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Dresden im Normalzustand

Nach der Demonstration am gestrigen Abend fanden heute sehr viel weniger Nazis den Weg nach Dresden, als ursprünglich gedacht. Abgesehen von einer großen Abordnung beim offiziellen städtischen Gedenken auf dem Heidefriedhof, versuchten nur vereinzelt kleine Gruppen von Nazis ihr Vorhaben umzusetzen und sich in der Menschenkette einzureihen. Ein kleiner Propagandacoup gelang ihnen scheinbar, als es sich Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) nicht nehmen ließ, gemeinsam mit einem mutmaßlichen Nazi in die Kameras zu lächeln. Bereits am Nachmittag versammelten sich auf dem Schützenplatz unweit des Gewerkschaftshauses mehr als 1.000 Menschen für den Mahngang „Täterspuren“ (Fotos 1 | 2 | 3). Auf ihrem Weg quer durch Teile der Dresdner Innenstadt thematisierte das Bündnis „Dresden Nazifrei“ unterschiedliche Orte der Dresdens Stadtgeschichte, die in direktem Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus standen.

Auf dem nördlich vom Stadtzentrum liegenden Dresdner Heidefriedhof hatten sich zu der Zeit etwa 300 Menschen eingefunden. Unter den Trauergästen waren neben zahlreichen Abgeordneten und Mitarbeitern der NPD-Landtagsfraktion auch etliche Nazis aus dem Umfeld der „Freien Kräfte“. Zwar erinnerte Dresdens Oberbürgermeisterin in ihrer kurzen Rede an die historischen Hintergründe des Tages, dennoch schaffte sie es dabei, nicht nur das Schicksal von Dresden und Leningrad in einem Atemzug zu nennen, sondern auch eine Kontinuität zwischen Nationalsozialismus und DDR-Diktatur aufzuzeigen. Obwohl die Anzahl der Personen aus der Normalbevölkerung seit Jahren stetig abnimmt und es auch von linker Seite kaum noch Versuche gibt, die Veranstaltung zu stören, dürfte die Präsenz von Ordnungskräften im Rahmen des „würdigen Gedenkens“ in diesem Jahr einen neuen Höhepunkt erreicht haben. Insgesamt hatte die Polizei allerdings heute im ganzen Stadtgebiet anstatt der 26 nur 14 Hundertschaften im Einsatz.

Parteiprominenz beim Gedenken auf dem Heidefriedhof

Während auf dem Friedhof Vertreterinnen und Vertreter aus Landes- und Kommunalpolitik gemeinsam mit den Nazis um die Opfer der Bombardierungen trauerten, nahm die Zahl der Menschen auf dem Mahngang in der Stadt weiter zu. Letztlich dürften es wohl etwas mehr als 2.000 Menschen gewesen sein, die damit nun schon zum dritten Mal in Folge gegen den im städtischen Diskurs viel zitierten Opferstatus auf die Straße gingen. Der Mahngang selbst war auch heute wieder ein deutliches Zeichen dafür, dass die Bombardierungen im Februar 1945 weder eine „unschuldige“ Stadt getroffen haben, noch im geschichtslosen Raum passierte. In einem der Redebeiträge verurteilte die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Dresden, Nora Goldenbogen, noch einmal die Genehmigung des gestrigen Marsches der Nazis durch das Ordnungsamt der Stadt Dresden. Die Demonstration endete schließlich an der ehemaligen Gestapo-Leitstelle in der Bayrischen Straße hinter dem Hauptbahnhof. Noch 2011 war der Mahngang von der Dresdner Versammlungsbehörde verboten und nach Beginn der Veranstaltung von der Polizei aufgelöst worden.

Nach dem Ende des Rundgangs schlossen sich noch einmal knapp 1.500 Menschen der vom StuRa der TU Dresden angemeldeten Demonstration an und zogen spontan vom Hauptbahnhof über den Dr. Külz-Ring bis zum Postplatz. Im Anschluss daran fand in der Altstadt eine von allen Parteien sowie zahlreichen Initiativen und Vereinen unterstützte Menschenkette mit rund 11.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt, die noch sehr viel weniger als noch in den letzten Jahren zur Verhinderung des Naziaufmarsches beigetragen haben dürfte. An dem von Startrompeter Ludwig Güttler und Entertainer Gunther Emmerlich begleiteten „Dresdner Gedenkweg“, nahmen in diesem Jahr rund 80 Personen teil.

Und auch wenn spätere Versuche von kleineren Gruppen zur Frauenkirche zu gelangen, immer wieder von übermotivierten Einsatzkräften unterbunden werden konnten, zeigten an vielen Orten in der Innenstadt Gruppen von gerade jungen Menschen Präsenz und sorgten so dafür, dass sich keine größeren Nazigruppen sammeln konnten. Lediglich eine Spontandemonstration für den Jenaer Stadtjugendpfarrer Lothar König schaffte es unmittelbar bis zum Neumarkt, wo kurz vor zehn die Glocken in Erinnerung an den Beginn der Bombardierungen vor 69 Jahren zu läuten begannen.

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