Kultur

„Ein begnadeter Techniker“ – Spirit of Bayon-Gym erinnert an Rukeli Trollmann

23. Dezember 2020 - 16:33 Uhr - Eine Ergänzung

Bild von Johann Wilhelm Rukeli Trollmann

Johann Wilhelm „Rukeli“ Trollmann war ein Star der deutschen Boxszene. Seine Sinti-Herkunft brachte ihn ins Visier des NS-Regimes. Seit 2012 erinnert ein Denkmal vor dem Festspielhaus Hellerau an das Leben des Sportlers. Ein Dresdner Sportverein, das Sprit of Bayon-Gym, übernimmt nun eine Patenschaft für das Denkmal und will künftig die Erinnerung an Trollmann stärken. Wir haben mit Eric und Kevin vom Spirit of Bayon-Gym gesprochen, um mehr über Trollmann, sein Leben und die Pläne des Gyms zu erfahren.

addn.me: Johann Wilhelm „Rukeli“ Trollmann galt in den 1930ern als Star der deutschen Boxszene. Was hat ihn so bekannt gemacht?

Eric: An sich müsste man da schon früher ansetzen. Denn bereits in den 1920er Jahren konnte Johann Wilhelm Trollmann, genannt Rukeli, erste Erfolge erzielen. So wurde er viermal Regionalmeister und auch norddeutscher Meister. Sein Können blieb nicht unbemerkt, dennoch wurde Rukeli Trollmann 1928 aus fadenscheinigen Gründen nicht mit zu den Olympischen Spielen nach Amsterdam genommen. Der große Durchbruch sollte dann aber in den 1930er Jahren erfolgen. Dies hatte auch mit dem hohen Stellenwert zu tun, den das Boxen in der Weimarer Republik besaß.

Kevin: Genau, denn nach der Nichtnominierung für die Olympischen Spiele entschloss sich Rukeli Trollmann, Profiboxer zu werden. Seinen ersten Kampf gegen Willi Bolze gewann er durch k. o. Es folgten viele weitere Kämpfe. 1930 bestritt er in Deutschland 13 Kämpfe und zwei Jahre später boxte er nur noch gegen die Besten der Welt – im Welter-, Mittel- und Halbschwergewicht (z.B. gegen Baisley, de Boer, Russo oder Witt). Neben den Erfolgen war es vor allem sein Kampfstil, der ihn zum Star machte. Oder in den Worten des Trollmann e.V.: „Der Boxsport hatte auf einen wie Rukeli gewartet, ein eleganter Boxer, ein echter Fighter, ein gutaussehender Mann […]; aus solchem Holz werden Stars geschnitzt.“

Rukeli Trollmann pflegte einen einzigartigen und erfolgreichen Boxstil. Was hat ihn dabei aus sportlicher Sicht ausgezeichnet? Und wieso wurde ihm seine Art zu Kämpfen zum Verhängnis?

Eric: Rukeli Trollmann war vor allem eins: ein begnadeter Techniker. Vor allem im Mittelgewicht kämpfend, zeichnete sich sein Kampfstil gerade durch seine Schnelligkeit aus. Dadurch konnte er seinen eigenen Stil entwickeln: schnell auf den Beinen, durch den Ring tänzelnd, elegant den Gegnern ausweichend. Damit machte er seine Gegner müde und mürbe und konnte dann mit einem extrem harten Punch zuschlagen. Mit diesem Stil war Rukeli Trollmann seiner Zeit weit voraus. Manche behaupten gar, dass er schon in den 1920er so wie später Muhammad Ali geboxt hätte.

Kevin: Trotz seiner Erfolge und seines einzigartigen Boxstils war Johann Wilhelm Trollmann als Sinto Anfeindungen, Diffamierungen und Ausgrenzung ausgesetzt. So bei der Nichtnominierung für die Olympischen Spiele, aber auch darüber hinaus. Von der Sportpresse „Gipsy“ getauft, wurde er oft als „tanzender Zigeuner“, der „undeutsch“ boxe, bezeichnet. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschärfte sich die Situation für den Sinto-Boxer noch einmal. Zwar bot sich für Rukeli Trollmann 1933 die Möglichkeit, um die Deutsche Meisterschaft zu kämpfen, da die Nationalsozialisten den amtierenden Meister und Dominator, den Juden Erich Seelig, bedroht und verjagt hatten, doch der Kampf sollte unter nationalsozialistischen Vorzeichen stattfinden.

