International

Kundgebung der Armenischen Community gegen den Krieg in Bergkarabach

7. November 2020 - 15:09 Uhr

Bereits am 24. Oktober versammelten sich um 11 Uhr zahlreiche Menschen auf dem Dresdner Altmarkt, um eine Mahnwache unter dem Motto: „Stoppt den Krieg in Berg-Karabach! Solidarität mit Arzach“ abzuhalten. Eine Stunde lang wurde mit Transparenten wie „Türkei 1915, Azerbaidschan 2020? – Stoppt den Genozid an den Armenier*innen“ oder „Erdogan = Terrorist“ auf das Thema aufmerksam gemacht. Nachdem es bereits im Juli zu ersten militärischen Auseinandersetzungen kam, war im September der seit Jahrzehnten anhaltende Konflikt in der Region Bergkarabach eskaliert. Die international nicht anerkannte Region hatte sich 1991 von Aserbaidschan für unabhängig erklärt und konnte sich im bis 1994 andauernden Krieg mit armenischer Unterstützung behaupten. Mehrere zehntausend Menschen starben.

Letztlich startete die Kundgebung um 12 Uhr mit einer Gedenkminute an die mittlerweile über 1.000 Armenier:innen, die seit der jüngsten Eskalation ihr Leben verloren haben. Es wurden Redebeiträge verlesen und die Zuschauer:innen mit Flyern über die Thematik aufgeklärt. Kultureller Höhepunkt war der Auftritt der Opernsängerin Hrachuhí Bassénz vor der Semperoper. Mit ihrem Lied von Komitas, einem Genozidüberlebenden von 1915, und einer bewegenden Rede hatte sie vor den Gefahren eines erneuten Genozids gewarnt. Der Genozid von 1915 wurde an 1,5 Millionen  Armenier:innen durch das osmanischen Reich unter Wissen und Billigung des Deutschen Reiches begangen. Während die Türkei den Völkermord bis heute leugnet, hatte die kurdische Bewegung für ihre Beteiligung am Genozid um Entschuldigung gebeten.

Ein weitere Rede wurde von der armenischen Community in Dresden gehalten. Sie thematisierte den Hintergrund des Krieges in Bergkarabach, der seit dem Angriff Aserbaidschans mit aktiver Unterstützung der Türkei am 27.09.2020 begonnen hatte. Bergkarabach, welches von den dort lebenden Menschen auch als Arzach bezeichnet wird, war bereits 1921 von Stalin gegen den Willen seiner Bevölkerung als autonome Region an die aserbaidschanische SSR angeschlossen worden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion fand 1991 in Bergkarabach ein Referendum zur Unabhängigkeit statt, bei welchem 99.89 % der Bevölkerung für eine Unabhängigkeit gestimmt hatten. Zuvor waren jedoch rund 20% der aserbaidschanischen Minderheit einem Aufruf gefolgt und hatten das Referendum boykottiert. Es folgten eine Reihe von Massaker an der armenischen Bevölkerung  in Aserbaidschan, die den Wunsch nach Unabhängigkeit bestärkten. Allerdings wird auch der armenischen Seite vorgeworfen, in dem über Jahre andauernden Konflikt Menschenrechtsverletzungen begangen zu haben .

Mit der Mahnwache in Dresden sowie in vier anderen deutschen Städten wollte die armenische Community auf den Krieg aufmerksam machen, über den Politik und Presse ihrer Meinung nach zu wenig und zu oberflächlich berichten. Für beide Seiten scheint nach Auffassung der Organisator:innen ein selbstauferlegtes Neutralitätsgebot zu gelten, welches an das Wegsehen des Deutschen Reich 1915 erinnern soll . Aserbaidschan wird dabei häufig nicht als Angreifer genannt, die Bedeutung des Eingriffs der Türkei zu wenig dargestellt sowie das Ausmaß der Gewalt gegen die Zivilbevölkerung von Arzach relativiert.

Es sollte offensichtlich sein, dass Arzach an keinem Fortgang des Krieges interessiert sein kann, erklärte eine Demonstrantin gegenüber addn.me. „Der arme Zwergstaat mit einer Bevölkerung von 150.000 Menschen steht der Übermacht von Aserbaidschan mit 10 Mio. Einwohnern und einem enormen Militärhaushalt aus den Öl-Einnamen entgegen.“ Aserbaidschan hat seit Kriegsbeginn gezielt zivile Einrichtungen, mitunter mit Streumunition, mit dem Ziel bombardiert, Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten und Tatsachen für die Eroberung zu schaffen. Es befinden sich bereits 90.000 Menschen auf der Flucht nach Armenien, ein Teil harrt weiterhin in Schutzbunkern aus.

Der Zentralrat der Armenier:innen forderte in einer Stellungnahme die Bundesregierung dazu auf, nicht wie 1915 die Augen vor der Situation in Bergkarabach zu verschließen. Der Zentralrat warnte davor, dass der Krieg „zu der kompletten Vertreibung der einheimischen armenischen Bevölkerung sowie zu massiven Kriegsverbrechen führen würde.“ Zugleich rief der Verein den Deutschen Bundestag dazu auf, die kriegerischen Handlungen Aserbaidschans zu verurteilen. „Wir sind davon überzeugt, dass Sie, als Abgeordnete/r des Deutschen Bundestags, einen großen Beitrag dazu leisten können, eine weitere Tragödie sowohl bei der armenischen als auch bei der aserbaidschanischen Seite zu verhindern“, schließt ein Brief der Organisation, welcher an mehrere Abgeordnete versendet wurde.

In den letzten Wochen kam es in verschiedenen europäischen Städten immer wieder zu Angriffen von türkischen Faschist:innen gegen Demonstrationen von Armenier:innen. So unter anderem letzte Woche in der Nähe von Lyon. Dort wurde eine Gedenkstätte für den Völkermord in Armenien beschädigt. Am 4. November 2020 wurde die Organisation „Graue Wölfe“ durch die Französische Regierung verboten. Die faschistische türkische Gruppierung wird mit zahlreichen Attacken in Verbindung gebracht. In Deutschland fordert mittlerweile auch die Linkspartei ein Verbot der Organisation:  „Für faschistische wie islamistische Organisationen, die Andersdenkende verfolgen und terrorisieren, darf es null Toleranz geben“, sagte die Politikerin der Linken, Sevim Dağdelen. Nach inoffiziellen Schätzungen sollen die Grauen Wölfe in 303 Vereinen rund 18.000 Anhänger:innen in Deutschland haben.


Veröffentlicht am 7. November 2020 um 15:09 Uhr von Redaktion in International

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