Kultur

„Wir erhoffen uns einen gewandelten Blick“ – Interview mit dem STURA der Hochschule für Bildende Künste Dresden

28. Mai 2020 - 18:14 Uhr

Seit im letzten Sommer die Bibliothek der Kunsthochschule (HfBK) besetzt wurde, weil deren damalige Leiterin auf einer Liste der AfD im Landkreis Meißen kandidiert hatte, ist es eher ruhig geworden um die Studierendenschaft der Kunsthochschule. Intern ist jedoch einiges passiert: Obwohl die Studierendenschaft verschiedene Gesprächsangebote gemacht hatte, hielt sich die Hochschulleitung eher bedeckt und die Leiterin der Bibliothek kündigte zu Ende März. Dem StuRa zufolge blieb eine hochschulinterne Auseinandersetzung mit rechtsradikalen Positionen bisher aus. Dieser hatten eine umfassende Schulung aller Mitarbeitenden zum Umgang mit rechtsradikaler Argumentation gefordert und sich eine selbstkritischere Haltung der Hochschule gewünscht. Im Gespräch mit dem StuRa wollten wir wissen, was sich seitdem an der Hochschule getan hat und was Studieren an der HfBK in Zeiten von Corona bedeutet.

Was waren eure zentralen Themen, bis Corona den Hochschulbetrieb lahmlegte? Woran habt ihr gearbeitet?

Im letzten Jahr sind bei uns Beschwerden von Studierenden bezüglich rassistischer, sexistischer und homophober Übergriffe eingegangen, darunter auch Klagen über diskriminierendes Verhalten von Seiten der Lehrenden. Das Referat für Gleichstellung hat in einem einjährigen Prozess versucht, diesbezüglich eine Umfrage mit der Hochschule und einem Meinungsumfrageinstitut durchzuführen. Ziel war außerdem eine allgemeine, regelmäßige Evaluierung der Lehre. Dieser Vorgang wurde von der Hochschule erst einmal vertagt, daher hat das Referat diese im Alleingang durchgeführt. Anzumerken ist, dass die Hochschule laut sächsischem Hochschulfreiheitsgesetz verpflichtet ist, diese Evaluierung der Lehre in regelmäßigen Abständen durchzuführen. Das Fachklassenmodell ist eine sehr intime Form der Lehre, bei der auf eine:n Professor:in nur wenige Studierende kommen, sodass Übergriffe dieser Art nur schwer besprochen werden können. Umso wichtiger ist es, diese Zusammenarbeit flächendeckend zu evaluieren. Die Hochschulleitung hat bisher nichts getan; die Auswertung unserer Umfrage erfolgt wegen Corona verzögert.

Was sind die spezifischen Probleme der Studierenden, die sich aus der Situation mit Corona ergeben? 

Für viele Studierende ist die Finanzierung ihres Studiums ein großes Problem. Nebenjobs entfallen oder können nicht mehr ausgeführt werden. Dies trifft vor allem Studierende mit Kind hart, insbesondere die Alleinerziehenden. In diesem Fall ist oft noch nicht einmal der Besuch von Online-Lehrveranstaltungen möglich, geschweige denn die Arbeit im Atelier. Diese waren zunächst komplett geschlossen, sind aber seit Anfang Mai unter Auflagen und nur im Schichtbetrieb wieder zugänglich. Hier haben die Diplomand:innen den Vortritt. Dies erschwert ein gleichberechtigtes künstlerisches Arbeiten natürlich ungemein, zumal die meisten zu Hause nicht den nötigen Platz haben. Viele Studierende befürchten, dass ihnen ein Semester gestohlen wird und sie die Regelstudienzeit nicht einhalten können.

Wie habt ihr euch organisiert und welche Maßnahmen wurden von der Hochschulleitung ergriffen? 

