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Licht ins Dunkelfeld: Ofek berät im Umgang mit Antisemitismus

20. Juni 2022 - 21:04 Uhr

Seit Januar 2022 bietet Ofek (hebräisch für Horizont) in Sachsen Beratung und psychosoziale Unterstützung nach antisemitischen Vorfällen an. Die Ankunft in Sachsen war der Anlass für eine Projektvorstellung am 9. Juni 2022 im Heinz-Joachim-Aris-Saal der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. Organisiert vom Bündnis gegen Antisemitismus in Dresden und Ostsachsen diskutierten die Ofek-Geschäftsführerin Marina Chernivsky, Wolfram Nagel von der Jüdischen Gemeinde Dresden, die Linken-Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz und Benjamin Winkler vom Leipziger Büro der Amadeu Antonio Stiftung (AAS) über Ansätze das Dunkelfeld Antisemitismus auch in Sachsen aufzuhellen.

Warum Sachsen? Marina Chernivsky erklärte, dass sich der Verein auf zwei Ausschreibungen beworben habe und nun eine mit zwei Personalstellen ausgestattete Melde- und Beratungsstelle betreibe. Die Mitarbeiter:innen in Sachsen werden dabei von der Geschäftsstelle in Berlin unterstützt, die wiederum mit RIAS kooperiere. Im Umgang mit Antisemitismus, so Chernivsky über den Ansatz von Ofek, sei es wichtig, mit der üblichen Routine zu brechen, in der Antisemitismus als etwas Vergangenes dargestellt werde, als etwas Überwundenes oder ein unbeliebtes Randthema. Die Arbeit von Ofek hingegen sei davon bestimmt, Antisemitismus als Strukturverhältnis zu begreifen, welches die Gesellschaft prägt. Antisemitismus brauche keine besonderen Voraussetzungen und könne jede:n Jüdin:Juden treffen. 

Wolfram Nagel bestätigt das mit Blick auf die Dresdner Gemeinde. Insbesondere der Anschlag von Halle zu Jom Kippur am 9. Oktober 2019 sei ein großer Schock gewesen. Und der ziehe weitreichende Konsequenzen nach sich: Die Neue Synagoge, einst bewusst als offenes, zugängliches Haus konzipiert, wird neue Sicherheitsmaßnahmen einführen. Das Café im Gemeindehaus, lange Zeit beliebter Treffpunkt, ist geschlossen. Auch das offene Haus wird es nicht mehr geben: „Wir brauchen einen Schutz, den wir nicht wollen“, so Nagel. Benjamin Winkler ergänzt, dass sich insbesondere in Ost- und Westsachsen ein Krisenantisemitismus bis weit hinein in das bürgerliche Lager manifestiert habe. Im Mittelpunkt stehe dabei die Erzählung einer geheimen Elite, welche gegen die Interessen der Bevölkerung handele. Gerade im Zuge der Corona-Proteste habe dieser Mythos große Resonanz erfahren. Gleichzeitig, so Winkler, fehle es an Kritikfähigkeit und der Fähigkeit, über Antisemitismus zu sprechen.

Die Sprecherin für Antifaschismus der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, Kerstin Köditz, weist daraufhin, dass sich diese Unfähigkeit auch bei den Behörden zeige. Für das vergangene Jahr seien von insgesamt 198 registrierten antisemitischen Straftaten bedeutend mehr als nicht „zuordenbar“ klassifiziert worden. Es werde also offengelassen, ob ein rechts-, links- oder islamistisch motiviertes Tatmotiv vorliege. Dabei seien viele dieser Straftaten im Zuge von Corona-Protesten erfasst worden, welche oft mit der Leugnung des Holocausts und Geschichtsfälschung in Verbindung stünden – und damit sehr wohl als rechtsmotiviert zuordenbar seien. Bedenklich sei zudem, dass sich die Zahlen registrierter, antisemitischer Straftaten seit 2016 verdoppelt hätten. Es ist allerdings davon auszugehen, dass eine große Dunkelziffer bestehe, da es oft – so betonte Nagel – große Hemmungen gäbe, etwaige Straftaten zu melden. Hinzu kämen Schwierigkeiten Antisemitismus überhaupt zu erkennen. Er verweist dazu auch auf den unzureichenden Umgang mit rechten und neonazistischen Akteur:innen in Dresden. Die Blockaden anlässlich des 13. Februars seien von der CDU-Regierung massiv angegriffen worden. Die Stadt veranstaltet an diesem Tag zwar bis heute Menschenketten, habe aber andererseits dem Aufstieg von PEGIDA und der AfD weitgehend tatenlos zugeschaut.

Die Einordnungsproblematik, so Chernivsky, sei einer der Gründe für die Gründung von Ofek. Der Anschlag von Halle sei zunächst als Sachbeschädigung eingeordnet worden, nicht als versuchter Tötungsdelikt. Das zeige, dass es hier akuten Handlungsbedarf gibt. Grundsätzlich ziele der communitybasierte Ansatz von Ofek darauf ab, die Meldeschwelle zu senken. Jüdische Menschen sollen als ernstzunehmende empirische Quelle einbezogen werden. Damit wolle Ofek Zugänge schaffen und den Blickwinkel von Menschen, die von Antisemitismus betroffen sind, stärken. Und das nicht nur reaktiv, sondern mit dem Ziel, vorbeugend über Möglichkeiten im Kampf gegen Antisemitismus zu informieren.

Audiomitschnitt der Veranstaltung: https://www.youtube.com/watch?v=-nlk-_FcYpw


Veröffentlicht am 20. Juni 2022 um 21:04 Uhr von Redaktion in Antifa

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