Soziales

Unterstützung für Geflüchtete in Löbtau

21. Februar 2015 - 21:10 Uhr

Im Schatten der großen rechten Mobilisierungen in Dresden hat sich im Stadtteil Löbtau in den letzten Monaten das Netzwerk „Willkommen in Löbtau“ gegründet. Das Netzwerk hat zwei Ziele: Die Unterstützung geflüchteter Menschen in der Nachbarschaft und die Sensibilisierung der NachbarInnen durch antirassistische Bildungsarbeit. Die Idee zu einer solchen Initiative gab es sowohl bei der evangelischen Gemeinde, als auch unter soziokulturell engagierten Menschen aus dem Umfeld des Löbtauer Nachbarschaftsverteilers. Nach einem ersten Sondierungsgespräch beschlossen die beiden Gruppen, die Kräfte zu bündeln und zu einem für alle Interessierten offenen Treffen einzuladen. Zu diesem ersten Treffen kamen am 3. Dezember etwa 80 Menschen, sammelten Ideen und überlegten, wie ehrenamtliche Arbeit rund um die neuen Asylunterkünfte aussehen kann.

Zur darauffolgenden Veranstaltung Mitte Januar waren bereits etwa 100 hilfsbereite Personen aus der Nachbarschaft anwesend. Zu Gast waren zwei Mitglieder der Kontaktgruppe Asyl, die in einem Inputvortrag ihre Erfahrungen über Ehrenamt und Asyl mit den LöbtauerInnen teilten. Im Folgenden teilte sich das Netzwerk in Arbeitsgruppen auf, um arbeitsteilig über Öffentlichkeitsarbeit oder konkrete Freizeitaktivitäten zu beraten. Außerdem beschlossen die LöbtauerInnen, in einer großen Podiumsdiskussion im Stadtteil über Asyl und Flucht zu informieren. Sie verteilten die Einladung zusammen mit einer Infobroschüre zur Situation geflüchteter Menschen in Sachsen an über 5.000 Haushalte im Viertel. Mit dieser Broschüre sollten interessierte Löbtauerinnen und Löbtauer mit Hintergründen und aktuellen Zahlen versorgt werden. Angesichts der von PEGIDA verbreiteten populistischen Thesen und Falschinformationen über Flucht – zum Beispiel, Asylsuchende würden in Deutschland in Luxushotels wohnen – wollte das Netzwerk mit der Infobroschüre über die tatsächlichen Ansprüche und Lebensumstände von Geflüchteten informieren.

Bei der Podiumsdiskussion in der Löbtauer Hoffnungskirche reichten die vorhandenen Plätze für die über 350 Besucherinnen und Besucher kaum aus. Marko Schmidt vom Sächsischen Flüchtlingsrat und Petra Schickert vom Kulturbüro Sachsen moderierten die Veranstaltung. Auf dem Podium saß unter anderem der TU-Student Kassem Taher Saleh, welcher 2003 mit seiner Familie aus dem Irak geflüchtet und konnte aus der Perspektive eines Betroffenen über Flucht, Asyl in Deutschland und Diskriminierungserfahrungen berichten. Weitere Podiumsgäste waren neben Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos), dem Superintendent der Ev.-Luth. Landeskirche, Christian Behr und Ingrid Blankenburg – einer Betreuerin von Asylsuchenden – auch die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange (SPD). Die Veranstaltung verlief ohne größere Kontroversen – Fragen nach der Sicherheit der Geflüchteten in Zeiten von PEGIDA waren die meistgestellten.

Als unrühmlich ist lediglich das Verhalten des Sozialamtes zu bewerten: Das Sozialamt veranstaltete einen Tag der offenen Tür im neuen Asylheim auf der Tharandter Straße. Das Löbtauer Netzwerk entwickelte Ideen für ein kritisches Begleitprogramm und kontaktierte mehrfach das Sozialamt zur Abstimmung. Wochenlang warteten die Ehrenamtlichen in Löbtau auf eine Rückmeldung – die kam erst in letzter Sekunde: Zwei Tage vor dem Event. Nach Angaben des Netzwerks war es da für die Planung einiger vorgesehener Aktivitäten bereits zu spät. Die Stadt jedoch stellte die Zusammenarbeit ganz anders dar: Erst am 28.1. traf sie sich endlich mit dem Netzwerk. Bereits am 27.1. teilten die Veranwortlich jedoch offiziell mit, das Netzwerk sei in die Organisation des Tages der offenen Tür eingebunden gewesen. Darüber zeigte sich das Netzwerk verärgert: „Anders als die Stadt es darstellt, wurden wir nicht ins Boot geholt, sondern mussten uns hineinzwängen.“ sagte Frederik Kuschewski, ein Sprecher des Netzwerks.

Auf große Resonanz stieß dann der Tag der offenen Tür im Heim am 30. Januar. Mehr als 500 Bürgerinnen und Bürger nutzten die Gelegenheit, um sich einen Einblick in die Wohnsituation geflüchteter Menschen zu verschaffen. Interessant waren die schriftlichen Rückmeldungen der Bevölkerung, welche mehrheitlich das Fehlen von Gemeinschaftsräumen kritisierten und einen Mangel an Privatsphäre befürchteten. Das Willkommensfest, welches für die neuen Bewohnerinnen und Bewohner der Unterkunft in der Tharandter Straße 8 am 11. Februar stattfand, war dann ein voller Erfolg. Über 100 Anwohnerinnen und Anwohner begrüßten die ersten Geflüchteten aus Syrien, Tunesien, Lybien, Marokko, Eritrea und Somalia in der Nachbarschaft mit einem schönen Abend im Jugendhaus T3, das sich dem Heim direkt gegenüber befindet. Dabei wurden viele Telefonnummern getauscht, Kontakte geknüpft und bei gutem Essen, Livemusik und Lagerfeuer ein geselliger Abend verbracht. Auf einer Pinnwand konnten die Geflüchteten außerdem ihre konkreten Bedürfnisse notieren. Wichtig war Ihnen vor allem Deutschkurse, die Möglichkeit zu arbeiten und Internetzugang in der Unterkunft. Nun erst beginnt die eigentliche Arbeit des Netzwerkes, nämlich die genannten Wünsche zu erfüllen und zu helfen, dass die neu Angekommenen hier die Möglichkeit bekommen, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen, dass sie Anschluss finden und letztlich die Atmosphäre im Stadtteil von einem guten Miteinander ohne Angst und Vorurteile geprägt ist.

Interview auf Coloradio: Netzwerk „Willkommen in Löbtau“ gegen asylfeindliche Stimmung


Veröffentlicht am 21. Februar 2015 um 21:10 Uhr von Redaktion in Soziales

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