Kultur

… und wieder nur Heimat? Der Kulturentwicklungsplan in Dresden

10. Mai 2020 - 12:33 Uhr

Bis zum 11. Mai 2020 haben alle Bürger:innen in Dresden über die Webseite der Stadt die Möglichkeit, den Kulturentwicklungsplan (KEP) zu kommentieren, der Anfang März erschienen ist. Auf mehr als 170 Seiten formuliert dieser Plan die kulturpolitischen Ziele der sächsischen Landeshauptstadt. Als zweiter seiner Art – der letzte war 2008 vom Stadtrat beschlossen worden – fächert der Plan die Strategien für die Entwicklung von Kunst, Kultur und Tourismus in der Stadt auf. Hier ein paar Eindrücke. 

…und wieder nur Heimat?

Obwohl Dresden sich mit dem Titel „Neue Heimat“ erfolglos auf den Titel als Kulturhauptstadt 2025 beworben hat, scheinen die Schreiber:innen des Kulturentwicklungsplanes nicht ganz vom Thema lassen zu können. Zugegeben – das Konzept der Bewerbung war besser als sein Titel. Und dennoch: Der Versuch, die polarisierte Stadtgesellschaft mit den Mitteln der Kultur wieder zusammen zu bringen ist bei beiden Vorstößen augenfällig. Der Antagonismus wird formuliert als der Unterschied zwischen einer global vernetzten Mittelklasse und traditionellen Kulturessentialisten (S.12). So wird im Entwicklungsplan dargelegt, „dass sich in größeren Teilen der Bevölkerung eine starke Sehnsucht nach Heimat herausgebildet hat. Heimat und eine Art Heimatgefühl entstehen durch ein Leben und Handeln über längere Zeiträume hinweg in überschaubaren, vertrauten Räumen“. Dieser entschuldigende Gestus gegenüber dem patriotischen Gebahren so mancher Heimatliebenden wird dann leider auch verstärkt, wenn es ein paar Absätze weiter um die Frage der Teilhabe geht: „Dabei sind die Chancen zur Teilhabe aber offenkundig ungleich verteilt“. Wobei es hier nicht zuerst um die Teilhabe marginalisierter Bevölkerungsgruppen geht, sondern um die empfundene „versagte Teilhabe“ der genannten Patriot:innen: „…man zieht sich zurück auf die eigene Besonderheit, die kompensatorisch für vermeintliche oder erfahrene Zurückweisungen zur überlegenen Kultur überhöht wird und jeden anderen ausschließt“. Statt also das Konzept der „Neuen Heimat“ endgültig über den Haufen zu werfen, steckt hinter dem Anfang des Kulturentwicklungsplans eher die Hoffnung, dass mit den Mitteln der Kultur ein Problem zumindest besänftigt werden könnte, dem es gut stünde, erst einmal klar beim Namen genannt zu werden: Rassismus und Hass. Würde das so formuliert stehen, könnte die Kultur, die auf einer solchen Grundlage entsteht und gefördert wird, vielleicht auch ihr Potenzial entfalten. 

Die Anderen. Wer noch erwähnt wird.

An vielen Stellen geht der Plan auch auf die notwendige Diversität in der Dresdner Kulturlandschaft ein. So wird lobend die spezielle Förderung von Frauen in der Bildenden Kunst erwähnt (Dresdner Sezession 89 e.V.und Kreative Werkstatt Dresden e. V.. S.48), migrantische Dresdner:innen sollen zu Kommunikator:innen, die Kulturangebote niederigschwelliger gestaltet werden und auch Menschen mit Beeinträchtigung wird ein Absatz gewidmet, der auf die Notwendigkeit von Inklusion verweist. Doch inwiefern sich die Erkenntnis vom Anfang, dass „‚Normalfamilien‘, die sich durch die Ausübung einer geregelten, sozialversicherungspflichtigen Vollzeittätigkeit und das traditionelle Vater-Mutter-Kind-Modell auszeichnen, […] nun Varianten unter anderen [sind]“ wirklich von den Schreiber:innen gedacht wird, bleibt offen, wenn es bei der Vergabe von Stipendien nur um eine Kinderbetreuung geht, wenn Frauen diese Stipendien bekommen: „Darüber hinaus wird bei der Vergabe von (Reise)Stipendien an Frauen in den entsprechenden Fällen meist auch geprüft, ob Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder bestehen.“ (48)
Dennoch: dank der unermüdlichen Arbeit von Berufsverbänden, Kulturarbeiter:innen und Einzelpersonen lässt dieser Kulturentwicklungsplan hoffen, dass in einigen Bereichen zumindest diese Problemlagen künftig stärker in den Blick genommen werden – auch wenn sie in der Regel ein Absatz am Ende bleiben. Die erfreuliche Nachricht ist möglicherweise die Planung eines neuen, interkulturellen Zentrums am Kraftwerk Mitte („Haus der Interkultur“, S.87).

