Soziales

Sachsen raus aus der Steinzeit – Streik im Putzi

15. März 2021 - 13:38 Uhr - Eine Ergänzung

Schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate wurde in der letzten Woche in der Dresdner Neustadt  parallel zum Frauentag gestreikt. Teile der Belegschaft der Dental-Kosmetik GmbH & Co. KG traten erneut in einen Warnstreik, um für die Erhöhung ihrer Löhne zu kämpfen. Die Geschäftsführung des Unternehmens hatte zuvor trotz mehrerer Gesprächsangebote Verhandlungen abgelehnt. Zuletzt hatte die Belegschaft im Dezember 2020 einen mehrtägigen Warnstreik organisiert.

Der Streit um eine tarifliche Entlohnung zieht sich nun schon seit dem Jahr 2018 hin. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und die „Putzi“-Belegschaft verlangen eine Orientierung am Flächentarifvertrag der chemischen Industrie. Ein Drittel der Belegschaft verdiene lediglich 1.800 Euro brutto, was angesichts der auch in der Corona-Krise guten wirtschaftlichen Lage des Unternehmens zu wenig sei, so die Gewerkschaft. Hinzu kommen Forderungen nach Erhöhung und Festschreibung eines 13. Monatsgehaltes und des Urlaubsgeldes.

Da der Arbeitgeber nicht auf die Belegschaft zugegangen sei, habe man sich nach der letzten Verhandlungsrunde zu diesem Schritt gezwungen gesehen, erklärte die IG BCE in einer Pressemitteilung. Die Angestellten hätten ihrerseits in vergangenen Runden große Kompromissbereitschaft gezeigt und etwa eine Wochenarbeitszeit von 40 Stunden akzeptiert, um damit andere Forderungen durchzusetzen

Die Dental-Kosmetik GmbH & Co. KG, bekannt geworden mit dem Maskottchen der Kinderzahnpasta „Putzi“, stellt seit 1907 Zahnpasta in Dresden her und wird als Vorzeigebeispiel des sächsischen Mittelstandes gehandelt. Eine Sprecherin des Unternehmens bezeichnete die Forderungen gegenüber der Sächsischen Zeitung „abenteuerlich“ und nannte als Grund für die schleppenden Verhandlungen „intensive Verhandlungen“ mit einem Großkunden.

Im Jahr 2000 hatte das Unternehmen den Tarifvertrag der chemischen Industrie verlassen. Was ein solcher Austritt an Vorteilen für Unternehmen und damit an Nachteilen für die Arbeiter:innen bringt, fasste eine Studie der Heinz-Boeckler Stiftung aus dem Jahr 2019 zusammen: Im Schnitt beträgt der Entgeltunterschied 15%. Auch die Orientierung an branchenüblichen Tarifverträgen, welche zahlreiche Unternehmen mittlerweile verkünden, führe nicht zu einer anhaltenden Verbesserung auf Seiten der Arbeiter:innen, so die Studie. 

Obwohl die verhältnismäßig stark industriell geprägte Wirtschaft im Freistaat eigentlich prädestiniert für die Tarifbindung ist, stellt Sachsen bei den Tarifverträgen der Studie zufolge mit gerade einmal 39% Tarifbindung das bundesdeutsche Schlusslicht dar. Bis heute ist hier eine Erosion im Gange, die auch auf die Politik des Freistaates zurückzuführen sei. 

Verantwortliche zu benennen, dürfte an dieser Stelle nicht allzu schwer sein. Die Schwächung des Wohlfahrtstaates und mit ihm einhergehender Errungenschaften vergangener Arbeitskämpfe geht auf Bundesebene zwar in erster Linie auf die SPD unter Bundeskanzler Gerhard Schröder zurück. Dass dieser Umbau in Sachsen besonders gut funktioniert hat – Sachsen nun Billiglohnland ist – lässt sich hierzulande allerdings vor allem auf die 25jährige Alleinherrschaft der CDU zurückführen.

Bild: Facebook


Veröffentlicht am 15. März 2021 um 13:38 Uhr von Redaktion in Soziales

Ergänzungen

  • Ich finde es sehr schön, dass addn.me anfängt verstärkt auch über Arbeitskämpfe zu berichten, was hier und anderswo ja oft außen vor bleibt.

    Was nicht plausibel erscheint, ist die Verbindung der letzten beiden Absätze. Ich hacke ja auch gerne auf SPD und CDU rum aber die Tarifvertragsbindung ist ein Produkt aus Kräfteverhältnissen zwischen Beschäftigten und Unternehmer_innen einerseits und eine gelungenen oder misslungenen Gewerkschaftsarbeit andererseits.

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