Soziales

„Bleibt zu hoffen, dass aus Danksagungen politische Forderungen werden.“

20. April 2020 - 12:21 Uhr

Interview: Situation von Pflegepersonal in Dresdner Krankenhäusern.

Während der Corona-Pandemie stehen die sogenannten systemrelevanten Berufe im besonderen Fokus. Eine wichtige Rolle nimmt dabei das Pflegepersonal in Krankenhäusern ein. Wir haben uns mit einer Person aus der Pflege über die aktuelle Situation unterhalten und mit ihm über die Zeit vor und nach der Krise gesprochen. 

Schön, dass Du Dir die Zeit für ein Interview genommen hast. Du arbeitest in der Pflege in einem Dresdner Krankenhaus und engagierst Dich ehrenamtlich im Gesundheitskollektiv Dresden. Du hast also über Deine berufliche Tätigkeit hinaus Einblick in das Gesundheitssystem in Dresden. Wie sieht gerade Dein Arbeitsalltag aus und was hat sich mit Corona verändert?

Für mich als jemand, der im OP arbeitet, unterscheidet sich der Arbeitsalltag im Moment (20.04.2020) noch gar nicht so anders als sonst. Als Pflegekraft im OP bin ich ausschließlich in den OP-Sälen tätig, das heißt, ich kümmere mich nur um Patient:innen, die operiert werden müssen. Die Arbeit dort unterscheidet sich stark von der „normalen“ auf den Stationen.  Dementsprechend eingeschränkt ist meine Perspektive und ich möchte zusätzlich noch anmerken, dass ich, was die konkreten Abläufe in der Klinik bzw. die Behandlung von Patient:innen angeht, relativ oberflächlich bleiben werde. In Wirklichkeit ist das alles natürlich etwas vielschichtiger.

Es wurde schon zu Beginn der „Corona – Shutdowns“ damit begonnen, nicht zwingend notwendige Operationen, sogenannte Elektiveingriffe, nicht mehr durchzuführen. Das bedeutet, dass derzeit nur Notfall- und dringliche Operationen stattfinden. Die dadurch entstehenden Personalkapazitäten können dann wieder an anderen Stellen genutzt werden, z.B. auf den Stationen. Natürlich gibt es nicht nur Veränderungen auf struktureller Ebene, ich persönlich nehme schon auch eine gewisse Anspannung bei den Kolleg:innen und auch bei mir wahr. Diese Situation ist für alle neu, und zwar nicht nur auf professioneller Ebene, sondern auch im Privatleben.

Besonders präsent ist die Berichterstattung ja gerade bezüglich mangelnder Schutzmasken. Wie sieht diese Situation da gerade aus Deiner Perspektive aus? Zeigt der Hilferuf der städtischen Krankenhäuser Wirkung? Welche Ausrüstung wird gerade noch besonders benötigt?

Der ganz klassische Mund-Nasen-Schutz ist im OP neben selbstgenähten Stoffmasken ausreichend vorhanden. Wie es in den anderen Bereichen aussieht, kann ich schlecht beurteilen. Mangel gibt es wohl nach wie vor bei den als FFP-Masken bekannt gewordenen Atemschutzmasken. Mein Eindruck ist, dass wirklich viele Menschen Masken nähen und sich an der Aktion beteiligen.

Im Moment sind die Kliniken relativ gut ausgestattet was die Schutzmaterialien angeht. Anders ist die Situation wohl in den Pflegeheimen. Dort fehlt wohl sowohl die Schutzausrüstung, als auch die praktische Erfahrung was das Hygienemanagement angeht. Im Normalfall nutzen im OP die Kolleg:innen der Anästhesie die selbstgenähten Masken. Wir, das OP-Personal und die Chirurg:innen, tragen nach wie vor die industriell hergestellten Mund-Nasen-Schutzmasken.

Die FFP-Masken kommen bei uns im OP nur sehr selten zum Einsatz. FFP ist übrigens die Abkürzung für filtering facepiece. Damit sind spezielle Atemschutzmasken gemeint und nicht etwa der bereits erwähnte chirurgische Mund-Nasenschutz. Es gibt FFP1-, FFP2- und FFP3-Masken, je höher die Zahl desto höher die Filterleistung.

Immer wieder wird außerdem über den Ausbau der Betreuungsplätze auf den Intensivstationen gesprochen. Das Robert Koch-Institut (RKI) hat diese als eine der entscheidenden Strategien im Kampf gegen Corona ausgerufen. Die öffentliche Debatte geht dabei meist um Beatmungsgeräte und Betten. Die infizierten Menschen müssen aber auch betreut und behandelt werden.  Wie schätzt Du hier die Lage ein und bekommst Du diesbezüglich auch Maßnahmen mit, welche auf das Pflegepersonal abzielen? Welche Zusatzbelastung siehst Du hier auf euch als Pflegekräfte zukommen?

Die Lage ist im Grunde genommen keine andere als vor Corona: Es gibt überall zu wenig Personal. Das scheint aufgrund der deutlichen Sichtbarkeit der Situation jetzt auch einer breiteren Öffentlichkeit klar zu werden. Das besondere Dilemma hierbei ist, dass die Behandlung von schwer an COVID-19 erkrankten Patient:innen nicht von allen Ärzt:innen und Pfleger:innen übernommen werden kann. Dazu muss man intensivmedizinisch geschult sein und sich wirklich auskennen. Ich könnte dort zum Beispiel wenig bis gar nicht helfen. Dazu kommt, dass alle diejenigen, die COVID-19 Patient:innen behandeln, keine nicht infektiösen Patient:innen mehr behandeln können. Es gibt also einen infektiösen Bereich mit dem entsprechenden Personal, welches natürlich an anderer Stelle wieder fehlt. 

