Kultur

Jazztage oder Verschwörungsconvention?

2. November 2020 - 18:43 Uhr

Die derzeit stattfindenden Dresdner Jazztage stehen von vielen Seiten in der Kritik. Nach mehreren Vorträgen des Verschwörungstheoretikers Daniele Ganser schaffte es eine Veranstaltung auf Grund eines offensichtlich unzureichenden Hygienekonzept sogar zu bundesweiter Bekanntheit. Zudem war eine Veranstaltung geplant, die die Verteidigung rassistischer und antiromaistischer Sprache nahelegte. Die Jazztage finden noch bis zum 23. November statt, inzwischen wurden jedoch Konzerte wegen Corona abgesagt (Stand 02.11.). Die Veranstaltungsreihe wird von zahlreichen Firmen und öffentlichen Einrichtungen gefördert, darunter die Stadt Dresden, die Kulturstiftung des Freistaats Sachsen und MDR Kultur.

Mit Daniele Ganser trat in diesem Jahr sowie 2019 ein bekannter Verschwörungsideologe bei den Jazztagen auf. Gansers Strategie ist es, „im ersten Schritt Zweifel zu säen und im zweiten Schritt durch rhetorische Fragen Suggestivschlüsse nahezulegen. In den Köpfen der Zuhörenden entstehen dann meist komplexe Verschwörungs- und Bedrohungsszenarien, die antiamerikanische und antisemitische Ressentiments bedienen“, schrieb die Thüringer Kampagne „Ganser Absagen“ bereits im Jahr 2018 zu einem geplanten Auftritt des Publizisten in Erfurt.

Im Vorfeld der Veranstaltung hatten unter anderem Künstler:innen und der Jazzverband Sachsen Kritik geäußert. Der Intendant und Begründer der Jazztage, Kilian Forster, hat die Einladung Gansers jedoch immer wieder öffentlich verteidigt. Einzelne Musiker:innen und Bands haben inzwischen ihre Teilnahme an den Jazztagen abgesagt. Künstler:innen hätten auch zum Boykott der Veranstaltung aufgerufen und sich bei Sponsor:innen beschwert, behauptete Forster gegenüber der Sächsischen Zeitung. Er stellt sich öffentlich als den Standhaften dar, der Widerstand gegen eine „Cancel Culture“ leisten würde.

Die Jazztage gerieten außerdem wegen eines unzureichenden Hygienekonzeptes bundesweit in die Kritik. So berichtete die Sächsische Zeitung von „hunderten Menschen im Ostra-Dome, überwiegend ohne Mund- und Nasenschutz, und das sowohl auf dem eng an eng platzierten Gestühl als auch beim unbesorgten Gang durch die Menge“. Zudem sah das Hygienekonzept „freiwillige Infektionsgruppen“ vor. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach nannte „‚freiwillige Infektionsgruppen‘ mit Wildfremden“ einen „völlig unethischen Menschenversuch“. Die Stadt Dresden, deren Gesundheitsamt das Hygienekonzept zuvor genehmigt hatte, erklärt inzwischen, von „freiwilligen“ Infektionsgruppen nichts gewusst zu haben, sondern von Infektionsgruppen als Hausgemeinschaften ausgegangen zu sein. Das Hygienekonzept müsse nun überarbeitet werden.

Im November steht eine weitere Veranstaltung bei den Jazztagen an, die bereits jetzt öffentlich kritisiert wird. So veröffentlichte die Band Swingin‘ Hermlins eine Stellungnahme zur Diskussionsveranstaltung „Paprikabaron statt Zigeunerbaron? Die Grenzen der Political Correctness“, die in Kooperation mit der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) geplant ist: Für sie als Band mit Musikern unterschiedlichster Herkunft sei es schwer zu ertragen, dass ein Festival, an dem sie teilnehmen, den „diskriminierenden und rassistischen Begriff ‚Zigeuner‘ zu legitimieren“ versuche. „Ganz offensichtlich“, so die Gruppe abschließend, „hegt der Intendant der Dresdner Jazztage große Sympathien für das Wirken Daniele Gansers und für die politischen Positionen jener, die den Gebrauch diskriminierender Begriffe zu verteidigen suchen. Unserer Ansicht nach steht dies der erklärten Absicht, eine Kultur der freien Debatte fördern zu wollen, diametral entgegen. Wer Roma und Sinti als ‚Zigeuner‘ bezeichnet, integriert nicht, sondern grenzt aus.“

