Soziales

Soziale Leere der digitalen Lehre

29. April 2020 - 11:39 Uhr

Eine studentische Perspektive zur digitalen Lehre und Selbstdarstellung der TU Dresden im Sommersemester 2020.

Gastbeitrag der Kritischen Geographie Dresden

Nach wie vor fordern die Auswirkungen der Corona-Pandemie Anpassungen, Improvisationen, neue Überlegungen – der Zustand der Ausnahme tritt klar zu Tage. Klar ist auch, dass alle Menschen mehr oder weniger stark betroffen sind. Sowohl Einzelpersonen als auch Institutionen müssen momentan einen geeigneten Weg finden, mit der gegenwärtigen Situation umzugehen. Sei es dabei, finanziell über die Runden zu kommen oder ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. Dies nimmt insbesondere staatliche Insitutionen in die Pflicht – jedoch macht der Umgang mit der Krise an diesen Stellen deutlich, wessen Probleme als dringlich und wichtig angesehen werden. Über die Schwierigkeiten, Benachteiligungen und Polarisierungen, die mit solchen Veränderungen einhergehen, wird geschwiegen. Dieser Beitrag möchte deshalb versuchen, einen kritischen Blick auf den aktuellen Umgang der Technischen Universität Dresden (TU) mit der Corona-Pandemie zu werfen. Er möchte außerdem aufzeigen, dass Digitalisierung nicht nur eine Frage der Technik ist.

Sommersemester 2020 startet digital

Die TU Dresden hat seit Mitte März einen beeindruckenden Digitalisierungsschub geleistet. Das Sommersemester 2020 startete digital. Viele Vorlesungen, Seminare oder besser gesagt Webinare finden jetzt im Netz statt. Damit die Digitalisierung in Windeseile möglich werden konnte, mussten die Serverkapazitäten stark erweitert werden. Dafür hat die TU Dresden eine siebenstellige Summe veranschlagt. Die Mitarbeiter:innen der TU haben Beachtliches in Lehre, Forschung und Verwaltung vollbracht. Ein Großteil der Lehre wurde in digitale Formate übertragen. Für Studierende, die gerade auf klare Aussagen zur Nichtanrechnung dieses Semester warten, schafft das zumindest die Möglichkeit, die Studieninhalte weiter wahrzunehmen, auch wenn es nicht die Art von Studium ist, für die sie sich ursprünglich immatrikuliert hatten.

Rektor Hans Müller-Steinhagen zog am 8. April in einem Video folgende Bilanz zum digitalen Lehrangebot: “Die ersten Rückmeldungen zeigen: es läuft sehr sehr gut, aber natürlich holpert es noch an manchen Stellen.“ Und fährt fort: “Es wird eines der spannendsten Semester im Studium werden.” [1] Spannend ist es, besonders wenn Dozent:innen plötzlich nicht mehr zu hören sind, weil die Internetverbindung unterbrochen wurde oder das Mikro nicht mehr funktioniert. So wird dann aus der rhetorischen Pause manchmal Stille. Sehr sehr gut läuft es bestimmt auch für die privatwirtschaftlichen und profitorientierten Anbieter wie Zoom, GoToMeeting und Adobe [2], aber auch für nicht explizit für die Lehre entwickelte kommerzielle Plattformen wie YouTube, mit deren Hilfe das digitale Seminar möglich wird. Solche digitalen Plattformen sind Gewinner der Corona-Krise: Die Nutzer:innenzahlen wachsen exponentiell. Die Zahl der monatlichen Anwender:innen ist um 190 Prozent gestiegen [3]. Damit begibt sich aber auch die TU Dresden in die Abhängigkeit großer Konzerne, die nach Profit streben, und deren Datenschutz an vielen Stellen Mängel aufweist.

Prekär Beschäftigte kümmern sich um digitale Lehre

Die TU Dresden präsentiert sich nach außen und gegenüber ihren knapp 40.000 Angehörigen derzeit so, als seien die meisten Schwierigkeiten durch die Digitalisierung der Lehre bereits behoben. Das vermittelt allerdings auch, dass Probleme die Studierende und Mitarbeiter:innen persönlich oder in ihrem Umfeld erleben, nicht ernst genommen werden. Dass die TU Dresden als eine der ersten Universitäten in Deutschland den Lehrbetrieb zum regulären Semesterbeginn startete, verdeutlicht den auch sonst in dieser Universität angelegten Leistungsdruck. In diese neoliberale Logik passt es auch, dass Dozierende innerhalb von wenigen Wochen den Lehrbetrieb ins Digitale überführen mussten. Wer und was dabei auf der Strecke bleibt, wird am Besten nicht benannt. Die eigene Leistung steht im Vordergrund. Gleichzeitig werden strukturelle Probleme zu inidviduellen, auch an der TU wird in neoliberaler Weise die Verantwortung an die Einzelnen abgetreten.

