Freiräume

Ist ein Stadionbesuch in Dresden sicher?

Wenn heute in Frankfurt am Main der DFB-Kontrollausschuss unter anderem über die Strafe für die Vorkommnisse beim DFB-Pokalspiel zwischen Hannover 96 und der SG Dynamo Dresden beratschlagt, passiert das nicht zufällig in der gleichen Woche, in der die DFL über das Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ abstimmen wird. Das Papier, welches bereits Anfang November auf einem vom FC Union Berlin organisierten Fankongress mit Vertretern der DFL kontrovers diskutiert worden war, sieht neben bereits umgesetzten Maßnahmen wie Stadionverboten, in der Zukunft die Möglichkeit von „Ganzkörperkontrollen“ in eigens für diesen Zweck angeschafften „Kontrollcontainern“ und bei Fehlvergehen einzelner Personen die Kollektivbestrafung von Fanclubs vor. Bereits vor der Sommerpause hatte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) in der Gewaltdiskussion einen Abbau von Stehplätzen und den Einsatz von Gesichtsscannern nicht mehr ausgeschlossen.

Seit Wochen schon protestieren Fußballfans zahlreicher Vereine mit 12:12 Minuten des Schweigens gegen die geplanten Maßnahmen durch die DFL. Der Ligaverband will schon am kommenden Mittwoch auf einer Tagung sein Konzept zur Verbesserung der Sicherheit in den Stadien beschließen. Obwohl am Samstag in Dresden nach Polizeiangaben etwa 850 Anhänger von Dynamo gegen das DFL-Sicherheitskonzept und „Für den Erhalt der Fankultur“ auf die Straße gingen, hatte die Vereinsspitze dem leicht überarbeiteten Antragspaket ungeachtet der Kritik aus den Reihen der aktiven Fanszene „weitesgehend zugestimmt“. Im Gegensatz dazu haben bereits mehrere Vereine der ersten und zweiten Bundesliga das Konzept in seiner bisherigen Form abgelehnt, sie kritisieren vor allem die fehlende Einbeziehung von Fanvertretern und sozialpädagogischen Fanprojekten bei der Erstellung des Papiers.

Flankiert wird diese Debatte vor allem von den Innenministern der Länder, die dem Ligaverband damit gedroht haben, ansonsten die politischen Weichen „über die Köpfe“ der 36 Bundesligavereine hinweg zu stellen. Am Tag vor der Innenministerkonferenz in Rostock-Warnemünde, preschte einmal mehr Sachsens CDU-Innenminister Markus Ulbig vor. Während er sich noch im vergangenen Jahr für eine Beteiligung der Vereine an den Kosten für die notwendigen Polizeieinsätze aussprach, forderte er in der vergangenen Woche neben dem Verkauf „personalisierter Tickets“ bei so genannten „Risikospielen“ auch eine „konsequente Durchsetzung von Stadionverboten und schnelle Bestrafungen“. „Er würde“, so Ulbig weiter, „die Beamten lieber für die Sicherheit der Bevölkerung und den Kampf gegen Kriminalität, zum Beispiel gegen Rechtsextremismus und an der Grenze, einsetzen“.

Abgesehen davon, dass die Polizei für die Sicherung von Großereignissen zuständig ist und viele der Forderungen bereits jetzt Realität sind, fällt bei einem Blick auf die Zahlen der vergangenen Saison auf, dass in Sachsen aktuell weder von einem Anstieg der Ermittlungsverfahren, noch einer Zunahme von Gewalt in und um Stadien die Rede sein kann. So habe es im vergangen Jahr nach Angaben des Innenministeriums bei Fußballspielen in Sachsen insgesamt 577 Ermittlungsverfahren gegeben, die Hälfte davon wegen Vorfällen innerhalb der Stadien. Zugleich sank die Zahl der Verletzten von 92 auf 71 Personen. Die Zunahme bei der Zahl der Einsatzkräfte sei vor allem auf die Zusammensetzung der 2. Bundesliga mit zahlreichen „Risikovereinen“ in der letzte Spielzeit und die verstärkte polizeiliche Repression nach dem Scheitern der Debatte um die Legalisierung von Pyrotechnik zurückzuführen gewesen. Zuvor waren die von der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZiS) veröffentlichten Zahlen, die einen „dramatischen Anstieg“ von Gewalt in und um Fußballstadien nahegelegt hatten, sowohl von Seiten der Fans, als auch in den Medien scharf kritisiert worden. So lag der Anteil der Verletzten unter den insgesamt rund 18,7 Millionen Stadionbesucherinnen und Stadionbesuchern in der Spielzeit 2011/2012 bei gerade einmal 0,0051 Prozent.

Abseits der medial immer wieder thematisierten Gewalt am Rande von Fußballspielen gibt es allerdings auch Aktionen aus der Fanszene, über die im Unterschied dazu verhältnismäßig wenig berichtet wird. Erst gestern fand beispielsweise im Dresdner Stadion eine erste von der Fangemeinschaft, den Ultras und dem Fanbeauftragten von Dynamo organisierte Fanversammlung statt, in der über verschiedene Fanthemen mehrere Stunden diskutiert worden war. Außerdem ermöglichte die antirassistischen Faninitiative 1953international in Zusammenarbeit mit der AG Asylsuchende aus Pirna zum Heimspiel gegen den VFL Bochum zum ersten Mal einer Gruppe von Flüchtlingen und Asylsuchenden den Besuch eines Heimspiels in Dresden. Die Finanzierung der Aktion wurde durch die Versteigerung von Trikots ermöglicht, die einige Spieler des Vereins zum FARE-Aktionstag im Spiel gegen Eintracht Braunschweig angezogen hatten. Im Anschluss daran hatten Fans die Trikots für insgesamt 4157,08 Euro ersteigert. Mit dem Geld soll in den nächsten Monaten nicht nur weiteren Flüchtlingen und Asylsuchenden aus der Region der Stadionbesuch möglich gemacht werden, sondern auch Länderabende im Dresdner Fanprojekt und der Verein Stolpersteine für Dresden e.V. unterstützt werden.

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