Kultur

Sächsische Kunst – zwei Jahre Einbruch ins Grüne Gewölbe

25. November 2021 - 13:21 Uhr

Vor zwei Jahren änderte sich für die Sächs:innen das Leben schlagartig. Der Verlust der sächsischen Identität stellte einen tiefen Eingriff in den Alltag der Menschen im Lande zwischen Plauen und Görlitz dar! Was war geschehen?

An jenem schicksalshaften Montagmorgen im November hatten sich Diebe Zugang zum Grünen Gewölbe verschafft und mehrere Kunstgegenstände entwendet. Was darauf folgte, war eine typisch sächsische Provinzposse: Ministerpräsident Kretschmer kolportierte gleich den Diebstahl der sächsischen Identität, das rechte Stadtratsmitglied Frank Hannig versuchte sich mit einer dubiosen Spendensammlung an ihrer Wiederbeschaffung zu beteiligen und die sächsische Polizei machte mit einem mehr oder weniger dilettantisch geplanten Ausflug in den Berliner Stadtteil Neukölln im Jahr darauf von sich reden.

Eine ironisch-ernsthafte Bestandstaufnahme zwei Jahre nach dem Einbruch ins Grüne Gewölbe

Unersätzbare Schätze

Als das Grüne Gewölbe knapp ein Jahr nach dem Diebstahl wieder seine Pforten öffnete, war der Anblick der leeren Vitrinen für einige Besucher:innen kaum auszuhalten. Unter Tränen erklärte eine ältere Frau, „Ich bin von Dresden, insofern bin ich betroffen (!)“ gegenüber Journalist:innen der Tagesschau, welche das Ereignis von Weltrang begleiteten. Ein älterer Herr – dessen Mund-Nasenschutz von der Nase herunterzurutschen drohte – ergänzte mit einer pathetischen Handbewegung: „unersätzbare Schätze sind das“. Mit dem Griff zum Herzen und leicht zittriger Stimme fuhr er in breitem Sächsisch fort: „es tut mir richtig weh“.

Quelle: https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-709025.html

Es war diese tiefe und durchaus ernsthafte Emotionalität der beiden Besucher:innen, die als Resultat der von Ministerpräsident Michael Kretschmer getätigten Aussage stand, dass nicht nur die Sächsischen Kunstsammlungen (SKD) bestohlen worden seien, sondern „WIR“ Sachsen. Etwa im gleichen Ton hatte das Sächsische Innenministerium (SMI) geschrieben, als dort von einem Anschlag auf die kulturelle Identität der Sachsen gesprochen wurde.

Das extrem rechte Stadtratsmitglied Frank Hannig ging noch einen Schritt weiter, als er in typischer Gigantomanie, Selbstüberschätzung und Volksmobmentalität in einer Pressemitteilung fragte: „Setzen die Sachsen ein gigantisches Kopfgeld aus?“. Ziel der Aktion sollte es sein, dass jede:r Sachse:Sächsin einen Euro spende, um ein vier Millionen Euro hohes Kopfgeld auf die Ergreifung der Täter:innen auszusetzen. Die Idee scheiterte jedoch bereits im Ansatz am Spendenunwillen der Sachsen.

Von Identität, Trümmern und Gittern

Nüchterner ging die Chefin der Staatlichen Kunstsammlungen, Marion Ackermann, an die Sache mit der Identität heran. In einem Vortrag im Schauspielhaus untersuchte sie, ob und warum der Diebstahl im Grünen Gewölbe als ein „Raub der Identität“ wahrgenommen wurde. Dass die Veranstaltung vor fast ausverkauftem Haus stattfand, wurde vom Feuilleton der Sächsischen Zeitung sogleich als Indikator für die starke Identität „der Sachsen“ interpretiert. Demnach sei es keine Wunder gewesen, dass das Staatsschauspiel gut besucht war, „denn das Wort Identität schreiben die meisten Sachsen groß und ohne Gänsefüßchen. Weil sie ihre Heimat lieben, weil sie stolz darauf sind, wie sich das Land entwickelt und weil sie immer die Ersten sind, die neu eröffnete Museen oder rekonstruierte Schlösser in Augenschein nehmen“.

Mit ihren Mutmaßung bediente die Zeitung gleich mehrere Versatzstücke rechter Ideologie, wie sie die faschistische Identitäre Bewegung (IB) seit Jahren propagiert. Identität wird als beschönigende Umschreibung für – natürlich an den Haaren herbeigezogene – ethnische Zugehörigkeit verwendet. Ob zum Beispiel „die Bayer:innen“ das Wort in Gänsefüßchen schreiben, macht es kein bisschen besser. Auch die Liebe zur Heimat ist nicht mehr als ein durchsichtiger Mantel für den Nationalismus, den zuletzt Ministerpräsident Kretschmer gegenüber Migrant:innen an der polnischen EU-Außengrenze artikulierte. Wer ungeachtet des eigenen Parteibuchs stolz darauf ist, wie sich der Freistaat nach 89 entwickelt hat, verschließt die Augen vor der brutalen Realität rassistischer Zustände und kapitalistischer Ausbeutung.

