Freiräume

Dresdner Rezeption der Thesen Sarrazins

Der Förderverein des Instituts für Kommunikationswissenschaft hatte gestern Abend gemeinsam mit dem Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden zu einer Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Sarrazin: die Thesen, die Medien“ in den Vortragssaal der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) geladen. Schnell wurde klar, dass die Räumlichkeiten wie so häufig in diesen Tagen nicht ausreichten und so musste die Veranstaltung kurzfristig in den Hörsaal 2 des Hörsaalzentrums verlegt werden. Neben Prof. Dr. Wolfgang Donsbach, der erst kürzlich mit einer Studie zu Fremdenfeindlichkeit in Dresden auf sich aufmerksam gemacht hatte, waren Prof. Dr. Heiner Rindermann vom Institut für Psychologie, Pädagogische und Entwicklungspsychologie der TU Chemnitz und Prof. Dr. Hans-Mathias Kepplinger von der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität eingeladen worden.

Nach einer kurzen Einführung vor mehr als 1.000 interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern folgte ein erster etwa halbstündiger Vortrag des Chemnitzer Wissenschaftlers Heiner Rindermann, dem vor knapp drei Jahren nach einer Rundfunksendung im Deutschlandradio Kultur von mehreren Forscherinnen und Forschern die Verbreitung rassistischer Theorien vorgeworfen worden war. In seinem Vortrag bezeichnete er die von Sarrazin aufgestellten Thesen über Intelligenzunterschiede was „die psychologischen Aspekte betrifft, im Großen und Ganzen mit dem Kenntnisstand der modernen psychologischen Forschung vereinbar“ und verwies auf etliche empirische Studien über Intelligenzunterschiede zwischen Menschen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen. Die positive Bezugnahme Rindermanns auf die Thesen Sarrazins kommt nicht von ungefähr, hatte sich dieser doch in seinem Buch an mehreren Stellen auf Veröffentlichungen des Chemnitzer Wissenschaftlers bezogen. Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Buches hatte Heiner Rindermann gemeinsam mit dem Entwicklungspsychologen Detlef Rost in einem kontrovers diskutierten in der FAZ auf fünf intelligenz- und bildungsbezogene Hauptthesen Sarrazins Bezug genommen und dessen Behauptungen bestätigt.
Nach einer halben Stunde beendete er seinen mit zahlreichen Folien unterlegten Vortrag und bedankte sich beim begeisterten Dresdner Publikum. Wenig erfreut reagierte der Dresdner Kommunikationswissenschaftler Donsbach nach dem Vortrag auf eine Nachfrage aus dem Publikum. Er unterbrach den Fragesteller und bezeichnete ihn unter dem Gelächter des Publikums als „Deppen“.

Im zweiten Vortrag erklärte Donsbach Intimus Prof. Dr. Hans-Mathias Kepplinger zunächst, dass er den Fall zwar nicht tiefer analysiert habe, aber dennoch einiges dazu sagen wolle. Seiner Meinung nach sei „die Mehrheit der Journalisten in den meinungsbildenden Medien eher der politischen Linken zugeneigt“. Sie hätten in der jüngsten Vergangenheit „kontroverse Themen nicht so dargestellt, wie die Bevölkerung sie sieht“. Es folgten Verbalattacken auf einzelne Autoren der deutschen Presselandschaft und ihre angebliche Skandalisierung einzelner Aussagen des ehemaligen Vorstandsmitglieds der Deutschen Bundesbank. In einem Interview mit der katholischen Tagespost sprach Kepplinger Anfang September auch davon, dass „das Selbstwertgefühl der linksliberalen Minderheit der Bevölkerung, die lange an die Idee der multikulturellen Gesellschaft geglaubt hat […] vor den Trümmern ihres Weltbildes [steht]“. Das von Sarrazin in der Welt am Sonntag erstmals angesprochene „Juden-Gen“ sei, so der Mainzer Wissenschaftler außerdem, beispielsweise keine neue Idee Sarrazins, sondern ein Resultat aus Studien israelischer Wissenschaftler.

Ein Skandal ist nicht die in vielen Punkten berechtigte Kritik an den Thesen Sarrazins, sondern die bewußt inszenierte Stilisierung Sarrazins als angebliches Opfer einer politischen und medialen Hetzkampagne. Von einer vermeintlichen Einschränkung der Meinungsfreiheit konnte jedoch angesichts einer Rund-um-die-Uhr-Beschallung quer durch alle Medien zu keinem Zeitpunkt die Rede sein. Und auch von einem Tabubruch in der öffentlich wahrnehmbaren politischen Auseinandersetzung kann im Hinblick auf die aktuell geführte Integrationsdebatte innerhalb der CDU/CSU nicht gesprochen werden.

