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Zwickau im Herbst – Demonstration und Aktionen anlässlich der Selbstenttarnung des NSU

11. November 2021 - 18:34 Uhr

Am vergangenen Samstag zogen mehrere hundert Menschen durch die rund 90.000 Einwohner:innen zählende Kleinstadt Zwickau. Anlässlich des 10. Jahrestages der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) gedachten die Demonstrant:innen den Opfern der rassistischen Mordserie und kritisierten die mangelnde Aufarbeitung und Verstrickungen der Sicherheitsbehörden. In Zwickau lebte das NSU-Kerntrio von 2000 unbehelligt bis zu einem gescheiterten Banküberfall in Eisenach im Jahr 2011. In diesem Zeitraum ermordete die Gruppe mindestens neun Personen aus rassistischen Motiven und eine Polizistin. Am Rande der Demonstration wurde eine größere Gruppe von Nazis durch die Polizei festgesetzt.

Rund 700 fanden sich am Samstag am Zwickau Hautbahnhof ein. Neben Aktivist:innen aus Dresden, Chemnitz und Leipzig reisten auch Busse aus Hamburg und Köln in die westsächsische Stadt. Organisiert wurde die Demonstration von der lokalen Gruppe Aktivisti Zwickau. Die Gruppe kritisierte, dass die Stadt Zwickau sich bis heute gegen eine konsequente Aufarbeitung wehrt. „Abseits von kleinen Aktivist*innengruppen findet Gedenkarbeit in Zwickau nicht statt. Lieber möchte man hier vergessen und den Makel des NSU-Bezuges, auf den kritisches Gedenken hinweist, vom Image der ‚weltoffenen Stadt‘ wegpolieren“, erklärte Aktivisti Zwickau gegenüber addn.me.

Laut der Gruppe gibt es genügend Anlass für eine umfassende Aufarbeitung. So würden bis heute Personen aus dem Unterstützter:innen-Netzwerk wie André Eminger nach wie vor in der Stadt leben. Auch besteht in Zwickau weiterhin eine aktive rechte Szene. Die Stadt müsse sich endlich aktiv ihrem Naziproblem widmen, forderte Aktivisti Zwickau in einem Redebeitrag zu Beginn der Demonstration: „Rechte Strukturen, die hier und in der Region seit jeher Bestand haben, sollen benannt und bekämpft werden – nicht ignoriert oder gar integriert“.

Anschließend zog die Demonstration unter „der NSU war nicht zu dritt“-Rufen durch die Stadt. Dabei wurden verschiedene Orte abgelaufen, die mit dem NSU in Verbindung standen und die Biographien der Opfer verlesen. Neben der Polenzstraße, wo das Trio lange Zeit lebte, wurde der Gedenkhain für die Opfer im Stadtpark besucht. 2019 pflanzte die Stadt dort für jedes Opfer des NSU ein Baum. In der Vergangenheit waren die Bäume allerdings immer wieder durch Nazis zerstört worden. Gemeinsam verlasen die Demonstrant:innen an dieser Stelle die Namen der Opfer und legten Kerzen und Blumen vor den Bäumen ab.

Bei einem Zwischenstopp vor dem Polizeirevier wurde ein Redebeitrag der Tochter von Enver Şimşek, Semiya Şimşek, eingespielt. Der Blumenhändler Enver Şimşek war 2000 in Nürnberg an seinen mobilen Blumenstand erschossen worden. Şimşek war das erste Opfer des NSU. Wie in den weiteren Ermittlungen gegen Opfer des NSU, ging die Polizei auch bei ihm zunächst von einer Tat im Rahmen der organisierten Kriminalität aus. Die Familie Şimşek geriet in der Folge selbst in den Fokus der Ermittlungen. Semiya Şimşek sprach in diesen Zusammenhang von der Würde, die ihrer Familie durch die Polizei genommen wurde. Des weiteren kritisierte sie den Prozess gegen Beate Zschäpe und das Helfer:innennetzwerk des NSU in Nürnberg. Viele Hoffnungen hätten in dem Prozess gelegen, so Semiya Şimşekin, die jedoch enttäuscht wurde: „zu viele Fragen sind noch offen“.

Bevor die Demonstratiom am Hautbahnhof ihr Ende fand, wurde vor dem Naziladen Eastwear gestoppt. Letzterer war von NSU-Unterstützer und V-Mann Ralf Marschner in den 2000er Jahren eröffnet worden. Nur wenige Wochen nach der Selbstenttarnung waren in dem Laden T-Shirts mit Anspielung auf den NSU verkauft worden. In Redebeiträgen wurden auch die aktuellen Nazistrukturen thematisiert. Zwickau hat bis heute einen aktive Naziszene. Neben der rechten Kleinstpartei III. Weg, ist vor allem die Gruppe Junge Revolution in Zwickau aktiv. Immer wieder kommt es zu Übergriffen auf alternative Jugendliche und Migrant:innen. Auch im Vorfeld der Demonstration kursierten mehrere Aufrufe aus rechten Kreisen mit dem Aufruf, die Veranstaltung zu stören. Die Polizei, welche mit rund 400 Beamt:innen präsent war, stellte am Tag der Demonstration letztlich auch ein Gruppe von 29 Personen fest und kontrollierte deren Personalien.

Kritik am Umgang der Stadt mit dem NSU wurde nicht nur auf der Demonstration geäußert. Bereits zuvor hatte die „Antifaschistische Initiative Löbtau“ (A.I.L.) mehrere Ortseingangsschilder mit dem Zusatz „Täter:innenstadt“ versehen. Der Umgang der Stadt mit dem Thema verdeutliche, warum die Gruppe Zwickau als Täter:innenstadt bezeichnet. Die Stadt lege Initiativen, welche sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen, massiv Steine in den Weg, so die Antifaschistische Initiative. „Solange die Stadt nicht alles dafür tut, eine kritische Aufarbeitung der größten rechten Mordserie der Nachkriegszeit zu unterstützen, ist und bleibt sie eine Täter:innenstadt und trägt zum Weiterbestehen mörderischer Strukturen in der Tradition des NSU bei“ erklärten die Aktivist:innen abschließend gegenüber addn.me.

Bild: Tim Mönch


Veröffentlicht am 11. November 2021 um 18:34 Uhr von Redaktion in Antifa

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