Während dieser Digitalisierungssprung vor allem von Seiten der Universitätsleitung als Erfolg ausgewiesen wird, gestaltet sich die Situation in der Lehre, insbesondere für die prekär Beschäftigten des Mittelbaus, als äußerst belastend. Anerkennend, dass der Notbetrieb richtig und notwendig war, wurden von den Mitarbeiter:innen der TU Dresden unter größtem Druck in den letzten Wochen neue, digitale Lernkonzepte entwickelt und immenses neues didaktisches und technisches Wissen angeeignet. Notwendige Forschungsprojekte, Qualifikationsarbeiten etc., welche für die spätere Weiterbeschäftigung entscheidend sind, ruhen vorerst. Gleichzeitig wird die Situation durch zusätzliche Betreuungsarbeit, familiäre Verpflichtungen, finanzielle Sorgen von Partner:innen und die generelle psychische Belastung durch Isolation und Ungewissheit verschärft.[4]

Interessant dabei ist, dass die TU Dresden plötzlich eine siebenstellige Summe für die Erhöhung der Serverleistung zu Verfügung stellt. Wo fehlt dieses Geld nun? Warum ist dieses Geld so schnell verfügbar? Und warum wurden in der Vergangenheit Forderungen aus der Studierendenschaft, wie die nach Schaffung neuer Arbeitsräume, nicht gleichermaßen aufgegriffen? Auch dabei ging es um gute Studienbedingungen für alle Studierenden. Und während die Serverkapazitäten der TU nun einem digitalen Semester entsprechen, so stehen viele Studierende, insbesondere in ländlichen Räumen, angesichts unzureichender Internet-Infrastruktur vor einem Problem.

Quantität vor Qualität?

Wenn die TU Dresden twittert: “Von 666 Lehrveranstaltungen im Maschinenwesen finden im Sommersemester 663 statt” [5] hört sich das zunächst beachtlich an. Dennoch sagt das leider nichts über die Qualität der Lehre aus. Die Dozierenden waren auf diese Umstellung schließlich nicht vorbereitet und nur wenige verfügen über das entsprechende didaktische Wissen. Glücklicherweise werden nun auch von Seiten der TU Fortbildungen in diesem Bereich angeboten. Dennoch: Die damit nochmals verbundene Steigerung des ohnehin schon hohen Arbeitsaufwandes scheint zur Erwartung an alle Dozierenden zu werden. Während manche Formate vielleicht sogar besser im Digitalen funktionieren, weil man sich bspw. das Video der Vorlesung mehrmals anschauen oder anhalten kann, geht dabei gleichzeitig viel an Diskussion, Austausch und angewandten Erfahrungen verloren. Inwiefern überhaupt eine Digitalisierung der Lehre möglich ist, unterscheidet sich in den Studienfächern stark.

Angebot ist nicht gleich Nachfrage, liebe neoliberale Uni

Das Lehrangebot sagt nichts über die Möglichkeit aus, es wahrzunehmen. Nicht alle Studierenden haben Arbeitsplätze mit entsprechender Internetverbindung und einer geeigneten Lernatmosphäre. Mindestens ein Drittel der Studierenden in Deutschland wohnen in Wohngemeinschaften, teilen sich Küche, Bad, Flur, etc. Für Schlafen, Wohnen, Arbeiten steht ihnen meist nur das eigene Zimmer zur Verfügung. Dass viele Studierende damit Schwierigkeiten haben, eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, sollte klar sein. Generell verdeutlicht die Corona-Krise die gegenwärtige Ungerechtigkeit der Wohnflächen. Während privilegierten Haushalten meist eine große Quadratmeterzahl mit Garten zur Verfügung steht, müssen einkommensschwache Haushalte mit weniger Platz zurechtkommen.

