Soziales

Zur Lage geflüchteter Menschen in Calais (1)

8. Dezember 2014 - 15:15 Uhr

Nachdem wir uns in den vergangenen Monaten mit der Situation von Menschen in der von den Folgen der Finanzkrise besonders betroffenen Ländern Südeuropas beschäftigt haben, soll in den kommenden Monaten näher auf die Situation im Norden Frankreichs eingegangen werden. Nachdem bereits im Sommer 2012 Teile der Dresdner „Black Wok“-Gruppe für eine Woche nach Calais gefahren waren, um für geflüchtete Menschen zu kochen, fuhren in diesem Jahr erneut mehrere Menschen in die französische Hafenstadt. Während einige der Beteiligten bereits Erfahrungen mit größeren Kochaktionen hatte, war es für die meisten die erste Solidaritätsaktion dieser Art. Finanziert durch Spenden, reiste die Gruppe schließlich im August nach Calais. Im ersten Teil ihres Berichtes soll zunächst ein kurzer Rückblick Aufschluss darüber geben, wie es zur aktuellen Situation kommen konnte.

Die französische Stadt Calais befindet sich unweit der schmalsten Stelle des Ärmelkanals: Weniger als 50 Kilometer entfernt lässt sich die englische Stadt Dover am Horizont erahnen. In der Hoffnung auf eine bessere Lebenssituation in Großbritannien versuchen Migrantinnen und Migranten in Calais, auf LKWs versteckt auf eine Fähre zu gelangen. Einige versuchen die unentdeckte Überfahrt mit dem Zug durch den Tunnel, manche versuchen in ihrer Verzweiflung zu schwimmen. Doch die Grenze zwischen Frankreich und England ist extrem streng bewacht. Ein Großteil der Flüchtenden werden von der Polizei entdeckt, meistens im Rahmen von immer schärferen Überprüfungen der Frachträume, bei denen Hunde, Herzschlagdetektoren, LKW-Röntgengeräte und Atemluftscanner zum Einsatz kommen. Aus diesem Grund halten sich viele geflüchtete Menschen oft monatelang in Calais auf, leben dort unter härtesten Bedingungen und lassen sich jede Nacht aufs Neue auf riskante Unterfangen ein. Welche Risiken die Fluchtversuche bergen, zeigen die unzähligen Verletzten und zwölf bekannte Todesfälle allein in den ersten neun Monaten 2014.

Ein kurzer Rückblick

2002 wurde das Rote-Kreuz-Camp im Dorf Sangatte bei Calais geschlossen, welches seit 1999 als offenes Auffanglager für Migrantinnen und Migranten diente. Das Lager war mit zeitweise mehr als 1.800 Menschen permanent überbelegt. Von hier versuchten tausende Menschen durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. Allein im 1. Halbjahr 2001 wurden 18.500 Menschen abgefangen. Wegen der katastrophalen humanitären Zustände wurde Sangatte zum Symbol der Entmenschlichung duch das europäische Grenzregieme. Zwischen Frankreich und England sorgte das Camp für gehörige Spannungen, ehe der damalige französische Innenminister Nicolas Sarkozy (UMP) im Rahmen seiner „Tolérance zéro“-Agenda die Schließung anordnete. Großbritannien verschärfte im Gegenzug das britische Asylgesetz. „Great Britain will stop to be so attractive“ kommentierte der damalige britische Innenminister David Blunkett (Labour-Party) das Abkommen. Auch Frankreich intensivierte die Grenzkontrollen.

Sarkozys Nachfolger Éric Besson von den Sozialisten (PS) führte die restriktive Politik weiter. Inoffizielle und behelfsmäßige „Jungles“ 3, welche infolge der Schließung von Sangatte in den Dünen um Calais entstanden, wurden nicht geduldet, die Arbeit von Hilfsorganisationen erschwert und unterbunden. Im Jahr 2009 räumte die Polizei schließlich den größten Jungle (Pashtun Jungle), in dem zeitweise über tausend vor dem Krieg in Afghanistan geflohene Menschen lebten. Das von Besson angekündigte „würdevolle Vorgehen“ der Räumung wurde mit mehreren Hundertschaften der CRS unter dem Einsatz von Militär-Fahrzeugen, Hubschraubern und mit gewaltsamen Vorgehen gegen Aktivistinnen und Aktivisten, die mit anderen Protestierenden zahlreich eine Kette ums Camp bildeten, durchgezogen. Die Migrantinnen und Migranten leisteten keinen Widerstand gegen ihre Verhaftung. Ein Teil von ihnen waren noch Kinder, 132 der letztlich 278 verhafteten Paschtunen waren jünger als 18 Jahre. Viele der Menschen hatten den Jungle schon am Tag vor der angedrohten Räumung verlassen. Die obdachlos gewordenen Menschen waren daraufhin der massiven Polizeirepression noch schutzloser ausgesetzt. Viele Migrantinnen und Migranten begaben sich anschließend ins Landesinnere und lebten in kleineren Jungles entlang der Autobahnen zur französischen Küste. Durch den teilweisen Rückzug aus der für das Migrationsgeschehen zentralen Stadt Calais, rückten sie zeitweise auch aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. In den Folgejahren wurden mehrere, primär von aus dem Sudan geflüchteten Menschen besetzte Industrieruinen, nicht nur geräumt, sondern gleich abgerissen.

Die nächste Welle der Repression folgte 2012, als Calais anlässlich der Olympischen Sommerspiele in London eine „Säuberungskampagne“ durchführte. Die seit Jahren in der Region stationierte Einheit der CRS sollte es den Migrantinnen und Migranten so unbequem wie möglich machen. Auf täglichen, morgendlichen Razzien in den provisorischen Unterkünften wurden Decken, Schlafsäcke und Zelte konfisziert oder zerstört; Räume in den besetzten Häusern mit Urin oder Öl unbewohnbar gemacht. Wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, wurde mit ins „Detention Center“ im sechs Kilometer entfernten Coquelles genommen, erkennungsdienstlich registriert und ein paar Stunden oder Tage dort festgehalten. Übrig blieben wie schon 2009 kleine, auf sich allein gestellte Gruppen. Jeder Versuch, eine eigene Infrastruktur aufzubauen – und dazu zählen schon Camps, die mehr als 20 bis 30 Menschen beherbergen – wurde entdeckt und zerstört. Im September 2014 hat Großbritannien Frankreich den 9 Fuß hohen Stahl-Zaun angeboten, der zur Sicherung des diesjährigen NATO-Gipfels vor terroristischen Anschlägen in Wales verwendet wurde und schon damals als „Stalag Luft 12“ in Verruf geraten war. Außerdem wurden Frankreich 15 Millionen Euro zur Verschärfung der Hafen-Kontrolle in Calais zugesagt. Trotz immer schärferer Kontrollen des Hafen-Gebiets bzw. dadurch bedingt, steigt die Zahl der in Calais lebenden Migrantinnen und Migranten bis heute weiter an.


Veröffentlicht am 8. Dezember 2014 um 15:15 Uhr von Redaktion in Soziales

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