Zeitgenossenschaft demonstrieren oder Kultur leben – Hat Dresden ein Imageproblem?

An manchen Stellen weckt der KEP den Verdacht, dass es doch eher um Imagepflege geht als darum, mit einer diversen Kulturlandschaft die städtische Zivilgesellschaft zu stärken und progressive Kultur zu unterstützen. Dies ist vielleicht der Unterschied zwischen dem „demonstrieren“ einer Zeitgenossenschaft (S. 65) und und dem „leben“ derselben (S. 67). An vielen Stellen entwirft der Plan auch Ideen für zweiteres – so zum Beispiel allein in seiner umfassenden Sichtweise auf unterschiedlichste Sparten der Kultur, Clubkultur eingeschlossen. Was noch fehlt: wenn die ganze vorhandene Diversität der kulturellen Angebote gefördert und unterstützt werden soll, müsste das auch ein Ende der Kriminalisierung von kostenlosen und selbstorganisierten Freepartys bedeuten. Hier könnte Dresden sich ein Beispiel an den Regelungen in Bremen nehmen.

An anderen Stellen im KEP aber verharrt die Breitenförderung dann doch im Schatten der Exzellenz. Sowohl der Dresdner Kreuzchor, also auch die Dresdner Philharmonie, so scheint es, sind zentrale Themen. Auf die Frage der musikalischen Förderung von Kindern aus einkommensschwachen Verhältnissen bleibt der KEP aber eher vage in seinen Aussagen. Es bleibt zu hoffen, dass eine „verantwortungsvolle Personalpolitik“ (S.66) in den Musikinstitutionen der Stadt die Ersetzung von Honorarverträgen durch tarifgebundene Arbeitsverträge, Entfristung und einer besseren Bezahlung von Musikschullehrer:innen bedeutet.

Die „interkulturelle Kompetenz der Einrichtungen“ sollte wirklich gestärkt werden, aber nicht in der Art, auch „Musikstile anderer Weltreligionen [zu] integrieren“ (S.67). Stattdessen würde dies bedeuten, genau jene Ansichten in Frage zu stellen, nach denen Kultur, Heimat, Religion und bestimmte Arten von Musik irgendwie urtümlich miteinander verwachsen wären. Was soll bspw. ein christlicher Musikstil sein?

Hoffnung weckt die beiläufige Anmerkung zur Schaffung neuer Proberäume, ein Konzept dafür soll unter Mitwirkung musikalischer Akteur:innen erarbeitet werden. Der KEP scheint die Bedarfe hier und an anderen Stellen durchaus zur Kenntnis genommen zu haben. Diese Räume werden dringend gebraucht, allerdings auch in bezahlbarer Form.

Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen?