Unsere Theorieveranstaltungen finden über Online-Seminare auf der Meeting Plattform Zoom statt. Dies sehen wir aus datenschutzrechtlichen Gründen kritisch, sind uns aber durchaus auch der Vorteile bewusst. Trotzdem ist eine Konsultation natürlich schwierig, wenn sich das zu besprechende Kunstwerk nicht im selben Raum befindet wie diejenigen, die es anschauen. Die Nutzung der Werkstätten wird nur eingeschränkt und unter strengen Auflagen bezüglich der Personenzahl möglich sein. Der Atelierbetrieb wird im Schichtplan durchgeführt, sodass sich nie zu viele Menschen gleichzeitig in den Räumlichkeiten aufhalten. Auch hier ergibt sich das Problem fehlenden Austausches. Kunst in Isolation und nach Stundenplan zu machen fällt so schwer.

Für die Programme aus den Medienlaboren konnte die Hochschule Online-Lizenzen vergeben. Wir sind im engen Austausch mit der Hochschulleitung und haben zum Beispiel Druck gemacht, dass die Verpflichtung für Prüfungsnachweise in diesem Semester ausgesetzt wird und eine flexible Lösung für alle Studierenden in Form eines Kann-Semesters möglich ist. Dies wurde vor ein paar Tagen beschlossen.

Anfang Mai haben wir auch gemeinsam mit der Hochschulleitung einen Studienfonds zur solidarischen Unterstützung Studierender in finanzieller Notlage gegründet. Hier zahlen Lehrende, Studierende, Mitarbeitende der Verwaltung oder anderweitig mit der HfBK verbundene Menschen auf ein dafür gegründetes Konto kleine Beträge ein, um von der Krise besonders getroffenen Studierende über den Engpass hinwegzuhelfen. 

Künstler:in ist ein schwieriger Beruf, dessen Prekarität sich in Corona-Zeiten noch verschärft. Wie werden diese Problematiken von den Studierenden diskutiert? 

Wir haben zu Beginn der Corona-Pandemie Kontakt mit dem Künstlerbund aufgenommen und hoffen auf eine engere Zusammenarbeit in der Zukunft. Die diesjährige Jahresausstellung ist wie alle anderen Ausstellungsprojekte abgesagt. Es herrscht Unsicherheit darüber, wann und wie künstlerische Arbeiten überhaupt wieder gezeigt und realisiert werden können. Das sorgt für eine zunehmend prekäre Arbeitssituation in den „luftleeren Raum“ hinein. 

Das Berufsfeld des Kunst- und Kulturschaffenden, welches schon vorher mit einer geringen finanziellen Absicherung verknüpft war, wird in dieser Krise stark getroffen. Dass Kunst und öffentliches Leben in der politischen Debatte so klar hinter marktwirtschaftlichen Interessen anstehen und scheinbar keinerlei Priorität erfahren, ist ein weiterer Schlag ins Gesicht für Menschen, die sich in diesem Bereich engagieren und damit einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Gerade in Krisenzeiten sollte dieses Engagement entsprechend honoriert und politisch stärker gewertschätzt werden. Kunstfreiheit ist als Teil der Meinungsfreiheit ein hohes demokratisches Gut und damit absolut systemrelevant.

Welche Auswirkungen hat Corona konkret auf den Lehrbetrieb und welche Probleme ergeben sich daraus?

Die Auswirkungen der Corona-Krise ist durch Schließung der Hochschule für uns hart, da wir auf Ateliers und Werkstätten maßgeblich angewiesen sind. Mittlerweile gibt es eine langsame Rückkehr, aber von einem normal geregelten Studienalltag kann bei weitem nicht die Rede sein. Konsultationen und Lehrveranstaltungen passieren teilweise online, aber die Hochschule war online noch nie besonders gut aufgestellt. Das Arbeiten zuhause fällt vielen Studierenden aus Mangel an Material, Werkzeug und Platz schwer. Nicht alle Lehrenden schätzen das Arbeitspensum gut ein, so dass es eher ein „Zuviel“ an Aufgaben gibt.