Doch auf eine differenzierte wissenschaftliche Analyse der Thesen Sarrazins warteten an diesem Abend nur einige wenige Menschen vergeblich. Tatsächlich fanden die wenigen kritischen Stimmen im überfüllten Hörsaal gegen die stereotypen und kulturrassistischen Argumentationsmuster bei den Referenten kein Gehör. Ein Abend, der einmal mehr ein Beleg dafür war, dass es in der Diskussion um Sarrazins Thesen oft nicht darum geht, gesellschaftliche und soziale Probleme zu lösen, sondern aus einer überlegenen Position heraus ethnische Gruppen für komplexe Probleme verantwortlich zu machen, ohne sie in die Debatte überhaupt einzubeziehen. Als Resultat einer erstaunlich inhaltsleeren aber dennoch politischen Veranstaltung verschwand nach zwei Stunden nicht nur der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Andreas Storr mit einem Lächeln im Gesicht in die Dresdner Nacht, sondern auch die Hoffnung auf eine faire und vor allem kontroverse Diskussion in einem dafür eigentlich bestens geeignetem Rahmen.

Am 13. Januar wird Thilo Sarrazin in der Dresdner Messehalle 1 seinen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ für zehn Euro Eintritt der interessierten Öffentlichkeit vorstellen. Bereits jetzt wurden mehr als 700 Karten für die von der Dresdner Agentur „Wortreich“ organisierten Veranstaltung verkauft.

Artikel zum Thema:

Thilo Sarrazin zu Gast bei Beckmann (31.08.2010):

Kommentare

  1. M. sagt:

    sehr guter artikel! echt schade, dass am ende doch wieder sarrazin nur das opfer war und seine thesen nicht klar zurückgewiesen wurden. gerade nach der donsbach-studie hätte man da vielleicht etwas anderes erwarten können…

  2. Carlos sagt:

    Ich war auch da. Ich bin etwas müde, aber ich versuche trotzdem mal ein paar meiner Gedanken und Eindrücke zu gestern loszuwerden. Sicher gab es viel zu kritisieren. Vor allem an der Opferinszenierung von Professor Kepplinger. Aber leider haben die beiden Kritiker jegliche Vorurteile bestätigt und sich als absolute Deppen präsentiert, die das wenige Stichhaltige, was sie von sich gaben mit sinnlosen überspitzten Unterstellungen und Beschimpfungen selbst wieder zunichte machten. Ein aalglatter Herr Donsbach, bisher eher selbst als Profiteur des sogenannten Medienkartells in Erscheinung getreten, hatte keine Mühe das dümmliche Geschwafel und hysterische Auftreten der beiden Kritiker (insbesondere des Antiempirikers…) auszunutzen, um beide vorzuführen. (btw. der Herr Antiempiriker hat es sicher nicht mitbekommen, aber einer der beiden Herren, die sich vorher zu Wort gemeldet hatten, und die sicher von seinem Nazivorwurf gemeint waren, war Jude, das nächste mal vielleicht daran denken, bevor man wieder so pauschal in den Saal hinein alles als Nazis beschimpft). Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man denken, die beiden Kritiker wären so bestellt worden. Zur Sarrazin-Show gehören nämlich auch immer die Trottel aus der linken Ecke, die dem interessierten Publikum vorgeführt werden, und jegliche Kritik an Sarrazin der Lächerlichkeit preisgeben. Es ist natürlich schwierig ad hoc vor großem Publikum die adäquate Rede zu entwickeln, aber angesichts des Resultats ihres Auftretens, wäre es besser gewesen, sie hätten tatsächlich lieber die Klappe gehalten.

    Leider gibt es aus der radikalen Linken bisher kaum etwas Substantielles zu Sarrazin, sondern gibt eher durch undurchdachte Aktionen den Depp der Nation. Gegen Nazis mag die aktionistische Stumpfheit nicht auffallen, aber in einem Dikurs, der von den gesellschaftlichen Eliten getragen wird, hilft nur die Waffe der Kritik, die geschickt geführt werden muss. Kopf durch die Wand (das beinhaltet auch realitätsfremde Adorno-Litaneien) machts eher schlimmer.

    Der aktuelle Diskurs bringt die Linke stärker denn je in die Defensive, eben weil sie als Depp der Nation da steht, die angeblich den Mediendiskurs bestimmen würde und jetzt gescheitert ist und die Augen vor den realen Problemen verschlossen hat.

    Angebracht wäre jetzt erst einmal eine durchdachte Analyse des aktuellen Diskurses und des Hintergrundes, dazu eine Position zu finden und dann wie man darin intervenieren kann. Wem das zuviel Arbeit ist, sollte dann lieber schweigen, als noch mehr Schaden anzurichten. Es war schade, dass die politische Linke aus Dresden gestern abend kaum vertreten war, dabei wäre absolut notwendig gewesen, um überhaupt erstmal mitzubekommen, worüber dann da überhaupt geredet wird.

