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Vonovia: Dreieinhalb Monatsmieten allein für die Dividende

8. Mai 2020 - 10:20 Uhr

Erneut hat der Großvermieter Vonovia SE Rekordgewinne eingestrichen. 1,2 Milliarden Euro Profit zog der DAX aus dem Geschäft mit seinen derzeit rund 416.000 Mietwohnungen. Wie üblich soll dieser Gewinn privatisiert und umverteilt werden: Für die Hauptversammlung am 30. Juni 2020 empfiehlt der Vorstand eine Gewinnausschüttung in Höhe von 850 Millionen Euro. Was das bedeutet? Dreieinhalb von zwölf Monatsmieten einer jeden Mieter:in wandern direkt auf die Konten von BlackRock, Fidelity Investments, APG SGA und zahlreichen weiteren Finanzdienstleister:innen und Anteilseigner:innen. Das geht aus dem Jahresabschlussbericht des Konzerns hervor.

Die Mieter:innen und der Großteil der Angestellten gehen bei diesem Geschäft leer aus, denn das Geld ist für den eigentlichen Unternehmenszweck verloren. Es fehlt bei der Instandhaltung der Wohnungsbestände, im chronisch schlechten, weil unterfinanzierten „Service“ des Vermieters oder für die anständige Entlohnung der Angestellten. Die Liste an Zumutungen Vonovia gegenüber ihren Mieter:innen ist lang: Erfundene und aufgeblähte Nebenkosten, etwa für die Reinigung nicht vorhandener Schornsteine oder für fragwürdige Winterdienste, ungefragte aber teure Modernisierungsleistungen oder Mieterhöhungen ohne ersichtliche Gegenleistungen. So hat der Konzern die Mieten 2019 bundesweit um 3,7 Prozent angehoben, in Dresden lagen die Mietsteigerung mit 3,9 Prozent noch darüber. Damit ist der Konzern auf Grund seiner Vormachtstellung in der Landeshauptstadt Mietpreistreiber Nummer 1.

Grundlage dafür bleibt der exzessive Modernisierungskurs. Der Konzern hat 2019 knapp eine Milliarde Euro in Modernisierungen (2018: ca. 900 Millionen) investiert. Das klingt nach hohen Ausgaben, tatsächlich verbergen sich hinter diesem Posten jedoch zukünftige Miet- und damit Gewinnsteigerungen. Alles was hier ausgegeben wird, holt sich das Unternehmen von den Mieter:innen zurück. Möglich macht das die Modernisierungsumlage, welche 2018 von CDU und SPD gegen starke Proteste in ihren Grundzügen bestätigt wurde. Sie erlaubt es, acht Prozent der Modernisierungskosten auf die Miete aufzuschlagen – und das für unbegrenzte Zeit. Die Mieter:innen zahlen weiter, auch wenn die eigentlichen Kosten schon lange getilgt oder abgeschrieben sind. Zum Vergleich: Für die nicht umlagefähigen aber oftmals notwendigen Instandhaltungen gibt Vonovia SE lediglich 490 Millionen Euro aus. Die gesetzliche Lage zwingt derzeit nicht zum umsteuern. Das Unternehmen kündigt im Jahresbericht an, diesen Kurs weiterzuverfolgen, im laufenden Jahr soll das Modernisierungsbudget erneut wachsen.

Aber nicht nur Mieter:innen werden ausgepresst, sondern auch die Angestellten. Die Stimmung im Unternehmen ist mies: Weder zahlt das DAX-Unternehmen Tariflohn, noch gibt es Urlaubs- oder Weihnachtsgeld, neue Arbeitsverträge sind regelmäßig befristet. Gleichzeitig schüttete sich der vierköpfige Vorstand um Rolf Buch allein für 2019 ein Salär von über 11 Millionen Euro aus. Hinzu kommen weitere 6,5 Millionen Euro für später auszuzahlende Pensionen.

Über 10.000 Angestellte zählt der Konzern, allerdings arbeiten nur 168 davon direkt für die Vonovia SE. Der Rest ist bei Tochtergesellschaften angestellt. Dieses komplexe Konstrukt ermöglicht einerseits Steuervermeidung und erschwert anderseits Kämpfe um Mitbestimmung.