Nicht eingerechnet dabei sind jene Kolleg:innen, die sich mit Sars-CoV-2 infizieren oder „ganz normal“ krank sein werden. Auf den infektiösen Stationen und dort wo das Personal für ebendiese abgezogen wurde, ist die 12h – Schicht bereits mit Beginn der Coronakrise Alltag. Über den weiteren Verlauf könnte ich an dieser Stelle aber nur spekulieren, da das natürlich von der Entwicklung der Gesamtsituation abhängt. Neben der verlängerten Arbeitszeit mit all ihren Konsequenzen ist sicherlich die psychische Belastung ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Aber auch hier kann ich nur mutmaßen.

Ganz allgemein ist an den infektiösen Bereichen besonders, dass man mit Schutzausrüstung an den Patient:innen arbeitet und das dementsprechende Know-How im Hygienmanagement haben muss. Und die Kolleg:innen, welche in diesen Bereichen arbeiten, bleiben auch nur in diesem Bereich.

Die 12h Schicht war auf den Intensivstationen also schon mit Beginn von Corona eingeführt worden. Der Beschluss von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) verkürzt jetzt aber die Ruhephase auf lediglich 9 Stunden.  Wie nimmst Du den Arbeitsalltag Deiner Kolleg:innen auf der Intensivstation gerade wahr?

Ich habe zu meinen Kolleg*innen auf der Intensivstation nur sehr wenig Kontakt. Was ich allerdings mitbekomme ist, dass die 12h-Schichten eine starke Belastung darstellen, vor allem auch körperlich. Verkürzte Ruhepausen gibt es bei uns nicht, der Beschluss als solcher ist natürlich eine Frechheit, als Regelmäßigkeit würde ich ihn aber nicht bezeichnen. Eher als Beispiel für die Absurdität der Situation. 

Im Kampf gegen die Pandemie, steht ihr gemeinsam mit den Ärzt:innen in der ersten Linie. Es gibt gerade immer wieder Danksagungen und Solidaritätsaktionen für das Personal in Krankenhäusern. Wie stehst Du dazu und welches Zeichen der Solidarität wünschst Du Dir? Was erwartest Du von Menschen, die aktuell in Solidarität mit euch, zu einer bestimmten Uhrzeit auf Topfdeckel schlagen oder Klatschen, nach der Krise?

Ich habe dazu ein eher ambivalentes Verhältnis. Danksagungen und ähnliches sind sicherlich nett gemeint, aber ändern natürlich an den strukturellen Problemen überhaupt nichts. Unabhängig davon übe ich diesen Beruf nicht aus, um Dankbarkeit zu bekommen, egal ob Krise oder nicht. Andererseits kann man das optimistischerweise vielleicht auch als gesteigerte Sensibilität der Menschen außerhalb des Klinikbetriebes deuten. Bleibt zu hoffen, dass aus den Danksagungen dann politische Forderungen werden. Das wäre zumindest mein Wunsch. Mal sehen…

https://twitter.com/rbb24/status/1241479325884526593

Schon in den letzten Jahren stand der gesamte Pflegesektor unter unheimlich großem Druck und es war bereits vor Corona Pflegenotstand. Einher ging dieser Notstand mit Kämpfen und politischen Forderungen nach besserer Bezahlung und Entlastung im Pflegesektor – dies alles vor Corona. Wie drückt sich der Pflegenotstand im beruflichen Alltag aus und welche Forderungen hast du an die Gesundheitspolitik? 

Hier mache ich es mir mal einfach und verweise auf die Seite des Polikliniksyndikates und ihre umfangreichen Forderungen.

Wie müsste der Pflegesektor nach Corona organisiert werden, damit sich die Belastung der Pflegekräfte auch im Alltag entspannt und sich die Wertschätzung auch über die Krise ausdrückt?

Der Pflegesektor braucht mehr Personal, der Beruf muss attraktiver werden, z.B. durch angemessene Bezahlung. Das kostet natürlich Geld und dieses Geld haben die wenigsten Kliniken. Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das die Krankenhäuser nicht unter ökonomische Zwänge stellt. Die größte Wertschätzung für mich wäre, wenn die Gesellschaft diese Forderung mitträgt und zusammen mit allen Menschen aus dem Gesundheitssektor dafür kämpft.

Gibt es jetzt schon Dinge, wie Menschen euch unterstützen und wo sie sich über eure Kämpfe und Situation informieren können?

Wir freuen uns über personellen Zuwachs und natürlich auch über Spenden. Informationen gibt es regelmäßig auf unserer Facebook-Seite. Dort steht auch unsere Mail – Adresse, bei Fragen o.ä. schreibt uns also gern an. 

Vielen Dank für die genommene Zeit und die wichtige Perspektive. Viel Kraft Dir für die kommende Zeit und die wichtigen Kämpfe.

Bild: https://www.flickr.com/photos/k1rsch/2698535178/


Veröffentlicht am 20. April 2020 um 12:21 Uhr von Redaktion in Soziales

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