Was bedeutet die Situation für studentische Selbstorganisation?

Diese gestaltet sich zurzeit schwierig, aber nicht unmöglich. Das Fehlen von Präsenztreffen erschwert den Austausch zwischen verschiedenen Gruppen. Unser Studierendencafé, das OHA, bleibt bisher auch geschlossen. Wir als StuRa treffen uns online und halten wöchentlich eine Videokonferenz mit der Hochschulleitung ab. Unsere Handlungsfähigkeit ist sehr begrenzt und unsere Sichtbarkeit eingeschränkt, da die virtuelle Kommunikation schleppend läuft. Oft ist man sich nicht sicher, wie viele Informationen an die Studierenden gelangen, da ein funktionierendes technisches Equipment und Internetzugang auch keine Selbstverständlichkeit sind.

Können die Diplomand:innen ihr Studium auch unter erschwerten Bedingungen abschließen?

Die Diplome sollen in diesem Sommersemester stattfinden, allerdings wird die Diplomausstellung später, voraussichtlich erst Ende September eröffnet. So soll den Studiernden die dies möchten, ein Abschluss dieses Jahr ermöglicht werden. Die Verlegung auf Ende September markiert den bereits spätesten Zeitpunkt, um den Abschluss formal noch in diesem Sommersemester 2020 abgelegt zu haben. Viele Diplomand:innen befürchten aber, dass nicht genug Zeit in den Ateliers und Werkstätten bleibt, um ein gutes Diplom zu machen.

Gerade Studierenden mit Kind hilft eine Öffnung der Hochschule wenig, wenn Kitas und Schulen weiterhin geschlossen bleiben. An dieser Stelle hat sich allerdings nun ergeben, dass die Beantragung einer Notbetreuung von Kindern nun auch formal für Studierende möglich ist. Die Diplome der Fakultät II sind auch an die praktische Umsetzung im Theaterbetrieb und anderen Institutionen gekoppelt, sodass geplante Diplomprojekte gar nicht erst stattfinden können.

Welche Perspektiven und langfristige Auswirkungen seht ihr, welche Potenziale?

Die momentanen Einschränkungen, die für Museen, Theaterhäuser, Clubs, Konzertsäle, Offspace-Galerien usw. festgelegt wurden, treffen den Kunst- und Kultursektor sehr und gerade subkulturelle Einrichtungen ohne große finanzielle Rücklagen drohen von dieser Krise geschluckt zu werden. So auch viele kleinere Projekt in denen Studierende der HfBK aktiv sind, wie das Objekt Klein A, das Hole of Fame, das Rockefeller Center oder das AZ Conni. Ohne diese Plattformen fehlt es an Sichtbarkeit und Möglichkeiten, sich öffentlich Gehör zu verschaffen.

Die bisher getroffenen Maßnahmen der Bundesregierung zur finanziellen Unterstützung selbstständiger Künstler:innen machen wenig Hoffnung auf eine gesteigerte Wertschätzung dieses gesellschaftlichen Engagements. Als wünschenswerte Auswirkungen oder Potenziale, die sich aus dieser Zeit des Lockdowns und des „Kultur-Fastens“ ergeben könnten, erhoffen wir uns dennoch einen gewandelten Blick auf diese Szene. Dass Wochenenden ohne die Arbeit von den Menschen hinter den DJ-Pults in den Clubs weniger Spaß machen, dass ohne Kunstausstellungen im öffentlichen Diskurs etwas fehlt, dass die freie Theaterszene einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Bildung leistet, dass den Musiker:innen in der Kneipe um die Ecke ein Honorar zusteht, dass sie nicht um die nächste Monatsmiete fürchten lässt, hat der eine oder die andere dann vielleicht verstanden.

Vielen dank für eure Zeit und viel Erfolg bei der weiteren Arbeit!


Veröffentlicht am 28. Mai 2020 um 18:14 Uhr von Redaktion in Kultur

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