Feminismus

Sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche – Heidenauer Gemeinde beschließt Einebnung von Priestergrab

7. Juni 2021 - 12:11 Uhr

Elf Jahre ist es her, seit auch in Deutschland in großem Stil über sexualisierte Gewalt in der – vor allem katholischen – Kirche gesprochen wurde. Auslöser war ein offener Brief des damaligen Rektors des Berliner Canisius-Kollegs, in dem er Opfer von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche aufforderte, an die Öffentlichkeit zu gehen. Vorangegangen waren zahlreiche Skandale in den USA, Irland und anderen europäischen Staaten. Die durch die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) in Auftrag gegebene MHG-Studie ermittelte 3.677 von sexualisierter Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche sowie 1.670 beschuldigte Kleriker für den Zeitraum von 1946 bis 2014. Einer dieser Fälle wird nun – 11 Jahre später – in Heidenau heiß diskutiert. 

Es ist den Recherchen der Sächsischen Zeitung zu verdanken, dass der Fall um den langjährigen Pfarrer Herbert Jungnitsch (1898-1971) erneut in das Licht der Öffentlichkeit gerückt wurde. Ihren Recherchen zu Folge hat Jungnitsch während seiner Amtszeit von 1948 bis 1971 in mindestens vier Fällen „sexualisierte und körperliche Gewalt bis hin zu schwerem Missbrauch von Kindern“ verübt (1). Außer dem mittlerweile verstorbenen Pfarrer gibt es sechs weiterenamentlich bislang unbekannte Beschuldigte, die in den 1960er Jahren an den Fällen sexualisierter Gewalt beteiligt und teils selbst im Kirchendienst gewesen sein sollen. 

Die Anschuldigungen liegen dem Bistum Dresden-Meißen vor, seit sich 2010 mehrere Betroffene an den damaligen Bischof Joachim Reinelt wendeten. Initiiert wurden damals Gespräche mit den Betroffenen und Schadensersatzzahlungen, jedoch keine kircheninterne Aufarbeitung, die das Thema öffentlich präsent gemacht hätte. Der Vorschlag einer Betroffenen, eine Untersuchungskommission für das Bistum einzuberufen, verlief im Sande. Es soll zwar eine Vorbereitung für eine Pressemitteilung gegeben haben, doch nach einer Überarbeitung ging diese angeblich verloren. Als im Jahr 2013 eine erste offizielle Zusammenfassung erschien, blieben sowohl Ort als auch der namentlich bekannte Täter unerwähnt. Im Jahr 2014 proklamierte der neue Bischof Heiner Koch, die „aktuelle Situation“ sei „weitgehend aufgearbeitet“ (zitiert nach Sächsische Zeitung). Erst im Jahr 2018 – dem Erscheinungsjahr der MHG-Studie – entschloss sich das Bistum, seine Akten an die Staatsanwaltschaft weiterzugeben. Gleichzeitig erhob die Sächsische Zeitung Vorwürfe, dass die Richtlinien für den Umgang mit sexualisierter Gewalt im Bistum Dresden-Meißen nur unzureichend umgesetzt würden. 

Der Fall Jungnitsch ist insofern besonders brisant für die kircheninterne Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt, als dass er an seinem Wirkort Heidenau als auch darüber hinaus bekannt und geschätzt war und nach wie vor ist. So schilderten Betroffene gegenüber der Sächsischen Zeitung, dass er in Heidenau nach dem Zweiten Weltkrieg eine sehr wichtige Rolle als Ersatzvater für Jugendliche gespielt haben soll. Außerdem war Herbert Jungnitsch prägend für den von 1970 bis 1987 amtierenden Bischof des Bistums Dresden-Meißen Gerhard Schaffran. Schaffran war 1971 persönlich bei der Beisetzung des nach einem Unfall verstorbenen Pfarrers Jungnitsch zugegen. Eine Mitwisserschaft streitet das Bistum ab. 

Das Grab des Pfarrers soll nun auf Beschluss des Seelsorgerat Heidenau eingeebnet werden. Dies solle kein Schritt zur Vertuschung sexualisierter Gewalt, sondern ein aktiver Teil der Aufarbeitung in der Heidenauer Gemeinde sein. „[I]n Zusammenarbeit mit Betroffenen, dem Bistum sowie weiteren fachlich kompetenten Akteuren“ plane die Gemeinde eine offene Abendveranstaltung. Ziel sei „aus diesen Geschehnissen für die zukünftige Prävention sexualisierter Gewalt in unserer Pfarrei zu lernen“. Diese Abendveranstaltung musste aufgrund der Corona-Pandemie wiederholt verschoben werden und soll jetzt im September 2021 stattfinden. Der amtierende Bischof des Bistums Dresden-Meißen Heinrich Timmerevers hat im Interview mit der Sächsischen Zeitung seine Zustimmung zu dem Vorhaben bekräftigt: „An diesem Grab kann es zu Retraumatisierungen kommen. Darum ist die Einebnung angemessen, eine ganz selbstverständliche Konsequenz.“

Es ist ein wichtiger Schritt reale Konsequenzen aus den Geschehnissen zu ziehen. Doch die zur Schau gestellte Uneingennützig hat auch eine Kehrseite. Die Einebnung ist vor allem ein einfacher Schritt, um der Kirche in der Öffentlichkeit verloren gegangenes Vertrauen zurück zu holen. Im selben Interview führte Timmerevers die über 10 Jahre verschleppte Aufarbeitung auf die mangelnde Sensibilität der Verantwortlichen zurück. Diese hätten nicht geahnt, „was das für eine Herausforderung sein wird. Das kriegt man ja nicht mit einem Fingerschnippen hin“. Ernsthafte Aufarbeitung und Auseinandersetzung sieht anders aus. In letzter Konsequenz müsste Timmerevers seine beteiligten Vorgänger und Untergebenen ebenfalls zur Verantwortung ziehen. Anstatt mangelnde Sensibilität vorzuschieben, täte er gut daran, zu benennen, dass die Kirche mit der verweigerten Aufarbeitung eine zweite Schuld auf sich geladen hat.

Derweil gibt es weitere Vorwürfe gegen einen sächsischen Pfarrer (2), der in den 1960er Jahren in Riesa gegen mindestens zwei Jugendliche und in den 1980er Jahren in Neugersdorf (Lausitz) gegen mehrere jugendliche Ministranten sexualisierte Gewalt angewendet haben soll.

Quellen:

CONTENT WARNING: Die Links enthalten explizite und bildliche Beschreibungen von sexualisierter Gewalt.

(1) https://www.saechsische.de/sachsen/katholische-kirche-missbrauch-vergangenheit-bistum-dresden-heidenau-5378752-plus.html

(2) https://www.saechsische.de/sachsen/kirche-sachsen-riesa-emsland-priester-die-sache-mit-g-5401612-plus.html

Bildquelle: Wikipedia


Veröffentlicht am 7. Juni 2021 um 12:11 Uhr von Redaktion in Feminismus

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