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Vergangenheitsbewältigung in Sachsen

20. Juli 2014 - 20:59 Uhr

Vor dem Sieg der deutschen Nationalmannschaft im Endspiel der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft in Brasilien, kamen in Pirna findige Marketingexperten der Stadt auf die Idee, die deutsche Nationalmannschaft auch optisch zu untersützen. Als Idee schwebte den Macherinnen und Machern vor, dazu das Stadtschloss über Nacht in den Farben der Deutschlandfahne als „hoffnungsvolles Zeichen“ anzustrahlen. Gesagt getan, seit letzten Sonntag erstrahlt nun das Schloss hoch über der Stadt an der Elbe noch bis zum Ende der Woche in den deutschen Landesfarben. Die Verantwortlichen sind sich sicher, dass damit der Millionärstruppe um Bundestrainer Joachim Löw, zumindest für den Sieg gegen Argentinien, der nötige Schwung verliehen wurde. Doch wo ist das Problem? Schon in den Wochen zuvor versanken deutsche Innenstädte bei den Spielen der Nationalmannschaft in einem schwarz-roten-goldenen Fahnenmeer. Selbst sportlich schlechte Auftritte hinderten tausende Fans nicht daran, nach jedem Spiel in Autokorsos hupend durch die Stadt zu fahren, um sich und den sportlichen Erfolg kollektiv mit Pyrotechnik und lautem Gegröhle zu feiern. Für fußballuninteressierte Menschen hingegen wurde selbst der Gang zum Supermarkt zu einem wahren Spießrutenlauf. Es war während der WM schlichtweg unmöglich in Läden einkaufen zu gehen, in denen keine noch so schwachsinnigen Fanartikel gekauft werden konnten, ein Hype also, dem sich kaum entzogen werden konnte. Deutschlandfan zu sein, ist spätestens seit der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land wieder schick geworden. Was nach dem Gewinn den WM-Titels zu Beginn der 1990er Jahre in Italien noch in den Ausschreitungen im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen und den tödlichen Brandanschlägen von Solingen und Mölln endete, ist inzwischen offenbar zur Normalität geworden. Was selbst in einstigen links-alternativen Stadtvierteln eine einzige riesige Party ist, überschreitet für andere schon die Grenze zum Nationalismus. Was hat das nun eigentlich mit der Stadt Pirna zu tun? Nicht erst seit heute zählt die Gegend um Pirna zu einer der Hochburgen der NPD, nach den Wahlen zum Europaparlament und Kommunalwahlen Ende Mai kam die vor einem Verbotsverfahren stehende Partei auf kommunaler Ebene erneut auf fast sieben Prozent der Stimmen und musste sich damit nur knapp der SPD geschlagen geben. Mit rund zehn Prozent der Stimmen konnte zudem die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) in der Region Sächsische Schweiz-Osterzgebirge eines ihrer landesweit besten Ergebnisse erzielen. Schon in der Vergangenheit hatte die vor allem bei Touristinnen und Touristen beliebte Region immer wieder für Negativschlagzeilen gesorgt. Nachdem es nach dem Verbot der auch über Sachsen hinaus bekannt gewordenen Nazigruppierung „Skinheads Sächsische Schweiz“ etwas ruhiger geworden war, zeigt sich nach den Übergriffen und Brandanschlägen in den letzten Monaten, dass diese Ruhe nur von kurzer Dauer gewesen ist und die Wahlergebnisse kein Zufall sind. Die Idee, ausgerechnet in unmittelbarer Nähe zu einer Gedenkstätte, die an die nationalsozialistischen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg erinnern soll, Deutschlandfarben erstrahlen zu lassen ist nicht naiv, sondern bebildert anschaulich das Selbstverständniss eines Landes, welches sich inzwischen als geläutert und seine eigene Geschichte als aufgearbeitet ansieht. Einen Ort, an dem zwischen Juni 1940 und dem 1. September 1941 im Rahmen einer geheim gehaltenen Aktion mehr als 13.000 Menschen ermordet wurden, für nationale Gefühlsdudelei zu missbrauchen zeigt, wohin eine kritische Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Sachsen führt. Wenn parallel dazu der jetzige Bundespräsident und frühere Pfarrer Joachim Gauck aktuell davon spricht, die „Zurückhaltung, die in vergangenen Jahrzehnten geboten war […] zugunsten einer größeren Wahrnehmung von Verantwortung“ abzulegen und gleichzeitig die deutsche Rüstungsindustrie immer neue Exportrekorde verzeichnet, wenn parallel dazu die Schattenseiten deutschen Großmachtstrebens durch plumpe und im besten Fall unmotivierte nationalistische Symbolik ersetzt werden, spätestens dann sollten eigentlich alle Alarmglocken läuten.

Veröffentlicht am 20. Juli 2014 um 20:59 Uhr von Paul in News

Ergänzungen

  • Die Idee, ausgerechnet in unmittelbarer Nähe zu einer Gedenkstätte, die an die nationalsozialistischen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg erinnern soll, Deutschlandfarben erstrahlen zu lassen ist nicht naiv,—da hat wohl wieder ein Experte gesprochen.Falls sie es nicht wissen die Nazis wollten mit SCHWARZ ROT GOLD nichts zu tun haben!

    Ist ihnen nicht bekannt das Juden gerne Urlaub in Berlin machen-AUSGERECHNET IN BERLIN!
    Naja nach den Antisemitischen Demos der Linken und den Reaktionären Moslems wird sich das vielleicht bald ändern…

  • @Moshe

    Aha… soll das etwa heißen Schwarz-Rot-Gelb steht jetzt für Antifaschismus? Für das geläuterte Deutschland, eine Region in Europa voll mit Menschen, die aus ihren Fehlern gelernt haben? (Übrigens, das sind rhetorische Fragen.)

    Halte dir einfach vor Augen, dass Menschen, die am eigenen Leib oder im persönlichem Umfeld Rassismus, verbal und gewalttätig erleben oder sich damit auseinandersetzen und sehen, was täglich passiert, wie Politik agiert, Polizei reagiert und dass eben diese Menschen ein schlechtes Gefühl haben, wenn im ganzen Land Nationalfahnen geschwungen werden.

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