Ökologie

Boomende Landschaften? Neue Halbleiterchipfabrik bei Dresden eröffnet

26. Juni 2021 - 14:22 Uhr


Es boomt im Elbtal. Zu Monatsbeginn eröffnete die Robert Bosch GmbH ihr brandneues Werk zur Fertigung von Halbleiterchips unweit von Dresden. Über eine Live-Schaltung war eigens auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Eröffnung dabei. Eine Vielzahl von Unternehmen zieht nach und plant mit massiven Investitionen in den nächsten Jahren im Raum Dresden. Insgesamt war die Errichtung des Werkes mit 140 Millionen durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert worden, rund eine Milliarde Euro hatte das Unternehmen in die Hightech-Fertigung investiert. Laut Branchenverband „Silicon Saxony“ arbeiten derzeit in rund 2.500 Unternehmen mehr als 70.000 Beschäftigte.

Das neue Werk soll nach Angaben der Betreiberfirma Maßstäbe in Sachen Modernität setzen. „Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz heben wir in Dresden die Produktion von Halbleitern auf ein neues Level“, äußerte sich der Vorsitzende Geschäftsführer Volkmar Denner zur Eröffnung der ersten AloT-Fabrik seines Unternehmens wenig zurückhaltend. Gemeint ist, dass bei der vollautomatischen Fertigung im Werk künftig sowohl „Artifical Intelligence“ (AI), also künstlicher Intelligenz, als auch das „Internet of Things“ (IoT), das Internet der Dinge, zum Einsatz kommen. Beeindruckend ist das Werk in dieser Hinsicht allemal. Allein, dass die Firma einen virtuellen Nachbau zur Verbesserung von Arbeitsschritten nutzt, klingt für den Laien ein wenig nach Science Fiction.

Die Eröffnung gelang zur allgemeinen Freude etwa sechs Monate früher als ursprünglich geplant. Das enorme Bautempo dürfte allerdings nicht von ungefähr kommen. Der globale Markt mit Halbleiterchips steckt gerade in einer mittleren Krise. Nach dem wirtschaftlichen Einbruch im Zuge der Corona-Pandemie im Jahr 2020 fuhren zahlreiche Produzenten die Kapazitäten zunächst herunter. Aufgrund der langen Fertigungsdauer von bis zu neun Monaten, dürfte sich eine Erholung des Marktes jedoch noch weiter hinziehen. In dem eine Milliarde teuren Werk werden zunächst Halbleiterchips für die boscheigene Elektrotechnikproduktion gefertigt. Ab September sollen die ersten Chips für die Automobilindustrie hinzukommen. Verwendung finden sie vor allem in Radarsystemen für Spurassistenten oder in Technik für autonom fahrende Fahrzeuge.

Neben Bosch planen auch Infineon und Globalfoundries in den kommenden Jahren große Investitionen am Standort Dresden. Dazu gesellen wird sich außerdem ein neues „Kompetenz-Zentrum für Forschung, Entwicklung und Innovation“ des Konzerns Vodafone. Nicht weniger als die Entwicklung des Mobilfunkstandards 6G will die Forschungsstelle damit vorantreiben. Man rechne mit einem Forschungszeitraum von etwa 10 Jahren. Am 2. Juni kam außerdem noch die Firma Jenoptik zum Reigen großer Bauvorhaben hinzu. Das in Jena ansässige Unternehmen will ab 2022 auf 24.000 Quadratmetern einen neuen Reinraum und einen Firmenkomplex bauen. Mit ihr ist dann auch ein wichtiger Hersteller von Rüstungsprodukten in Dresden präsent: Die Chips der Firma kommen in Steuer- und Zielerfassungssystemen von militärischen Landfahrzeugen und Raketenleitsystemen vor. 

Es boomt also im Silicon Valley Sachsens. Federführend ist dabei der Branchenverband „Silicon Saxony“, welcher seit 2000 die Interessen der Unternehmen am Standort Sachsen vertritt. So forderte der Verband etwa eine Förderung des Industriestandortes mit Quoten von 20 – 40 Prozent des Investitionsvolumens. Realistisch sind diese Forderungen offenbar allein deshalb, weil der Kampf um die Weltmarkthegemonie bei der Fertigung von Halbleiterchips gerade in vollem Gange ist. Der Freistaat könne, so Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD), „als europäisches Zentrum der Mikroelektronik […] hier einen wichtigen Beitrag leisten“. So wurde der Bau des Boschwerk aus dem Topf „Important Project of Common European Interest“ (IPCEI, wichtige Vorhaben von gemeinsamem europäischen Interesse) gefördert. Der Verband „Silicon Saxony“ hätte nun gern eine zweite Auflage dieses Programms.

