Antifa

Erinnerung an die Morde des NSU in Löbtau

Im Gedenken an den 6. Jahrestag der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) haben Aktivistinnen und Aktivisten im Dresdner Stadteil Löbtau eine Plakataktion durchgeführt. Dazu verklebten sie in der Nacht vom zweiten auf den dritten November mehrere hundert Bilder mit geschredderten und wieder zusammengeklebten Konterfeien von neun Opfern der rassistischen Mordserie, um damit im öffentlichen Raum auf das Schicksal der ermordeten Menschen aufmerksam zu machen: „Die Perspektive von Betroffenen rechter Gewalt ist auch nach dem Auffliegen des NSU in der öffentlichen Debatte nicht ausreichend präsent. Die Plakate machen die Namen und Gesichter der Opfer zumindest symbolisch sichtbar“, so ein Sprecher der Antifaschistischen Initiative Löbtau (AIL).

Der NSU hatte von 2000 bis 2006 insgesamt neun migrantische Personen und die Polizistin Michèle Kiesewetter hingerichtet. Die Morde ereigneten sich vor allem auf dem Gebiet der alten Bundesländer, während die Gruppe selbst unerkannt und unbehelligt über fast ein Jahrzent im sächsischen Zwickau leben konnte. Das Kerntrio war erst am 4. November 2011 nach einem gescheiterten Banküberfall in Eisenach aufgeflogen, infolge dessen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Suizid begingen und ihr Fluchtfahrzeug in Brand setzten.

Bis heute gibt es jedoch erhebliche Zweifel am Hergang der Geschehnisse im November 2011, der juristischen Aufarbeitung der Terrorserie des NSU und den Verstrickungen der Ermittlungsbehörden: „In Sachsen wurden aus den zahlreichen Skandalen rund um den sogenannten NSU keine Lehren gezogen und ein öffentliches Gedenken an die Opfer des NSU gibt es nicht. Im Gegenteil: Der Burschenschaftler Gordian Meyer-Plath ist heute Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz Sachsen. Er trägt als V-Mann-Führer der 1990er Jahre mit die Verantwortung, dass das Kerntrio um Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nicht gefasst wurde und untertauchen konnte. Gezogene Konsequenzen aus den zahlreichen Skandalen des Verfassungsschutzes sehen anders aus.“

Neben der zur Zeit eher schleppend laufenden juristischen und parlamentarischen Aufarbeitung der Mordserie kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Aktionen, die die Perspektive der Opfer und ihrer Angehörigen stark machen wollen. Dieses Jahr fand in Köln das NSU-Tribunal statt. Im Rahmen des Tribunals entstand die Anklageschrift „Wir klagen an!“, in der ausführlich der Unterstützungskreis, die Mitwissenden, Untätigen und die Strukturen, die die terroristischen Taten ermöglicht haben, beleuchtet.

Gerade nach den Ergebnissen der Bundestagswahl 2017, bei der die Alternative für Deutschland (AfD) mit 12,6 Prozent in den Bundestag einzog und in Sachsen sogar stärkste Kraft werden konnte, ist es besonders wichtig, die Erinnerung an die Opfer rechter Gewalt aufrechtzuerhalten. Erst kürzlich hatte die AfD im Thüringer Landtag gemeinsam mit der CDU gegen die Errichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des NSU gestimmt. „Wir hoffen“, so die AIL abschließend, „mit unserer Aktion Menschen zu motivieren, es uns gleich zu tun. Antifaschistisches Gedenken muss wieder Praxis werden. Ob Jorge Gomondai, Marwa el Sherbini oder Oury Jallou – rassistische Gewalt hat viele Gesichter, es ist an uns, sie sichtbar zu machen.“

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