    Der Vortrag von Rindermann war formal soweit in Ordnung. Dieser hat soweit ich das als Naturwissenschaftler beurteilen kann, durchaus wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und er hat auch immer wieder subtil Argumente gegen rassistische Ressentiments eingestreut, ob die meisten Sarrazinanhänger das allerdings begriffen haben, steht zu bezweifeln. Vom wissenschaftlichen Standpunkt her, mag Sarrazins Buch durchaus wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Wer an der Stelle versucht anzugreifen, sollte das sehr fundiert tun, sonst läuft er ins offene Messer.

    Der zweite Vortrag dagegen, war unter aller Sau. Da hat ein Professor der regelmäßig die FAZ liest, vor allem aus der Diskussion in der FAZ abgeleitet, wie die Medien auf Sarrazin reagiert hätten, und unterstellt anhand dessen, dass die Journalisten überwiegend der politischen Linken angehören. Die Tatsache, dass im Zuge der Diskussion die Leute wieder offener ihr Ressentiment äußern, wie er den Leiter der Studie zu Islamfeindlichkeit von der Friedrich-Ebert-Stiftung zitiert, macht er lächerlich und behauptet, das wären für ihn keine Ressentiments sondern Meinungen. Garniert wurde das ganze mit seinen Untersuchungen von Medienskandalen, in denen die in der Presse skandalisierten Personen unter psychischen Problemen litten, und übetrug das eins zu eins auf Sarrazin. Dem wurde von zwei älteren Herren aus dem Publikum danach explizit zugestimmt, und betonten, dass man jetzt endlich mal Sachen ansprechen könnte, die man vorher nicht hätte ansprechen dürfen. Was letztendlich nur ein Armutszeugnis für die beiden Sprecher ist. Wer erst eine Person aus der Elite braucht, an die man sich halten kann, um auch mal „unbequeme“ Wahrheiten auszusprechen, scheint doch ziemlich autoritätshöriger Mitläufer als zu sein.

    Was gestern nicht zur Sprache kam, war die Tatsache, dass Sarrazin, besorgt um Deutschlands Fortkommen im kapitalistischen Konkurrenzkampf der Nationen, durchaus auf dem nationalistischen Ticket reist. Das zeigt schon allein der Titel „Deutschland schafft sich ab“. Es hätte ja auch „Die verschlafene Integration“, „Die Spaltung der Gesellschaft“ oder ähnlich heißen können. Eine Trennung von Ressentiment und Meinung ist tatsächlich kaum möglich angesichts des oberflächlichen Diskurses, der dadurch angestoßen wurde, und auf den jetzt auch immer mehr Politiker gerade aus den Reihen der Union aufspringen. Und letztendlich steht die Frage im Raum, wie man jetzt mit den „Problemen“ umgehen soll. Da schwebt durchaus die Frage im Raum, alle „Türken“ in Lagern sammeln und „rückführen“? Jetzt wird in der Öffentlichkeit wieder schamlos zwischen nützlichem und unnützem Menschenmaterial unterschieden. Das individuelle Schicksal interessiert dabei nicht.

    Vielleicht sollte man sich auch mal die technokratische Logik zu eigen machen, und darüber nachdenken, dass es ja ganz nett und bequem ist, wenn man sich unter Menschen bewegt, die die gleiche Sprache sprechen und ähnliche Wertvorstellungen teilen, aber als Grund dafür, dass es eine Katastrophe sein soll, dass sich Deutschland abschafft, reicht das nicht wirklich. Deutschland schafft sich ab, so what? Wer hat denn dadurch einen Schaden? Doch vor allem diejenigen, die sich auf der deutschen Seite im Zuge des Konkurrenzkampfs der Nationen bereichert haben, und deshalb viel zu verlieren haben.

  3. Kuckuck sagt:

    Hörenswert dazu eine Kolumne Gremlizas unter dem Titel „Man wird ja wohl noch …“ auf freie-radios.net.

  4. DAF sagt:

    Im Januar ist Sarazzin ja persönlich in Dresden. Man sollte evtl. mal Gegenargumente schriftlich niederschreiben und nach dieser Veranstaltung an die Besucher verteilen… Wenn man mit Transparenten und krakelend rumsteht tappt man wieder in die „Linke-Deppen-Falle“ und bestärkt die Sarrazin-Anhänger in ihrem Feindbilddenken.

  5. TP-Leser sagt:

    Die Angst des Kleinbürgers vor dem Fremden:
    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33533/1.html

  6. torsten sagt:

    Egal welche Frage da gestellt wurde, aber den Fragenden als Deppen zu bezeichnen, ist eines wissenschaftlichen Rahmens nicht nur unwürdig, sondern zeigt, dass es offenbar nicht um Wissenschaft geht. In der Wissenschaft sind Beleidigungen unnötig.

  7. Dagewesener sagt:

    Prinzipiell ja. Nur wurde die Frage nicht im Rahmen der Fragerunde gestellt, sondern es wurde hysterisch dazwischen geblökt.

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