Eric: Denn Adolf Hitler hatte schon in „Mein Kampf“ den Boxsport als „arische“ Sportart auserkoren. Der Boxsport hieß nun auch „Faustkampf“ und die Boxclubs „arisierten“ sich. Da aber Rukeli Trollmann zu bekannt und beliebt war, konnten die Nationalsozialisten ihn nicht einfach aus dem Sport verdrängen. Am 9. Juni 1933 fand der Kampf um die Deutsche Meisterschaft zwischen Rukeli Trollmann und Adolf Witt statt. Adolf Witt hatte keine Chance gegen den taktisch überlegenen Johann Wilhelm Trollmann. Damit wurde ganz klar an der idiotischen Vorstellung von der „arischen“ Überlegenheit gerüttelt, weshalb der Vorsitzende des Verbandes „Deutscher Faustkämpfer“ Radamm eingriff und darauf wirkte, dass der Kampf Remis gewertet wurde. Nach dieser Manipulation kam es zu Tumulten im Publikum und der Sieg und Titel wurden doch Rukeli Trollmann zugesprochen. Dies war ein sehr emotionaler Moment für den Boxer und er konnte seine Tränen nicht verbergen. Diesen Moment nutzten die Verantwortlichen aus, um ihn Wochen später den Titel wegen „armseligen Verhaltens“ wieder zu entziehen.

Kevin: Erst 2003 hat der Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) nach massivem Druck Johann Wilhelm Trollmann den Deutschen Meistertitel nachträglich wieder zuerkannt. Und diese Posse um die Deutsche Meisterschaft 1933 sollte noch ein weiteres Kapitel schreiben. Drei Wochen nach dem von Eric beschriebenen Trauerspiel, inszenierte Rukeli Trollmann ein bis dato einzigartiges Spektakel.

Eric: Genau. Rukeli Trollmann hatte einen weiteren Kampf, in dem er auf seine Situation aufmerksam machen wollte. Er hatte sich mit Mehl das Gesicht aufgehellt und sich die Haare gebleicht, um wie ein vermeintlicher „Arier“ auszusehen. Ihm wurden bereits im Vorfeld viele Auflagen gemacht, damit sich das Ergebnis vom Titelkampf nicht wiederhole. Aufgrund dessen und aus Protest verzichtete er bei dem Kampf gegen Gustav Eder auch auf seine berühmte Beinarbeit und lies sich so lange verprügeln, bis er bewusstlos zu Boden ging. Mit der Aktion hatte er seine Peiniger öffentlich bloßgestellt. In der Folge kam es zu seinem Lizenzentzug und dem Ende seiner Boxkarriere.

1933 endete Trollmanns Karriere unter dem Einfluss der nationalsozialistischen Sportfunktionäre. Die NSDAP baute ihre Macht weiter aus, später folgten die Nürnberger Rassegesetze, mit dem Überfall auf Polen der Auftakt zum Zweiten Weltkrieg. Wie erging es Trollmann, der sich dagegen aufgelehnt hatte?

Kevin: Wie bei der letzten Frage schon erwähnt, hat Rukeli Trollmann bei seinem letzten Kampf, der einer Farce glich, gezeigt, was er von den rassistischen Einstellungen und der vermeintlichen „arischen“ Überlegenheit der Nationalsozialisten hielt. Nach seinem erzwungenen Karriereende fand der ehemalige Boxer zunächst zumindest privat sein Glück. 1935 wurde er Vater und heiratete Olga Frieda Bielda. Doch leider zeigte noch im selben Jahr das nationalsozialistische Regime sein antiromaistisches Gesicht: Ein Amtsgericht bestätigte die „Diagnose“ von „angeborenem Schwachsinn“ – mit der Folge, dass er (wahrscheinlich) kurz vor Weihnachten 1935 zwangsterilisiert wurde.

Eric: Ja, und trotz der Geschichte um das Ende seiner Karriere und Zwangssterilisation wurde er 1939 zum Kriegsdienst eingezogen – als Kanonenfutter. Im Zuge einer rassistischen Verordnung, die Sinto für wehrunfähig erklärte, wurde Rukeli Trollmann aus dem Militärdienst entlassen. 1942 verhaftete ihn die Gestapo und im September wurde er ins Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg gebracht. Viele erkannten den ehemaligen Boxer wieder. Er musste die SS-Männer im Boxsport unterrichten und zur Belustigung der Wachmannschaft Boxkämpfe bestreiten. Im März 1944 endete das Leben von Johann Wilhelm Trollmann in eben jenem KZ. Die genauen Umstände seines Todes sind nicht bekannt, aber wahrscheinlich wurde er nach einem Boxkampf im KZ totgeschlagen. Der Kapo Emil Cornelius boxte gegen Rukeli Trollmann, verlor und erschlug den Sinto hinterrücks.

