der Schwulen und Lesben.“ (Seite 148). 

Gleichzeitig setzt eine Institutionalisierung und Professionalisierung ein. 1990 entsteht das Frauenbildungszentrum und der Verein *sowieso*. Es gründen sich Coming-out-Gruppen und neue Subkulturorte entstehen. Auch öffentliche Veranstaltungen etablieren sich. Im August 1992 fanden erstmals die Rosa-Lila-Kulturtage zu lesbischer und schwuler Kultur und im Juni 1994 der erste Christopher Street Day (CSD) in Dresden statt.

Ab 1990 war Sachsen als Bundesland dann ein Schlusslicht in Sachen Gleichstellung und die CDU-Regierung setzte sich fast weitere drei Jahrzehnte gegen die gleichgeschlechtliche Ehe ein, die erst 2017 legalisiert wurde. Diese Bremsklötze gab es auch auf regionaler Ebene. Im Jahr 1997 wurden zwei Stellen von Beauftragten für eine gleichgeschlechtliche Lebensweise bei der Stadt Dresden eingerichtet, aber schon 1999 durch die neue CDU-Stadtratsmehrheit umgehend wieder abgeschafft, vorgeblich aus Kostengründen.

Dazu passt auch der Beitrag der feministischen Gruppe e*vibes, der stellenweise geschwärzt wurde. Eine Fußnote erläutert, warum das geschah: „Alle Schwärzungen betreffen Äußerungen, die dem Neutralitätsgebot der Sächsischen Landesdirektion zuwiderlaufen.“ (Seite 220). Offenbar hat die Angst vor einer Skandalisierung durch die AfD zu Zensur-Forderungen der Finanziers des Sammelbands geführt, denen nachgegeben wurde. Der vollständige Beitrag ist hier zu finden.

Der Band ist schön gelayoutet und enthält spannende Sachartikel, genauso wie autobiografisch geprägte Rückschauen und Interviews. Etwas unangenehm fällt auf, dass in dem Beitrag von Dino Heicker über die Opernsängerin Therese Malten (1855-1930) ein ausgemachter Frauenschwarm in Dresden, weder der Antisemit Richard Wagner noch der rassistische Ideologe Houston Stewart Chamberlain wenigstens in einem Nebensatz kritisch eingeordnet werden. 

Die Lektüre lohnt sich für alle an Lokalgeschichte interessierten Menschen.  Das Buch ist ein kleiner aber wichtiger Beitrag zum Thema queeres Leben in Dresden und zeigt an Beispielen auf, wie die LSBTTIQ*-Infrastruktur in Dresden von einer Minderheit gegen Widerstände hart erkämpft wurde. Auf den weiteren Forschungsbedarf wird in mehreren Beiträgen hingewiesen.

*sowieso* KULTUR BERATUNG BILDUNG. Frauen für Frauen e.V., Karin Franke, Andrea Siegert (Hg.): Dresden que(e)r durch das Jahrhundert. Geschichte und Geschichten von 1900 – 2020, Dresden 2020  

Das Buch kann unter folgender Emailadresse bestellt werden: kontakt@frauen-ev-sowieso.de


Veröffentlicht am 25. Juni 2022 um 09:56 Uhr von Redaktion in Feminismus

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