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Gedenken an Sakine Cansız, Fidan Doğan und Leyla Şaylemez zum 9. Todestag in Dresden

12. Januar 2022 - 16:42 Uhr

Am vergangenen Sonntag jährte sich der Todestag der drei kurdischen Revolutionärinnen Sakine Cansız (Sara), Fidan Doğan (Rojbîn) und Leyla Şaylemez (Ronahî) zum neunten Mal. Die Dresdner Ortgruppe von Women Defend Rojava rief dazu auf, im Laufe des Tages ihrer zu gedenken und am Rosa-Luxemburg-Denkmal Blumen für die drei ermordeten Frauen niederzulegen. Der Ort wurde bewusst gewählt, erklärte eine Vertreterin der Dresdner Ortgruppe von Women Defend Rojava, da auch Rosa Luxemburg ermordet und ihrer gedacht wurde.

Am 9. Januar 2013 waren die drei Frauen im kurdischen Informationszentrum in Paris erschossen worden. Einiges weist daraufhin, dass es sich um einen Auftragsmord des türkischen Geheimdienstes MİT gehandelt haben könnte. Bis heute wurden die Täter und Mitwisser nicht zur Rechenschaft gezogen.

Die 1958 in Dêrsim geborene Sakine Cansız gehört zu den Gründungsmitgliedern der 1978 gegründeten PKK (Arbeiterpartei Kurdistan). Während einer 12-jährigen Haftzeit wurde sie Opfer von schwerster Folter. Nach ihrer Entlassung 1991 führte sie ihren Kampf an verschieden Orten im Mittleren Osten weiter und erhielt 1998 politisches Asyl in Frankreich. Seitdem war Cansız in mehreren Ländern Europas politisch für die kurdische Bewegung aktiv, setzte sich intensiv mit Geschlechterfragen auseinander und gilt als eine wichtige Person der kurdischen Frauenbewegung. Darunter auch in Deutschland, wo sie 2007 in Hamburg kurzzeitig in Haft saß. Sie war darüber hinaus Mitglied des Kurdischen Nationalkongress (KNK) mit Sitz in Brüssel.

Fidan Doğan, geboren 1982 und aufgewachsen in der Stadt Albistan, Türkei, kam als Flüchtlingskind nach Frankreich. Dort war sie seit 2001 in mehreren Bereichen der Öffentlichkeitsarbeit für die kurdische Freiheitsbewegung aktiv. Ebenso wie Sakine Cansız fungierte Dogan einige Jahre als Vertreterin des Kurdistan Nationalkongresses (KNK) in Frankreich. Sie galt als junge und trotzdem über große Erfahrung verfügende Diplomatin und war auch außerhalb Frankreich als Diplomatin des KNK aktiv. Kurz vor ihrem 31. Geburtstag wurde ihrem Leben in Paris ein gewaltsam Ende gesetzt.

Leyla Şaylemez, geboren 1989, ist Tochter einer yezidischen Einwander:innenfamilie. Die aus Diyarbakır (Amed) stammende Şaylemez verbrachte ihre frühe Kindheit in der türkischen Küstenstadt Mersin, wohin ihre Familie aufgrund religiöser Verfolgung fliehen musste. In den 1990ern wanderte ihre Familie nach Deutschland aus, wo sie die meiste Zeit über in Halle lebte. Geprägt von ihrer Vergangenheit und dem politischen Geschehen in ihrer Heimat brach Şaylemez ihr Architekturstudium ab und widmete sich von da an voll und ganz dem politischen Aktivismus. Die junge Frau wurde 24 Jahre alt, bevor sie ermordet wurde.

Was geschah am 9. Januar 2013 in Paris?

Am 9. Januar 2013 wurden die kurdischen Politikerinnen Sakine Cansız, Fidan Doğan und Leyla Şaylemez in den Räumen des Kurdischen Informationsbüros in der Nähe des Pariser Nordbahnhofes erschossen. Bei den noch am selben Tag eingeleiteten ersten Ermittlungen ergab sich, dass das Massaker vom türkischen Nachrichtendienst MİT organisiert worden sei. Der Auftragsmörder, Ömer Güney, verstarb, während er sich in französischer Haft befand, woraufhin das Verfahren noch vor Prozessbeginn eingestellt wurde. Obwohl Aussagen von hochrangigen MİT-Funktionären belegten, dass Güney kein Einzeltäter war und den Mord höchstwahrscheinlich im Auftrag des türkischen Geheimdienstes durchführte.

Die Verwicklungen führten bis hin zum damaligen türkischen Botschafter, İsmail Hakkı Musa, in Frankreich. Auch räumte in einer bei CNN Türk ausgestrahlten Fernsehsendung der ehemalige Leiter der Geheimdienstabteilung des Generalstabs, Ismail Hakkı Pekin, ein, dass es sich bei den drei Morden von Paris um eine Operation des türkischen Staates gehandelt habe. Aufgrund des öffentlichen Drucks durch Angehörige der drei wurde schließlich 2019 dem Antrag auf ein neues Ermittlungsverfahren stattgegeben.

Der Verband der kurdischen Frauenbewegung in Europa (TJK-E) äußerte sich in einem Statement zum Gedenktag wie folgt: „Der Kampf um Rechenschaft für das Massaker von Paris ist ein Kampf um Rechenschaft für die Morde an politischen Frauen. Es ist jetzt an der Zeit, die freie Frau und die Gesellschaft gegen den Femizid zu verteidigen. (…) Die Täter müssen verurteilt werden, ohne auf neue Mordnachrichten zu warten. Am Jahrestag des Massakers von Paris werden wir die globale Solidarität der Frauen gegen den Faschismus, das patriarchale System und die Femizide nochmals verstärken. Wir werden zeigen, dass der Aufstand der Frauen nicht aufgehalten werden kann, dass der Kampf alle Grenzen überwinden und alle Mauern einreißen wird. In Sara, Rojbîn und Ronahî vereinen sich unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Wir werden niemals vergessen!“

Dem Aufruf, den in Paris ermordeten Frauen am Denkmal für Rosa Luxenburg zu gedenken, folgten auch Aktivist:innen in Dresden. Eine Vertreterin der Dresdner Ortsgruppe Women Defend Rojava rief dazu auf, gemeinsame Kämpfe zu verbinden und die Freiheitsträume der drei ermordeten Vorreiterinnen zu verwirklichen. „Leisten wir gemeinsam Widerstand, denn Widerstand heißt Leben. Sara, Rojbîn, Ronahî – Jin Jiyan Azadî!“


Veröffentlicht am 12. Januar 2022 um 16:42 Uhr von Redaktion in International

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