Soziales

Bunter Protest vor der Semperoper

Anders als bei einer Veranstaltung der FDP-nahen Wilhelm-Külz-Stiftung mit dem für seine homophoben und rassistischen Äußerungen in der jüngeren Zeit bekannt gewordenen Schriftsteller Akif Pirinçci in der Woche zuvor, gelang es am Samstag mehreren hundert Menschen, eine für den Nachmittag auf dem Theaterplatz angemeldete Kundgebung „besorgter Eltern“ lautstark zu stören. Während die Veranstaltung im Hotel „Holiday Inn“, bei der Pirinçci sein umstrittenes Buch „Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ vorstellte, nur kurz gestört werden konnte, gelang es den Menschen auf dem Theaterplatz, ein klares Zeichen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung zu setzen (Fotos 1 | 2). Eine von der Gruppe „Besorgte Eltern gegen Frühsexualisierung“ im Anschluss an ihre Kundgebung geplante Demonstration durch die Dresdner Innenstadt, musste Veranstalter Matthias Ebert schließlich auf Anraten der Polizei aus „Sicherheitsgründen“ absagen.

Auf der Kundgebung sprach unter anderem der ehemalige konkret-Redakteur Jürgen Elsässer, welcher spätestens seit der Gründung einer auch für das rechte Spektrum offenen „Volksinitiative gegen das Finanzkapital“ scharf für seine politischen Äußerungen kritisiert wurde. Bereits 2006 hatte der mittlerweile zum Chefredakteur des rechtspopulistischen Monatsmagazins Compact aufgestiegene Elsässer der Partei Die Linke in einem Interview mit der Jungen Welt vorgeworfen, von antikapitalistischen Positionen abgerückt zu sein. Vielmehr sei „Multikulti, Gendermainstreaming und die schwule Subkultur gefördert“ worden, „während die Proleten auf Hartz IV gesetzt werden und sich oft auch keine Kita, kein Schwimmbad und keine warme Wohnung mehr leisten können“. Bis zuletzt hatte Elsässer mit seinen Positionen immer wieder positive Reaktionen bei führenden Protagonisten der rechten Szene hervorgerufen. Erst im April war er am Potsdamer Platz auf einer der so genannten Mahnwachen für den Frieden als Gastredner eingeladen, um dort gegen die „internationale Finanzoligarchie“ zu wettern.

In seinem Redebeitrag richtete Elsässer vor etwa 70 Menschen zunächst ein Grußwort an die Veranstalterinnen und Veranstalter der PEGIDA-Demonstrationen in den letzten Wochen. Anschließend versuchte er anhand einiger Beispiele aus anderen Bundesländern zu erläutern, an welcher Stelle seiner Meinung nach die sexuelle Früherziehung vor allem eins sei: „pädagogisch unsinnig und gefährlich“; parallel dazu forderte eine Rückkehr zum Aufklärungsunterricht der 1970er und 1980er Jahre. Seiner Ansicht nach gehe es aktuell im Schulunterricht nicht mehr um Aufklärung, sondern um die „Einübung“ von Sexualität, damit würden Heranwachsende „kaputt gemacht und deformiert“. Auch den Grundsatz des Gender-Mainstreaming, mit dem langfristig eine gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter erreicht werden soll, lehnte er ab. Obwohl er zu Beginn seiner Rede das Geburtenhoch in Dresden noch als positiv bezeichnete, erklärte er wenig später die Aufklärung über die Vielfalt sexueller Identitäten zum Problem für Ehe und Familie und warnte gleichzeitig vor einem drohenden Bürgerkrieg mit der in Deutschland lebenden muslimischen Bevölkerung.