Bei so viel Überhöhung der „immer lachenden Heimat“ kann schon mal verloren gehen, dass der Vortrag viele spannende und kritische Momente lieferte. So analysierte Ackmann, dass schon August der Starke Kunst dafür missbraucht hatte, um seine eigene Macht als Kurfürst von Sachsen und König von Polen zu festigen. Weiter stellte sie heraus, dass dort, „wo das Gefühl kollektiver Identität kaum noch vorhanden ist, […] eine tiefe Sehnsucht nach Halt, nach dem Selbstverständlichen und Unhinterfragten“ entsteht. Eine Haltung, welche sich auf der einen Seite seit mehreren Jahren im tiefverwurzelten Rassismus bei PEGIDA widerspiegelt und auf der anderen Seite durch das Kultusministerium in Form von „Genderverboten“ an sächsischen Schulen bis weit hinein in die Reihen der sächsischen CDU reicht.

Die Sehnsucht nach dem Volkskollektiv und dessen blanken Rassismus bekam die 56-Jährige dann sogleich zu spüren, als sie in einem Gastbeitrag in der SZ die Frage stellte, ob „diskriminierende Kunst für immer ins Depot“ müsse. Die Reaktion der Sächsischen Landtagsfraktion der AfD ließ nicht lange auf sich warten, indem sie von einem Rassismus-Generalverdacht gegen sächsische Kunstwerke sprach und die Entlassung der renommierten Kunsthistorikerin forderte: „Statt die Agenda der Antifa-nahen Black Lives Matter-Bewegung mit peinlichen Arbeitsgruppen zu forcieren, sollte die Generaldirektorin eigentlich alle Hände voll zu tun haben, um den guten Ruf des Grünen Gewölbes wiederherzustellen“. Und auch das neurechte Tumult Magazin attestierte Ackermann „ABGRUNDTIEFE BILDUNGSDEFIZITE (!)“, da diese sich „an teilweise jahrhundertealten, vertrauten Bezeichnungen für Kunstwerke“ vergreife.

Dabei scheint die AfD nicht einmal verstanden zu haben, in welche „antideutschen“ Fußstapfen Marion Ackerman mit der wichtigsten Erkenntnis ihres Vortrags im Staatsschauspiel trat. Sie sei zu dem erschreckenden Ergebnis gekommen, dass das stärkste identitätsstiftende Moment der Dresdner die Zerstörung ihrer Stadt im Februar 1945 gewesen sei: „ihrer Stadt als Gesamtkunstwerk“. Diese Form der kollektiven Identität wirke stark exkludierend, so Ackermann und verwies dabei auf die Forderungen nach einem Denkmal im Wahlprogramm der AfD. Der Bezug auf das „alte Dresden“, das „Elbflorenz“ und den historischen Wiederaufbau der Stadt sind bis heute wichtige Stützpfeiler für die reaktionäre und geschichtsrevisionistische Haltung eines großen Teils der Stadtgesellschaft. Nicht ohne Grund inszenieren sich Nazis, PEGIDA und AfD regelmäßig vor der Kulisse der Dresdner Altstadt ganz so, wie es einst Adolf Hitler und seine willigen Vollstrecker auf dem Dresdner Theaterplatz taten.

Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass eben jener radikale und geschichtsvergessene historische Wiederaufbau der Stadt erst den „Jahrhundertcoup“ im Grünen Gewölbe ermöglichte. Nach der Zerstörung des Residenzschlosses bei der Bombardierung am 13. Februar 1945, wurde Mitte der 1980iger Jahre mit dem Wiederaufbau begonnen, welcher erst 2019 vollständig abgeschlossen wurde. Dieser folgte dem Dogma einer detailgenauen architektonischen Rekonstruktion, bei der am Grünen Gewölbe auch die Gitterstäbe aus dem Jahr 1901 wieder verwendet werden mussten. Zu dieser Zeit, so erklärte die Dresdner TU-Professorin Martina Zimmermann, war gehärteter Stahl noch nicht erfunden. Womöglich hätten die benutzten hydraulischen Scheren auch gehärteten Stahl durchtrennt, dennoch dürfte sich die rekonstruierte sächsische Identität gegenüber den modernen technischen Hilfsmitteln wie Butter verhalten haben.

Neuköllner Nächte sind lang

Appropo Ironie. Dass gerade ein „arabischer Clan“ die sächsische Identität gestohlen haben soll, ist mehr als nur ein Treppenwitz der Geschichte. In Erwartung guter populistischer Schlagzeilen frohlockte die AfD bereits im Juli 2020: „Statt sich auf diese Kernaufgabe des Staates (gemeint ist die innere Sicherheit) zu konzentrieren, war es in Sachsen jedoch anscheinend wichtiger, die Opposition zu bespitzeln. Das Ergebnis haben wir nun: Der hochkriminelle Miri-Clan, der seit vielen Jahren mit Gewalt, Drogen- und Waffenhandel westdeutsche Städte wie Bremen terrorisiert, konnte offenbar ungehindert den sächsischen Staatsschatz stehlen“.