Der Kulturentwicklungsplan beschreibt an mehreren Stellen sehr zutreffend die wirtschaftlich äußerst prekäre Situation von Kulturarbeiter:innen, so zum Beispiel der Bildenden Künstler:innen: „Die prekäre wirtschaftliche und soziale Situation vieler Bildender Künstlerinnen und Künstler hat sich in den zurückliegenden Jahren manifestiert. Eine Ursache dafür ist, dass ein erheblicher Teil der künstlerischen Arbeitsleistungen in der Regel nicht bezahlt wird.“ (S.48) Richtigerweise wird hier in die Richtung gedacht, dass Förderinstrumente flexibler gestaltet werden müssen, es mehr Stipendien (wie z.B. Atelierstipendien) braucht und Gelegenheiten für den Verkauf künstlerischer Arbeiten geschaffen werden müssen (vgl. Künstlermesse). Zudem sollen mehr Atelierflächen und günstiger Wohnraum geschaffen werden. Erfreulicherweise wird auch mehrfach eine Honoraruntergrenze für künstlerische Arbeitsleistungen anvisiert, die allerdings ebenso auch Musiker:innen einschließen sollte. Wie ausbeuterisch etwa städtische Förderungen bisher strukturiert sind, zeigt sich an der Zahl, dass etwa 37% mehr Budget allein für eine solche Honoraruntergrenze eingeplant werden müssen. Wie in einem Entwicklungsplan wenig überraschend, werden all diese Maßnahmen aber wenig konkret. 

Kultur und Kommerz, ein ungleiches Paar?

„Angesichts der daraus resultierenden vielfältigen Bezüge verwundert es nicht, dass den Gegenwartskünsten zugeschrieben wird, Seismograph für Neues in der Gesellschaft zu sein … Eine Begleiterscheinung des Experiments ist das Risiko, zu scheitern. Nicht immer werden die Ergebnisse zeitgenössischer Wagnisse dem Geschmack und dem Interesse größerer Publikumskreise gerecht. Nichtsdestotrotz hängt die Vitalität einer Kulturstadt zuvorderst von der Lebendigkeit ihrer aktuellen Kunstszenen ab. Auch deshalb unterstützt die Landeshauptstadt in besonderem Maße das experimentelle, genre- und institutionenübergreifende künstlerische Arbeiten.“ (S.28)

Der KEP bricht vor allem an dieser Stelle eine Lanze für die freie Szene und die Experimente progressiver Künstler:innen. Es wäre wünschenswert, diese Wertschätzung auch auf die Strukturen selbst zu übertragen. Denn so manche geplante Unterstützung „hervorragender Einzelleistungen“ (S. 48) liest sich eher wie Elitenförderung und Talenteschmiede (im Falle der Kunsthochschulen). 
Dabei ist die Analyse der „einsamen Tätigkeit“, zum Beispiel Bildender Künstler:innen, sehr richtig, Die entsteht aber durch genau solche Strukturen: Konkurrenz, Leistungsprinzip und Auswahl. Dies zieht sich von den Bewerbungsprozessen an den Kunst- und Musikhochschulen bis in den beruflichen Alltag. Genau das wäre auch ein Punkt, an dem eine städtische Kulturpolitik mit ihren Überlegungen ansetzen könnte: Wie eigentlich würde eine Kulturlandschaft aussehen, die sich möglichst NICHT derartigen neoliberalen Prinzipien unterwirft? Ein weiteres Stipendium mit Juryentscheid ist da womöglich nicht die Antwort. 
Vielleicht erklärt dies auch, warum zum Beispiel eine kommerzielle Verknüpfung von Kultur und Tourismus nicht auf große Gegenliebe bei Kulturarbeiter:inen stößt: „…die auf wirtschaftliche Erfolgszahlen orientierten Marketing-und Vertriebsakteure ist… [den] aus kreativen Freiräumen schöpfenden Kulturschaffenden teilweise fremd.“ (S. 109)

Fazit

Der Kulturentwicklungsplan ist ein höchst interessantes Dokument für all jene Menschen, die sich für den städtischen Blick auf die Dresdner Kulturlandschaft interessieren. Er ist von verschiedensten Akteur:innen geschrieben worden und beinhaltet wichtige und notwendige richtungsweisende Strategien für die nächsten Jahre. Eine große Bandbreite des kulturellen Lebens in Dresden – die in diesem Artikel nur ausschnitthaft genannt wird – findet Berücksichtigung. Visionär erscheint er allerdings nicht. Eine Stadt, die sich so komplexen politischen Herausforderungen gegenüber sieht wie Dresden, würden allerdings auch ein paar Visionen ganz gut tun.

Foto: Olaf Teuerle, https://www.flickr.com/photos/132001074@N03/27045385025/ (CC BY-NC-SA 2.0)


Veröffentlicht am 10. Mai 2020 um 12:33 Uhr von Redaktion in Kultur

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