In Dresden steht seit 2012 ein Denkmal, das an Trollmann erinnert. Wie kam es dazu und wie seid ihr auf das Denkmal aufmerksam geworden?

Eric: Das Denkmal für Johann Wilhelm Trollmann, auch bekannt unter dem Namen Skulptur „9481“, wurde von der Künstlergruppe BEWEGUNG NURR 2012 in Hellerau aufgestellt, um an den Boxer und sein Schicksal zu erinnern. Die Künstlergruppe begründet die Errichtung damit: „In Medien, Politik und Alltagsbewusstsein werden Vorurteile zu Sinti und Roma beständig wiederholt. Im Einsatz gegen Rassismus und Antiziganismus darf sich niemand zurücklehnen.“ Am 19. Oktober 2012 wurde das Denkmal in Anwesenheit von Rita Vowe, der Tochter von Rukeli Trollmann, und Manuel Trollmann, Großneffe von ihm, eingeweiht. Als Anlass nutzten die Initiatoren die Aufführung des Stücks „Open for Everything“ von Constanza Marca.

Kevin: Ursprünglich sollte das Denkmal auch nur temporär für sechs Wochen zu sehen sein. Immerhin war Rukeli Trollmann nur zweimal in Dresden. Er hatte hier 1932 Boxkämpfe bestritten und beide gewonnen. Es ist aber auch heute noch zu sehen. Und als weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen, die sich viel mit der Thematik Antiromaismus auseinandersetzen, uns in diesem Jahr fragten, ob wir die Patenschaft für das Denkmal übernehmen wollen, mussten wir nicht zweimal überlegen. Wir als Spirit of Bayon haben die Anfrage sehr gern entgegengenommen und wollen die Patenschaft mit Inhalt füllen.

Ihr übernehmt für das Denkmal eine Patenschaft und wollt das Erinnern an Rukeli Trollmann stärken. Warum ist die Geschichte Trollmanns heute noch spannend?

Kevin: Die Biographie von Rukeli Trollmann ist in vielerlei Hinsicht spannend: Zum einen hat man einen sehr talentierten und erfolgreichen Boxer, der trotz aller Widrigkeiten 1933 Deutscher Meister werden konnte. Gleichzeitig zeigt die Aberkennung eben jenes Titels aufgrund nationalsozialistischer Vorstellungen die Grenzen der individuellen Entfaltungsmöglichkeiten. Sein Können, sein Erfolg und seine Beliebtheit haben ihn nicht vor dem Tod im KZ geschützt.

Eric: Und auch sollte in Erinnerung gerufen werden, dass wir mit der Beschäftigung mit Rukeli Trollmann stellvertretend an alle von den Deutschen im Porajmos ermordeten Sinti und Roma gedenken. Wie wichtig das ist, verdeutlicht die Kontinuität, die der Antiromaismus auch nach 1945 teils bis heute besitzt.

Was sind eure nächsten Schritte?

Kevin: Zunächst einmal hängt vieles an und fällt mit der Coronasituation und den Regeln zu deren Eindämmung. Dennoch haben wir schon ein paar Ideen und Pläne. Zunächst wollen wir am 27. Dezember an Johann Wilhelm Trollmann erinnern – es wäre sein 113. Geburtstag – und werden in diesem Zusammenhang „offiziell“ die übernommene Patenschaft bekannt geben. Darüber hinaus planen wir inhaltliche Veranstaltungen und Filmvorführungen zu seiner Person, zur Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus und zur Beständigkeit antiromaistischer Ressentiments bis heute.

Eric: Außerdem haben wir T-Shirts entworfen, die die Erinnerung an Rukeli Trollmann wach halten sollen und dies eben auch in einem Kampfsportkontext. Als ein großes Highlight möchten wir gern eine Fightnight auf die Beine stellen. Diese soll beides verbinden: Erinnern und Kampfsport. Wir sind auch in Gesprächen mit dem Trollmann e.V. und RomaRespekt, da wir gern mit beiden zusammen etwas gestalten wollen. Jeglichen Erlöse (T-Shirts, Fighnight) werden wir Romaprojekten zukommen lassen.

Vielen Dank für das Interview!

Weitere Informationen:


Veröffentlicht am 23. Dezember 2020 um 16:33 Uhr von Redaktion in Kultur

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