Auch der Verein Romano Sumnal, eine Rom:nja-Selbstorganisation aus Leipzig, nahm öffentlich zu der Veranstaltung Stellung. Er kritisierte, dass es sich bei der Diskussionsrunde um eine antiromaistische Veranstaltung handele. Schon der Titel, so der Verein, mache deutlich, „dass es Ihnen nicht um eine respektvolle Auseinandersetzung mit dieser Fremdbezeichnung und der damit verbundenen Diskriminierung geht“. Laut Romano Sumnal ist die Diskriminierung auch Teil der Musikgeschichte. „Rassismus gegenüber Roma und Sinti, findet sich überall –  Stereotype und Vorurteile gehören leider zum Alltag. Es gibt unendliche viele rassistische Klischees. Neben der Gewalt, die uns angetan wird, gehört auch das kitschige Bild vom Leben am Lagerfeuer mit Gitarre, von Freiheit und Vagabundieren zu den gefährlichen Vorurteilen gegen uns.“ Auch die Operette „Der Zigeunerbaron“ von Johann Strauss blase in dieses Horn, heißt es dazu in der Stellungnahme. „Diese Geschichte scheinen die Jazztage weiter zu schreiben, anstatt sich wirklich demokratisch, differenziert und zeitgenössisch damit auseinander zu setzen.“, endet die Kritik an der geplanten Veranstaltung. Weiter rief der Verein dazu auf, Musiker:innen der Minderheit zu unterstützen, anstatt Podien für „rechte Stimmungsmache“ zu bieten.

Laut dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sei die Durchsetzung der Eigenbezeichnung Sinti und Roma im öffentlichen Diskurs eines der zentralen Anliegen der Bürgerrechtsbewegung gewesen. „Wer dafür plädiert, den Ausdruck ‚Zigeuner‘ als Sammelbezeichnung ‚wertneutral‘ zu verwenden, blendet nicht nur den historischen Kontext aus. Er ignoriert auch völlig den heutigen Gebrauch in der Umgangssprache, in der ‚Zigeuner‘ immer noch als Schimpfwort benutzt wird.“ Weiter führt der Zentralrat aus: Das von bösartigen Vorurteilen einerseits und romantischen Klischees anderseits bestimmte Bild vom „Zigeuner“, habe sich längst verselbständigt. Dies Bild wurde in unzähligen Romanen, Filmen und Operetten vervielfältigt. „Als schillernde Projektionsfläche sagt es viel über die Fantasien, Ängste und Wünsche derer aus, die es benutzen. Mit der Lebensrealität der Sinti und Roma hat es schlicht nichts gemein.“

Erst vor wenigen Monaten hatte der Konzern Unilever verkündet, seine Sauce ab jetzt „Paprikasauce Ungarische Art“ zu nennen und von der bisherigen antiromaistischen Bezeichnung abzusehen. Weitere Hersteller wollen dem folgen. Solche Veränderungen sind meist das Resultat jahrelanger Beschwerden von Initiativen und Betroffenengruppen. Häufig wird im Nachgang von Rechten und Konservativen versucht, solch notwendige gesellschaftlich geführte Debatten als „Verbote“ oder „Zensur“ zu delegitimieren.

Und so sind die rechten Diskurse um „Political Correctness“ oder aktueller: „Cancel Culture“ nicht neu. Es ist auch nicht das erste Mal, dass sich vermeintlich harmlose oder neutrale Kulturprojekte in Dresden als Forum für extreme Rechte offenbaren. Schon bei der Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025 – die nun Chemnitz gewonnen hat – hatte die Stadt Dresden Veranstaltungen zugelassen oder zumindest nicht verhindert, in denen extreme Rechte ein Podium bekamen. Seit Jahren weisen längst nicht nur antifaschistische Analysen darauf hin, dass die „Neue Rechte“ gerade im Engagement in Meta- und Kulturpolitik ihre Strategie sieht. Nun findet in Dresden erneut ein großes Event statt, welche verschwörungsideologische Vorträge ermöglicht.

Bild: Screenshot


Veröffentlicht am 2. November 2020 um 18:43 Uhr von Redaktion in Kultur

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