Feminismus

Kämpferischer Protest und ausgelassene Stimmung bei Veranstaltungen zum feministischen Frauenkampftag

14. März 2022 - 20:55 Uhr - Eine Ergänzung

Anlässlich des internationalen Frauenkampftages am 8. März hatten verschiedene Gruppen zum gemeinsamen Protest am König:innenufer mobilisiert, das offiziell als Königsufer bekannt, konsequenterweise im Sinne einer geschlechtergerechten Sprache umbenannt wurde. Wie bereits im letzten Jahr, wurde der Platz vor den Treppen ab 14 Uhr zu einem öffentlichen Veranstaltungs- und Treffpunkt für feministischen Streik, Austausch und Vernetzung. Auch in diesem Jahr gab es Infostände, Kuchen und verschiedene kleine Aktionen bei bestem Wetter, das wohl seinen Beitrag für die gute Stimmung und die zahlreichen Besucher:innen leistete.

Unter den vertretenden Initiativen war die basisdemokratische Gewerkschaft FAU (Freie Arbeiter:innen Union) zu finden, Menschen von der Queer Pride Dresden , dem anarchistischen Café Malobeo, der Initiative für Frieden in Kurdistan (IFK) und vom Dresdner Verein deutsch-kurdischer Begegnungen. Auch Aktivist:innen von Women Defend Rojava, den e*vibes, der Grünen Jugend Dresden und der Gruppe Rotes Dresden beteiligten sich an Kundgebung und Demonstration.

Einen feierlichen Charakter erhielt die Veranstaltung vor allem durch die kurdischen Lieder und Tänze, die die vielen einzelnen Gespräche um Gesang und Bewegung ergänzten und so die Stimmung auflockerten.Kurdische Frauen nutzten die Teilnahme, um auf die Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen in Kurdistan und der ganzen Welt hinzuweisen, aber auch um zu feiern, dass Frauen alles schaffen können, wie in Rojava zu sehen sei. Eine Aktivistin des Vereins deutsch-kurdischer Begegnungen wies auch auf die Unterstützungsangebote für Menschen hin, die in Dresden ankommen und die ihnen das Leben hier und die Integration erleichtern sollen. Eine Gruppe junger Menschen präsentierte ihre erste Ausgabe der The Queer Agenda, ein queerfeministisches Zine aus Dresden, und rief zur Einsendung von Texten für künftige Ausgaben auf. 

Ab 16 Uhr hielten Aktivst:innen der AG Feministische Kämpfe der FAU Dresden und des feministisches Kollektivs Colectiva feminista de Abya Yala die ersten Redebeiträge. Das Kollektiv hatte sich genau vor einem Jahr an gleicher Stelle gegründet und rief dazu auf, den Tag zu nutzen, um zusammen zu feiern und gegen das unterdrückerische System zu kämpfen. Da diese Unterdrückung aber nicht alle in gleichem Ausmaß betreffe, solle Solidarität auch heißen, die eigenen Privilegien zu überprüfen und dekolonialistische, antirassistische und antiklassistische Überzeugungen zu entwickeln. Die FAU verwies auf den Zusammenhang von Patriarchat und Kapitalismus, der zu Vereinzelung, Ausbeutung und extremer Benachteiligung verschiedener Menschengruppen führe. Zudem forderte die Gewerkschaft neben einer Arbeitszeitverkürzung auf maximal 20 Stunden pro Woche bei vollem Lohn, eine umfassende Selbstbestimmung und die Auseinandersetzung mit feministischen Utopien. 

Abschließend wurde zur Selbstorganisierung und zu kollektiven Widerstandsformen aufgerufen, egal ob in Gewerkschaften oder außerhalb. Der feministische Streik, der am 8. März gefordert und gelebt wird, sollte dabei als Anfang einer großen Veränderung verstanden werden, der alle Bereiche der Gesellschaft umfassen sollte, um ein Zusammenleben ohne Ausbeutung und jegliche Form von Herrschaft zu ermöglichen.

Nach dem Ende der Auftaktkundgebung startete die etwa 500 Menschen umfassende Demonstration auf dem Carolaplatz. Über die Carolabrücke führte die Route auf die St. Petersburger Straße. den Dr. Külz-Ring bis zum Postplatz für eine Zwischenkundgebung. Auf dem Weg begleiteten Musik und bekannte feministische Sprechchöre wie „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!“ oder „Ehe, Küche, Vaterland – Unsere Antwort Widerstand!“ die Demonstration lautstark. Wie bereits am Treffpunkt an der Elbe waren es auch hier Kurd:innen, die mit Fahnen, Transparenten und Sprechchören wie „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frauen, Leben, Freiheit) die Veranstaltung wesentlich internationaler und vielfältiger machten, als sie sonst gewesen wäre.

