Antifa

Abolish Commemoration – Gedenken abschaffen erscheint in englischer Übersetzung

25. Januar 2015 - 11:26 Uhr

Gut drei Wochen vor dem 70. Jahrestag der Luftangriffe auf Dresden hat das Autor_innenkollektiv „Dissonanz“ die englische Übersetzung seines Buches „Gedenken abschaffen. Kritik am Diskurs zur Bombadierung Dresdens 1945“ auf der Website abolishcommemoration.org veröffentlicht. Im Februar 2013 war die deutschsprachige Printausgabe beim Berliner Verbrecher Verlag erschienen und in überregionalen Print- und Hörfunkmedien rezensiert worden (u.a. in der Süddeutschen Zeitung, Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Deutschlandradio Kultur und Südwestrundfunk). Parallel zum Erscheinen der Übersetzung finden in Dresden zwei Veranstaltungen statt. Am kommenden Mittwoch soll das Buch im Alten Wettbüro gemeinsam mit dem Verleger des Verbrecher Verlages, Jörg Sundermeier, und Autorin Christine Künzel vorgestellt und diskutiert werden. Als musikalische Untermalung wird dazu niemand geringeres als Shannon Soundquist (Female and Feminist DJ_ING) an den Plattentellern stehen. Nur wenige Tage später findet am 4. Februar eine vom Bündnis „Dresden Nazifrei“ organisierte Lesung im Projekttheater auf der Louisenstraße statt.

Die nationalsozialistische Führung nutzte die Bombardierung Dresdens am 13./14. Februar 1945 für eine Kampagne zur Diskreditierung der Alliierten im neutralen Ausland. Die Nachrichtenagenturen stellten in den Folgetagen der Bombardierung die Stadt Dresden als friedliebende Kunst- und Kulturmetropole dar. Die Lügen aus dem Reichspropagandaministerium von der unschuldigen, militärisch bedeutungslosen Kunst- und Kulturstadt, die unnötig, kurz vor Ende des Krieges bombardiert wurde und von hunderttausenden Toten, Phosphorregen sowie Tieffliegerjagden an den Elbwiesen verfehlte ihre Wirkung in den alliierten und neutralen Staaten nicht. Die Luftangriffe auf Dresden gelten daher bis heute in der internationalen Wahrnehmung als militärisch sinnlos, besonders grausam oder gar als alliiertes Kriegsverbrechen, obwohl andere deutsche Städte sowohl hinsichtlich materieller Schäden als auch der Totenzahlen größere Verluste durch Bombardierungen verzeichneten. Während es in den vergangenen Jahren antifaschistischen und gedenkkritischen Gruppen gelang, den Dresdner Opfermythos im lokalen und bundesweiten Diskurs zu demontieren, erfährt die Rede vom Allies‘ catastrophic bombing in britischen oder US-amerikanischen Medien sowie in zeitgenössischer Literatur im englischsprachigen Raum eine stete Wiederholung, so beispielsweise kürzlich in der New York Times in ihrer Berichterstattung zu PEGIDA.

Mit der Übersetzung seiner Kritik am Gedenken will das Autor_innenkollektiv „Dissonanz“ in die fortdauernde Reproduktion des Dresden-Mythos im internationalen Diskurs intervenieren. Argumente gegen das Gedenken an die Bombardierung sollen für Wissenschaftler_innen, politisch Aktive und Interessierte auch außerhalb des deutschsprachigen Raums zugänglich gemacht werden. Vielleicht kann zukünftig auch die zeitgenössische Literatur auf das Dresden-Thema verzichten. Denn leider trägt auch die Rezeption von Literaturklassikern wie Kurt Vonneguts „Slaughterhouse V“ zur Mythenreproduktion bei. In seinem Buch, welches in der USA Highschoollektüre ist, vergleicht Vonnegut das bombardierte Dresden mit der Mondoberfläche und zitiert die vom britischen Geschichtsrevisionisten und Holocaustleugner David Irving in „Der Untergang Dresdens“ propagierten überhöhten Opferzahlen. Nicht ganz unbeteiligt an der international verbreiteten Idee, Dresden müsse mit Hiroshima (und dem 11. September) in eine Reihe gestellt werden, ist auch das Buch „Extrem laut und unglaublich nah“ des Bestseller-Autors Jonathan Safran Foers aus dem Jahr 2005. Mit der literarischen Rezeption der Luftangriffe auf Dresden setzt sich daher die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Christine Künzel in ihrem Beitrag „Schlachthof Dresden“ auseinander, der ebenfalls auf der website zur Verfügung steht. Der Zerstörung Dresdens in literarischen Zeugnissen widmet sich ab Februar 2015 auch eine Sonderausstellung des Militärhistorischen Museums Dresden unter dem Titel „Schlachthof 5“. Ob allerdings ausgerechnet Veranstaltungen mit dem umstrittenen Schriftsteller Martin Walser geeignet sind, Mythen und Legenden kritisch zu thematisieren, ist doch sehr fraglich.

Es muss vielmehr darum gehen, das Gedenken vollständig einzustellen, denn wohin die ritualisierte – nun schon 70 Jahre – anhaltende Selbstviktimisierung führt, lässt sich derzeit jeden Montag Abend in der Dresdner Innenstadt sehen. In keiner anderen bundesdeutschen Stadt hat PEGIDA eine solch hohe Mobilisierungskraft, insofern drängt sich die Frage nach einem Zusammenhang zwischen Gedenken und PEGIDA geradezu auf. Opfersein hat in Dresden Tradition, so drückte es Anfang Januar der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann aus. Der Dresdner Leidensstolz und die gekränkte Eitelkeit sind integrale Bestandteile des städtischen Selbstverständnisses und befördern rassistische und sozialchauvinistische Ressentiments, so wie sie seit Wochen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern der PEGIDA-Demonstrationen zu hören sind und aus der politisch rechtskonservativen Ecke als Ängste oder Sorgen verharmlost werden. Zur Faktenresistenz hinsichtlich der nationalsozialistischen Stadtgeschichte kommt nun noch die totale Immunisierung der Anhängerinnen und Anhänger von PEDIDA gegen jede Kritik.


Veröffentlicht am 25. Januar 2015 um 11:26 Uhr von Redaktion in Antifa

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