Beengte Verhältnisse erhöhen nicht nur die Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, sie wirken sich auch auf die psychische Gesundheit aus. Gerade Personen mit Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Problemen befinden sich in der Krise in einer besonders schwierigen Situation. Auch Menschen, die sich um Angehörige kümmern, stehen unter starker emotionaler Belastung, genauso Eltern, die im Home-Office arbeiten und zur gleichen Zeit ihre Kinder betreuen müssen. Auch hier sollten Hilfsangebote mitgedacht werden. So haben besonders Studierende zu kämpfen, die in verschiedenen Formen in Familien eingebunden sind. Durch die Schließung der Schulen und Kindergärten müssen sie ihre eigenen Kinder oder kleinen Geschwister betreuen. Das Fortsetzen des Studiums ist in dieser Situation nur schwer möglich.

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Weiterhin ist der Zugang zur digitalen Lehre eine finanzielle Frage. So wird vorausgesetzt, dass sich alle Studierenden eine entsprechende Internetverbindung leisten können. Und nicht nur das: Auch der Wohnort entscheidet darüber, wie gut diese Internetverbindung ist. Neben den peripheren ländlichen Räumen kann der Zugang zum World Wide Web auch in Dresden erschwert sein. Teilen sich beispielsweise in einer WG zehn Menschen eine Internetverbindung, kann diese schnell mal ins Stocken geraten. Wie sollen da Studierende an einer Videokonferenz teilnehmen? Das zeigt, dass die Teilnahme an bestimmten Formaten nicht uneingeschränkt möglich ist und innerhalb der digitalen Lehre Nachteile vorprogrammiert sind.

450-Euro-Job gekündigt

Die über 30.000 Studierenden (Stand November 2019) machen die größte Personengruppe an der TU Dresden aus. Da wir leider immer noch in einer Gesellschaft leben, in der der Zugang zu Bildung nicht unabhängig von der persönlichen finanziellen Situation ist, sind viele Studierende gezwungen, sich ihr Studium selbst zu finanzieren. Die dafür typischen Studijobs lassen sich meistens eher schlecht ins Home-Office verlegen. Vielen 450-Euro-Jober:innen in Kneipen und Cafés wurde gekündigt. Neue Jobs, die sich mit dem Studium vereinbaren lassen, sind in der momentanen Situation nur schwer zu finden. Was kann man also in diesen Zeiten tun, wenn man weder eine BAföG-Berechtigung hat, noch Verwandte, die unter die Arme greifen können? Eine gute Frage, die von der Universität bislang leider noch nicht beantwortet wurde. Mit einem Urlaubssemester ist den meisten Studierenden wenig geholfen. Sie stehen dann vor einer neuen finanziell schwierigen Situation, oftmals ohne Kindergeld und Krankenversicherung.

Die große TU-Familie

Etwas irritierend ist in diesem Kontext, dass der Rektor auch gern von der “großen TU Dresden-Familie” [6] spricht. Das liegt etwas quer zum Leistungsdruck, zur Konkurrenz und dem Schweigen über die nicht gelösten Probleme. Aber vielleicht ist nicht geklärt, was die Voraussetzungen sind, um zu dieser Familie dazuzugehören. Muss man dafür finanziell gut abgesichert sein und gerade nicht die Kündigung des 450-Euro-Jobs vor sich liegen haben? Muss man sich dafür über die digitale Lehre freuen? Muss man als befristet angestellte Person auch unter schwierigen Bedingungen eine hochwertige digitale Lehre auf die Beine stellen? Muss man am richtigen Ort wohnen, um die Möglichkeit der digitalen Lehre anzubieten oder wahrzunehmen? Muss man sich in der Regelstudienzeit befinden? Und muss man den richtigen sozialen Hintergrund aufweisen, um die geeignete Arbeitsatmosphäre für die digitale Lehre zu haben?

Das Familiengefühl erläutert Rektor Müller-Steinhagen auch so: “Sie müssen mir eines glauben, wir bemühen uns mit aller Macht, die wir zur Verfügung haben, damit niemand Nachteil aus der aktuellen Situation hat.“[1] Damit benennt er einen wichtigen Aspekt. Es geht um viele einzelne Studierende und Mitarbeiter:innen mit unterschiedlichen Problemlagen. Einfache Lösungen für alle gibt es vermutlich nicht. Zu verschieden sind die Studiengänge und Bedürfnisse, zu komplex die Abhängigkeiten und Lebensumstände.