Auf dem Postplatz sprach eine Person von dem Projekt Queer Pride Dresden anlässlich des Ukraine-Krieges über internationale Kämpfe queerer Menschen. Statt dieses Jahr das 10-jährige Jubiläum der Kiew-Pride feiern zu können, werden Verteidigungsmaßnahmen vor Ort aufgebaut und trans Frauen dabei unterstützt, ausreisen zu dürfen. Aufgrund des neuen Krieges in Europa, der gerade alle Ukrainer:innen in Gefahr bringt, wurde zu queerer Solidarität mit den Menschen in der Ukraine aufgerufen und ein Ende von Diskriminierung, Ausbeutung und Krieg gefordert.

Das Phänomen der so bezeichneten Vergewaltigungskultur wurde in einem Redebeitrag der Gruppe Gleiche Brust für Alle thematisiert. Der sexistische und sexualisierte Umgang mit Frauenkörpern als allgegenwärtiges Dekorationsobjekt wurde ebenso kritisiert, wie der Widerspruch zwischen dieser Dauersexualisierung und der vorherrschenden Zensur weiblicher Brüste in digitalen Medien. Bei einem selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper, beispielsweise wenn weibliche Brüste in der Öffentlichkeit gezeigt werden, drohe sogar staatliche Repression. Das Beispiel einer jungen Frau, die von der Polizei aufgefordert wurde, ihre Brüste zu bedecken, als sie sich sonnte, verdeutlichte genau diese sexistische Beziehung zu weiblichen Brüsten, die dann nicht mehr erwünscht sind, wenn sie weder einem kapitalistischen Verwertungscharakter zur Generierung von Profit unterworfen sind, noch der sexuellen Bedürfnisbefriedigung dienen.

Danach lief die Demonstration weiter über die Augustusbrücke zur Abschlusskundgebung auf dem Neustädter Markt, wo die letzten beiden Redebeiträge von Women Defend Rojava und einer Aktivistin aus dem Heibo den bunten Protest abschlossen. Der Heibo steht dabei als Abkürzung für den Heidebogen, ein Waldgebiet bei Ottendorf-Okrilla, in dem eine Gruppe junger Menschen wohnt, um die Zerstörung von über 900 Hektar Waldfläche für einen geplanten Kiestagebau zu verhindern. 

Eine Waldbesetzerin betonte in ihrem Beitrag die zwingenden Zusammenhänge von Patriarchat und Klimakrise. Feminismus und Ökologie müssten verbunden werden, um eine nachhaltige Zukunft für Alle zu ermöglichen. Nicht der Verweis auf künftige technologische Erfindungen seien Teil der Lösung, sondern vielmehr Teil des Problems und einer Denkweise, die erst zu der aktuellen, globalen, ökologischen Katastrophe geführt hat. Denn statt mit der Natur zu leben, ohne die kein Gegenstand und Menschenleben existieren würde, wird sie im kapitalistischen Streben nach Wachstum der totalen Verwertung und Ausbeutung für den sogenannten Fortschritt preisgegeben, was inzwischen die Lebensgrundlagen aller Lebewesen auf unserem Planeten bedrohe. Eine ähnlich umfassende Perspektive wurde zum Schluss für die Revolution in Rojava thematisiert, indem feministische Kämpfe auch immer antirassistisch und antikapitalistisch gegen Staaten, Regierungen und Militärs ausgerichtet sein sollten. 

Als die Sonne untergegangen und das Tageslicht von der Straßenbeleuchtung abgelöst wurde, tanzten einige der verbliebenen Teilnehmer:innen zur Musik aus den Lautsprecherwagenboxen noch ein bisschen weiter. Sie setzten damit auch in Dresden ein Zeichen dafür, dass der feministische Streik an diesem Nachmittag mit seinen zahlreichen kämpferischen Botschaften, Forderungen und Reden auch zeitgleich ein fröhlicher Protest war, bei dem für ein anderes, solidarisches Zusammenleben nicht nur zusammen gekämpft, sondern auch zusammen gefeiert werden sollte.

Bilderquelle: Arbeiter:innenfotografie Dresden


Veröffentlicht am 14. März 2022 um 20:55 Uhr von Redaktion in Feminismus

Ergänzungen

  • Kleine Anmerkung: Die FAU spricht für den 8. März von „feministischen Kampftag“ und begreift ihn als antipatriarchalen Aktions- und Streiktag für ALLE Geschlechter.

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