Diese wären aber dringend nötig, wie der Blick auf einschlägige Bewertungsportale zeigt. Eine Sachbearbeiterin aus Dresden berichtete dort Ende letzten Jahres von „Personalabbau, hoffnungslos überlasteten, verbitterten Mitarbeitern, einer Einarbeitung, die den Namen nicht verdient, Druck am laufenden Band“. Ein anderer Kundenberater beklagte „Arbeit auf Verschleiß“, zudem stünde bei der Nebenkostenabrechnung Mobbing durch die Teamleitung auf der Tagesordnung. Den versprochenen Kundenservice fasst ein ehemaliger Mitarbeiter so zusammen: „Kundenservice = Kundenverarsche und Hinhaltetaktik“. Ein weiterer schreibt: „Wer sich wirklich um das Lösen von Mieterproblemen bemüht, schafft die Zahlen nicht und darf gehen.“ Mindestens 63 Anrufe pro Tag seien Pflicht, heißt es auf dem Portal.

Was bei Vonovia SE interessiert, sind weder Mieter:innen noch Angestellte, sondern allein die Dividende. Der Konzern verwandelt das Grundbedürfnis nach Wohnen in ein renditeträchtiges Geschäftsmodell und macht Deutschland zum Zentrum der Mietspekulation. Darüber können ein paar nette Imagebilder und -geschichten, wie sie am Anfang des Jahresbericht platziert wurden, nicht hinwegtäuschen. Es ist allerdings kein Automatismus, dass das so bleiben muss. Forderungen nach einem Mietendeckel oder gar einer Enteignung der Wohnkonzerne gewinnen weiter an Relevanz, immer mehr Mieter:innen organisieren sich, um ihre Rechte durchzusetzen.

Im letzten Jahr entstand das Netzwerk Vonovia-Mieter Dresden. Anlass waren Nebenkostenabrechnungen, in denen Kosten, etwa für den Winterdienst, teils um das 20-fache gestiegen waren. Im vergangenen Jahr beschloss der Dresdner Stadtrat zudem auf Initiative der Partei „Die Linke“ das Nebenkostengeschäft der Vonovia zu überprüfen. Ziel war es, rechtswidrige Mieterhöhungen und Umlagen offenzulegen. Passiert ist bislang allerdings nichts, die Stadtverwaltung sieht sich nicht in der Verantwortung bzw. keinen Verstoß gegen die 2006 geschlossene Sozialcharta. Diese war im Zuge der Privatisierung des städtischen Wohnungsbestand 2006 geschlossen worden, um damit einen sozial verantwortungsvollen Umgang mit den Mieter:innen zu sichern.

Seit dem letzten Jahr forciert das Bündnis „Mietenwahnsinn stoppen!“ Protest gegen die Vonovia. Das Bündnis mobilisierte zu einer Kundgebung im Rahmen des europaweiten Aktionstages gegen Mietenwahnsinn und trifft sich regelmäßig zu einem offenen Mieter:innentreffen, um Mieter:innen zu vernetzen und zu stärken.

Kontakt und weitere Informationen:
netzwerk.vonovia-mieter.dresden@freenet.de
https://dresden.mietenwahnsinn-stoppen.de/newsletter/


Veröffentlicht am 8. Mai 2020 um 10:20 Uhr von Redaktion in News, Soziales

Ergänzungen

  • „Push-To-Talk Wohnen“ ( https://www.youtube.com/watch?v=QfV4eBSXlSA )ist die neue Online-Diskussionrunde des Dresdner Bündnis MietenwahnsinnStoppen!. Im zweiten Gespräch diskutieren das Bündnis „MietenwahnsinnStoppen!“ mit der Initiative „WirZahlenNicht“ vom Mietenwahnsinn Bündnis Berlin, der FAU Dresden und WirBesetzenDresden über die Themen: politische Aktionsformen in Corona-Zeiten, Mietenstreik und warum es jetzt eine Mieter*innen Gewerkschaft braucht.

    Zahlreiche Menschen verlieren ihr Einkommen, sind von Arbeitslosigkeit bedroht oder wissen einfach nicht, wie sie in den nächsten Monaten ihre Miete zahlen sollen. Bereits in der Vor-Corona Zeit wurde deutlich, wie wichtig ein Zusammenschluss von Mieter*innen bei der Durchsetzung von gemeinsamen Interessen ist. Eine mögliche Organisationsform wäre eine Mieter*innen Gewerkschaft. In Schweden gibt es so eine Gewerkschaft seit 1919, in England und Spanien haben sich in den letzten Jahren welche gegründet, in Frankfurt und Berlin haben sich dieses Jahr Gewerkschafts-Initiativen gegründet.
    Mit der Initiative „WirZahlenNicht“ vom Mietenwahnsinn Bündnis Berlin möchten wir über die Grenzen von klassischen Aktionsformen wie z.B. Demos oder Kundgebungen in Zeiten von Corona diskutieren, über die Vor- und Nachteile eines Mietenstreiks sprechen und wissen, was hinter ihrer Kampagne „WirZahlenNicht“ steckt.

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