Eine Liste der Probleme

Dennoch muss das kein Grund sein, Probleme zu vereinzeln. Nahezu alle Studierenden sind vermutlich von irgendwelchen Einschränkungen betroffen: die begrenzte Möglichkeiten der Literaturrecherche, die fehlende Lernatmosphäre zwischen Bett und Schreibtisch, die abgesagten Praktikumsplätze und Exkursionen, die geschlossenen Labore und PC-Pools, die nicht vorhandene Software oder die psychischen Belastungen, die mit Einsamkeit oder zu wenig Privatheit einhergehen. All diese Aspekte sollten von der TU Dresden ernst genommen und berücksichtigt werden. Vielmehr sollte nach Außen nicht einfach so getan werden, als laufe alles super.

Was sind die Alternativen?

Nicht nur an der TU Dresden auch bundesweit wurden im Bündnis Solidarsemester [7] diese und viele weitere Probleme zusammengetragen und in konkrete Forderungen an Bund, Länder aber auch Universitäten übersetzt. Überlegungen, wie das aktuelle Sommersemester durchgeführt werden kann, müssen in den Blick nehmen, für wen gerade keine Studienbedingungen existieren, wer von digitaler Lehre – und sei sie noch so gut aufbereitet – keinen Gebrauch machen kann und welche Kompetenzen in diesem Semester nicht vermittelbar sind. Dazu gehört es, in erster Linie zuzuhören, die Studierenden mit ihren Sorgen ernst zu nehmen und ihnen auf ihre Fragen klare Antworten zu geben. Selbstbeweihräucherung und das Loben der eigenen Leistung ist in diesem Prozess wenig konstruktiv.

Deshalb fordern wir:

  • eine Nichtanrechung des Sommersemesters 2020 auf die Regelstudienzeit für alle Studierenden, die das wünschen.
  • Die Aussetzung aller Prüfungsfristen und Nichtbestehensregelungen.
  • Eine Wertung von Studienleistungen nur, wenn von den Studierenden gewünscht.
  • Eine Verlängerung auslaufender Studien- und Prüfungsordnungen um zwei Semester.
  • Eine Wiederholmöglichkeit aller Prüfungsleistungen im kommenden Wintersemester

Abschließend möchten wir anmerken, dass sich auch eine Universität gerade in als Krise verstandenen Zeiten als gesellschaftliches Vorbild mit besonderer sozialer Verantwortung begreifen muss. Ihre Entscheidungen betreffen viele Menschen und sie werden als Entscheidungen einer wissenschaftlichen Einrichtung in der Gesellschaft als vernünftig, überlegt und abgewogen wahrgenommen. In ihrer Kommunikation betont die TU Dresden immer wieder das gemeinsame Miteinander. Wir wünschen uns daher Entscheidungen, bei denen alle Studierenden und Mitarbeiter:innen in diesem Miteinander inbegriffen sind. Digitalisierung bedeutet, die Art und Weise, wie Menschen zusammenleben, zu verändern. Dabei gilt es besonders darauf zu schauen, wer dabei ausgeschlossen oder nicht mitgenommen wird.

Die gelungene Digitalisierung der Lehre gibt es nur solidarisch!

[1] https://youtu.be/RI-Wf_qQB1E
[2] https://tu-dresden.de/tu-dresden/organisation/rektorat/prorektor-bildung-und-internationales/zill/e-learning/corona/tooluebersicht
[3] https://www.tagesschau.de/ausland/zoom-101.html
[4] (https://www.change.org/p/rektorat-tu-dresden-verbesserung-der-arbeitsbedingungen-des-mittelbaus-an-der-tu-dresden-im-umgang-mit-corona)
[5] https://twitter.com/tudresden_de/status/1253310731233173504
[6] https://tu-dresden.de/tu-dresden/gesundheitsmanagement/ressourcen/dateien/corona/rundmails/9_rektorrundmail_corona_200327?lang=de
[7] https://solidarsemester.de/#Forderungen-an-die-Hochschulen

Blog: https://kritgeodd.blackblogs.org/
Mail: kritischegeographiedresden@riseup.net

Foto: https://www.flickr.com/photos/dossy/


Veröffentlicht am 29. April 2020 um 11:39 Uhr von Redaktion in Soziales

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