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Wirbel in der Neustädter Gastroszene

Die Mitte letzten Jahres ins Leben gerufene Basisgewerkschaft Nahrung und Gastronomie (BNG) der FAU-Dresden hat es sich zum Ziel gesetzt, die Arbeitsbedingungen im lokalen Gastronomiesektor öffentlich zu machen und Verbesserungen für die prekär beschäftigten Angestellten zu erwirken. Bereits kurz nach ihrer Gründung veröffentlichte die BNG einen Gehaltsspiegel auf ihrer Internetseite, um damit nach eigener Darstellung ein „umfassenendes Bild der Verhältnisse in der Dresdner Gastro-Branche zu zeichnen“. Neben den reinen Lohnzahlen werden darin Informationen zu unbezahlter Probearbeit und Urlaub, Anstellungsverhältnis bzw. „Selbstständigkeit“, sowie darüber hinaus den Arbeitsbedingungen veröffentlicht. Der unvollständige Gehaltsspiegel, welcher nicht den Charakter einer Negativliste haben soll, verdeutlicht bei Löhnen zwischen 4 – 8,50 Euro Stundenlohn, welches Gefälle im Niedriglohnsektor der Gastronomiebranche vorherrscht. Erklärtes Ziel der Gewerkschaft ist es, einen dresdenweiten Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde durchzusetzen.

Seit drei langjährigen Kellnerinnen und Kellnern der Szenekneipe „Trotzdem“ wegen angeblichen Diebstahls von der Inhaberin Johanna Kalex unvermittelt gekündigt worden war, organisierte die BNG einen Streikposten. Seit nunmehr schon drei Wochen versammeln sich vor der Kneipe in der Neustädter Alaunstraße allabendlich etliche Menschen, um sich mit den Streikenden solidarisch zu zeigen und Gäste über den Hintergrund der Aktion zu informieren. Die drei von der Kündigung betroffenen Personen sind allesamt in der BNG organisiert. Trotz des persönlichen Hintergrunds der Kneipenbetreiberin, die nach eigenem Bekunden bereits zu DDR-Zeiten in der Gruppe „Wolfspelz“ für anarchistische Gewerkschaften kämpfte und obwohl keinem der betroffenen Beschäftigten ein Diebstahl nachgewiesen werden konnte, entließ sie die drei anarchosyndikalistischen Gewerkschaftsaktivistinnen und Gewerkschaftsaktivisten. Der aktuelle Streik in Form eines ständigen Streikpostens will nicht nur eine Rücknahme der Kündigungen, sondern auch einen eigenen Haustarifvertrag im „Trotzdem“ erstreiten. Die weitreichende mediale Aufmerksamkeit und die vielen Solidaritätsbekundungen mit der Dresdner FAU, die die Gewerkschaft teilweise sogar aus dem Ausland erreicht haben, sind nicht zuletzt auf den Seltenheitswert eines Streiks in der Gastronomiebranche zurückzuführen.

Dass es der BNG weniger nur um das „Trotzdem“ und die Rücknahme einzelner Kündigungen geht, sondern sie ihr Ziel eines dresdenweiten Mindestlohns nicht aus den Augen verloren hat, zeigt ihr jüngster Demonstrationsaufruf, der für den 27. Februar um 19 Uhr zu einer Demonstration vor dem „Trotzdem“ mobilisiert. Unter dem Motto: „So geht’s nicht weiter in der Gastro!“ wird deutlich, dass die BNG an einer stärkeren Vernetzung aller prekär Beschäftigten untereinander interessiert ist. Das Anliegen einer für Donnerstag geplanten längeren Runde durch das Kneipenviertel ist es, Personalkalkulation, Beschäftigungsmodelle sowie sexistische Einstellungspraxen kritisch zu hinterfragen und die Beschäftigten über ihre Rechte zu informieren. Im selben Kontext bemüht sich die Gewerkschaft um eine Ausweitung der Debatte auf die gesamte Branche in der Äußeren Neustadt. So fand als Reaktion auf die Ereignisse erst kürzlich eine öffentliche Schulung zum Thema Arbeitsrecht statt, an der auch Interessierte aus anderen Gastrobetrieben teilnahmen.

Da von der Betreiberin bisher kein Entgegenkommen signalisiert oder auf Gesprächsangebote reagiert wurde, ist bislang noch unklar, wie es jetzt für die drei Betroffenen weitergeht. Fest steht nur, dass die Kündigungen auf Grund einer Reihe von Diebstählen aus dem Warenlager der Kneipe ausgesprochen wurden, Fakt ist aber auch, dass zu dem Lager ebenso Verwandte der Betreiberin Zugang hatten. Dies ist auch der Grund, weshalb die Gewerkschaft ihren Vorwurf der Verleumdung bestätigt sieht und gegen die Kündigung Klage eingereicht hat. Ein jeder von uns sollte sich also in Zukunft als Gast von Restaurants, Kneipen und Klubs grundsätzlich die Frage stellen, ob die Menschen in diesen Lokalitäten überhaupt in der Lage dazu sind, von ihrem erarbeiteten Geld zu leben.

Interviews mit den Beteiligten: Feature von coloRadio

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