Der Freistaat und die Stadt Dresden unterstützen zum Beispiel beim Ausbau der Infrastruktur. Vor allem an der Medienversorgung der Fabriken beteiligte man sich, im Falle des Boschstandorts etwa mit 5,8 Millionen Euro seitens der Stadt Dresden bei der Verlegung neuer Wasserleitungen. Um die Versorgung mit Wasser zu gewährleisten, baut die DREWAG derzeit unterhalb des ehemaligen Wasserwerkes Saloppe 15 neue Brunnenanlagen. Doch nicht nur der Wasserverbrauch des Werks ist enorm, auch die Stromversorgung erforderte den Bau des Umspannwerkes Rähnitz im Dresdner Norden. Die SachsenEnergie AG beziffert den Verbrauch auf den einer mittleren Kleinstadt. Auch die wieder reaktivierte Buslinie 78 ist Teil dieses Infrastrukturausbaus.

Der Ressourcenverbrauch bei der Produktion ist die eine Sache. Wie die Langzeitfolgen des Betriebs des europaweit wichtigsten Fertigungsortes für Halbleitertechnik auf Dresden aussehen werden, ist schwer zu sagen. Die jüngste Warnung des Bundesumweltministerium (BMU) vor Wasserknappheit in Deutschland ist jedoch besorgniserregend. Ein weiteres Problem ist der mit Umweltzerstörung einhergehende Abbau der benötigten Ressourcen, allen voran Silizium. Der Rohstoff ist nicht selten, etwa 25 Prozent der Erdoberfläche bestehen aus Silizium. Der hohe Reinheitsgrad, welcher in der Industrie benötigt wird, macht die Herstellung jedoch aufwändig. Gewonnen wird Silizium aus Quarzsand.  Sand ist nicht nur in der Elektroindustrie heiß begehrt, sondern vor allem auch Grundlage für Beton und andere Baustoffe. Größter Hersteller des Grundstoffs Silizium ist das Land China. Als Grundlage für Baustoffe wird Sand im übrigen auch in der Dresdner Heide abgebaut.

Und auch andere Rohstoffe, die in der Fertigung der Chips und in den Endprodukten – allen voran Elektro-Autos – vorkommen, sind weniger „grün“, als es Verfechter:innen eines grünen Kapitalismus gern hätten. Schon 2018 hatte „planet e“, das Dokuformat des ZDF, auf den massiven Raubbau hingewiesen, der für die Fertigstellung von angeblich sauberen Elektroautos vorausgeht. Ähnliche Probleme gelten natürlich auch für den immer intensiveren Einsatz von Elektronik in herkömmlich betriebenen Fahrzeugen. Lithium etwa, das für die Herstellung der Autobatterien in riesigen Mengen benötigt wird, wird in großem Umfang im sogenannten „Lithiumdreieck“ zwischen Chile, Bolivien und Argentinien gewonnen. Der Abbau gefährdet durch mangelnden Umweltschutz die Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung, die sich mit Straßenblockaden und Aufklärungsarbeit zur Wehr setzt. Die Kontamination der natürlichen Wasserreserven geht jedoch in rasanter Geschwindigkeit vonstatten. Ein Sprecher sagte darum gegenüber dem Deutschlandfunk (DLF): „Der Abbau von Lithium für Europa und der Wechsel zum Elektroauto wird unsere Gemeinden und unsere Landschaft umbringen. Und bisher kannten wir hier keine Autos. Schon gar keine Elektroautos – die kennen wir nur vom Foto. Ihr glaubt, damit könnt ihr die Menschheit retten, aber ihr werdet uns alle umbringen.“

Die hippe Zukunftsvision eines nachhaltigen Standortes, welche Bosch bei der digitalen Werkseröffnung zum Besten gab, ist wenig glaubhaft. Das Unternehmen kann sich noch so sehr bemühen, die aktuellen gesellschaftlichen und ökologischen Verwerfungen zu kaschieren. Ein wenig mehr Chiptechnologie hier und ein bisschen grüner Recyclingchic dort, werden eine nachhaltige Zerstörung der Lebensgrundlagen dieses Planeten, die auch eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung neuartiger Viruserkrankungen wie SARS-CoV-2 spielt, allerdings nicht beheben. Und während ein Hauptfokus der neuen Fabrik auf der Nutzung von KI liegt, zeigen die lediglich 700 neu entstehenden Arbeitsplätze, dass vollautomatisierte Industrieanlagen den Menschen kaum noch benötigen.

Bild: flickr.com/dennism2/


Veröffentlicht am 26. Juni 2021 um 14:22 Uhr von Redaktion in Ökologie

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