Auf der Gegenseite hatte der Dresdner Verein Gerede gemeinsam mit dem CSD Dresden den Veranstaltern vor der bunt geschmückten Semperoper vorgeworfen, unter dem Vorwand des Kinderschutzes, „gegen eine verbesserte Aufklärung an Schulen und gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalten zu hetzen und um unter anderem die Forderung nach gleichen Rechten für Eingetragene Lebenspartner_innenschaften als ‚Homo-Propaganda‘ zu diffamieren“. Auch Hartmut Rus, Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) Sachsen, hatte sich im Vorfeld besorgt gezeigt, dass auf der Kundgebung homophoben und rechtspopulistischen Positionen eine Plattform geboten wird. „Statt sich für ein mobbingfreies und wertschätzendes Klima an Schulen einzusetzen, sorgen sich diese Eltern nur um eins: Ihre eigenen Kinder könnten nicht heterosexuell werden, wenn diese von der Existenz von Lesben, Schwulen oder Transgender erfahren. Das ist Unsinn! Sollten die eigenen Kinder lesbisch, schwul oder transgeschlechtlich sein, ist das nicht erlernt. Die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität eines Menschen lässt sich nicht verändern. Jeder Versuch führt zu schweren seelischen Störungen. Was sich jedoch verändern lässt, ist, ob diese nach einem Coming-out Ausgrenzungserfahrungen machen oder von ihrem sozialen und schulischen Umfeld anerkannt werden und Wertschätzung erfahren.“ fuhr Rus weiter fort.

Schon am Mittwoch hatten sich Dresdens Integrations- und Ausländerbeauftragte Kristina Winkler, die Gleichstellungsbeauftragte für Mann und Frau, Alexandra-Kathrin Stanislaw-Kemenah und die Beauftragte für Menschen mit Behinderung, Sylvia Müller, gemeinsam für „ein weltoffenes, vielfältiges und von Akzeptanz geprägtes Klima“ in der Stadt ausgesprochen. Nach dem Bekanntwerden der Teilnahme von Mitgliedern der NPD hatte sich zudem die AG 13. Februar dem Protest angeschlossen. Ähnliche Aktionen der „Besorgten Eltern“ mit teilweise mehr als 1.000 Teilnehmerinne nund Teilnehmern hatte es zuvor bereits in Köln, Frankfurt am Main und Augsburg gegeben. Unter einem ganz ähnlichen Motto will am kommenden Wochenende die AfD-nahe „Initiative Familien-Schutz“ in Hannover gegen Schulaufklärung über sexuelle Vielfalt demonstrieren. Auch in der niedersächsischen Landeshauptstadt hat sich aus diesem Grund ein breites Aktionsbündnis gebildet, welches unter dem Motto „Vielfalt statt Einfalt“ zur Teilnahme an einer eigenen Kundgebung und Demonstration aufruft. Die nächste Demonstration der „Besorgten Eltern“ soll am 17. Januar abermals in Augsburg stattfinden.

Weitere Berichte: Demo in Dresden: Vielfalt siegt über Einfalt | Homophobie-Protest: Dresdner zeigen bunte Flagge und erhalten Unterstützung von „Jennifer Rostock“

Kommentare

  1. Django sagt:

    Warum müssen Linke eigentlich immer die Veranstaltungen von Andersdenkenden stören? Von zivilisierten Menschen könnte man doch erwarten, dass sie erstmal andere Meinungen akzeptieren und in gemeinsamen Diskussionen die Wahrheitsfindung voran treiben. Ich denke, ein Jürgen Elsässer oder auch ein Akif Pirinçci würden sich zu so einer gemeinsamen Veranstaltung bereit erklären. Nur wer keine Argumente hat, muss Lärm machen und Verleumdung betreiben.
    Gestern musste die Polizei sich und friedliche Demonstranten vor Linken mit Tränengas schützen. Und laut Polizeiberichten gab es in Hannover mehr linke Gewalt als bei allen Hogesa- und Pegida-Demonstranten zusammen. Gibt es eigentlich auch mal linke Proteste, die friedlich bleiben?

  2. @Django sagt:

    Es ist so wundervoll, wie diese Geschichten weitergesponnen werden. Wenn du dabei gewesen wärst, hättest du gemerkt, dass die Polizei die geplante, spontane Route blockiert hat, weil beim Imbiss Curry 24 Provokateure standen und sich die Polizei entschieden hat die 400 Leuten den Weg zu versperren anstatt 15 Leute wegzuschicken.

    Und da Jürgen Elsässer sein Geld mit der Angst von Menschen und deren Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien verdient, hat er ganz sicher kein Interesse an einer aufklärenden Debatte. Soviele Märchen, wie er den „besorgten“ Eltern erzählt und diese glaubten alles wie Schäfchen, daran zeigt sich für mich, dass er einfach ein guter Geschäftsmann ist. Er reist eben zu Demos seiner Zielgruppe statt zu Geschäftsterminen.

  3. Jürgen sagt:

    Mit Nazis diskutiert man nicht.

  4. Hans-Peter sagt:

    @ Jürgen:

    Sagt wer?

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