Halt. Stopp. Miri Clan? Berichteten bundesweite Zeitungen nicht erst vier Monate später, im November 2020, von der Festnahme von Mitgliedern eines anderen, des Remmo Clans? Miri-Clan, Remmo Clan, für die AfD unbedeutend, Hauptsache Clan. Dass die ansonsten zu jeder Gelegenheit „Lügenpresse“ schreiende Partei sich dabei gerade auf „belastbare Beweise“ der Bild-Zeitung berief, nach der die Spur zum libanesisch-arabischen Miri-Clan führe, lässt an Heuchelei nichts zu wünschen übrig.

Aber nicht nur für die AfD dürfte die Vorstellung, dass ein „arabischer Clan“ den Sachsen:Sächsinnen den „sächsischen Staatsschatz“ unter dem Hintern wegstibitzen konnte, ein Stich ins Herz gewesen sein. Es galt, die Ehre „der Sachsen“ wiederherzustellen. Also sattelte Sachsens nicht nur an dieser Stelle völlig überfordert wirkender Innenminister Roland Wöller seine Pferde und schickte seine Kavallerie mitten ins Herz des „multikulturellen“ Berlins: nach Neukölln. Die von langer Hand geplante Razzia in insgesamt 18 Objekten war eine der größten Polizeiaktionen in Berlin der jüngeren Vergangenheit und wurde im Nachgang selbst von Expert:innen als überzogener „Schwanzvergleich“ zwischen sächsischen und Berliner Einheiten beschrieben.

Trotz des martialischen Aufgebots von rund 1.600 Polizist:innen und Sondereinheiten entwickelte sich der Einsatz zu einem Desaster für den sächsischen Innenminister und seine Truppen. Von fünf Zielpersonen, deren Aufenthalt am Tag des Einsatz bekannt waren, konnten die Beamt:innen lediglich drei festnehmen. Die beiden anderen konnten unter den scheinbar nicht so wachsamen Augen der sächsischen Polizei stiften gehen. Eine so nicht geplante Verfolgungsjagd mit einem Tatverdächtigen durch die Neuköllner Nacht erregte so viel Aufmerksamkeit, dass die Beamt:innen teilweise freundlich mit Tee begrüßt wurden, als sie die 18 Objekte stürmten. So zu mindestens soll die Berliner Zeitung berichtet haben.

Auch die gewollte mediale Law & Order Inszenierung ging gehörig nach hinten los. Auf Twitter postete die Polizei Sachsen kurz nach den Zugriffen ein Bild des Einsatzleiters in der Leitzentrale. Jedoch übersah der:die zuständige Social Media Beauftragte, dass auch eine Digitalanzeige zu sehen war, auf der zu lesen war: „Erste ZP Remmo, Bashir abfahrbereit“. Da versucht die sächsischen Polizei unbemerkt hunderte Polizist:innen nach Berlin einsickern zu lassen, um dann freizügig bekanntzugeben, dass die Zielperson nun nach Dresden abfahrbereit sei und doch bitte auf der Autobahn abgefangen werde könne. Vom Datenschutz ganz zu schweigen. Auch hier trat die emsige Bild-Zeitung auf den Plan, auf deren Hinweis erst die Polizei den Tweet änderte.

Das triviale und persönliche Statement des Dresdner Polizeisprechers Thomas Geithner fasste den dilettantischen Ausflug der sächsischen Polizei nach Neukölln anschließend treffend zusammen: „Mir gefällt’s sehr gut, vor allen Dingen die drei Festnahmen bringen sehr viel Stolz und Freude in mir zum Vorschein“.

Was bleibt?

Der Einbruch ins Grüne Gewölbe ist jetzt zwei Jahre her. Die mutmaßlich Tatverdächtigen sitzen in Untersuchungshaft und bald wird ihnen wohl ein öffentlichkeitswirksamer Prozess in Dresden gemacht. Das damit einhergehende mediale Interesse dürfte „den Sachsen“ reichen, sich darin bestätigt zu sehen, etwas besonderes zu sein. Als politisch stärkste Kraft im Freistaat wird die AfD den Prozess nutzen, um ihrem Rassismus zu frönen und einen äußeren Feind zu imaginieren.

Ob das mit Diamenten besetzte Heiligtum aus den Edelsteinminen des Erzgebirges je wieder den Weg nach Dresden finden wird oder für immer verschwunden bleibt, bleibt angesichts des trotz einiger öffentlichkeitswirksamer Festnahmen ungewissen Prozessausganges und den nicht gerade für seine Erfolge bekannte Sächsische Polizei schwer vorstellbar.

Wir, die Redaktion, hoffen, dass der „Jahrhundertcoup“ bald seine finale Würdigung in einer Netflix-Serie findet. Titel: Kampf um die Identität. Besetzung: Moritz Bleibtreu in der Rolle des sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer und Till Schweiger als Law & Order Innenminister Wöller. Mission: „Rettung der (schwer begrenzten) uns bekannten Welt“.

Bildquelle: Twitter

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Veröffentlicht am 25. November 2021 um 13:21 Uhr von Redaktion in Kultur

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