Antifa | Freiräume

Interview zum Training von Zivilem Ungehorsam

In den letzten Jahren haben in Dresden zahlreiche Demo- und Bezugsgruppentrainings gerade im Zusammenhang mit der Mobilisierung von „Dresden Nazifrei“ stattgefunden. In diesen Trainings ging es hauptsächlich um Bezugsgruppen und Blockadetechniken. Der 12. Februar hat jedoch gezeigt, dass scheinbar immer noch zu viele Menschen auf die Initialzündung von anderen warten und sich nicht selbst ermächtigen eigen Initiative zu zeigen. Sowohl die „Undogmatische Radikale Antifa“ (URA) als auch „Dresden Nazifrei“ hatten dies bereits in ihren Auswertungen zu 2014 kritisch festgestellt.

Das Ziel unseres Interviews soll es sein, Menschen dazu zu ermutigen, sich in Bezugsgruppen zu organisieren, um sie beispielsweise für Gegenaktivitäten zum bevorstehenden „Tag der deutschen Zukunft“ fit zu machen. Dazu haben wir uns mit einer Person von „skills for action“ (sfa) unterhalten, welche euch einen Eindruck davon vermitteln soll, wie so eine Training aussieht und welche Ziele damit verfolgt werden. Der Anlass für das Interview ist ein Aufbautraining der URA am 29. Mai in Dresden.

Um Dich und Deine Arbeit kurz vorzustellen, wer oder was ist „skills for action“?

Wir sind ein bundesweites Netzwerk von bewegungsorientierten Trainerinnen und Trainern, welches im Vorfeld des G8 Gipfels 2007 in Heiligendamm zahlreiche Blockade- und Aktionstrainings durchgeführt hat. Aus diesem Zusammenhang ist später dann das Netzwerk „skills for action“ entstanden. Wir verstehen uns als loses Netzwerk, welches im Vorfeld von Aktionen, wie etwa dem Castor, Gipfeltreffen oder Naziaufmärschen, solche Trainings anbietet. Wir selbst kommen aus den unterschiedlichsten Spektren der linken Szene. sfa spiegelt deswegen unterschiedliche Konzepte und Ideen wieder, so gibt es spezielle Trainings zu Presse-, Bezugsgruppenarbeit oder Hamburger Gittern. Der Konsens, der das Netzwerk eint, ist eine undogmatische Position zum Thema Ziviler Ungehorsam, sowie der Versuch (innerlinke) Gräben zu überwinden und sich gemeinsam auszutauschen. Wir versuchen deswegen auf unseren Treffen die Trainings immer weiterzuentwickeln und sie an aktuelle Entwicklungen anzupassen, um so die Möglichkeit zu haben, ggf. neue Konzepte zu entwerfen. Kurz, ob schwarz oder bunt, wir lieben die Grau-Zone. Diese Vielfältigkeit bringt es auch mit sich, dass ich hier nicht für sfa sprechen kann, Pressesprecher_in oder so haben und brauchten wir bisher auch nicht.

Seit wann arbeitest Du als Trainer und wie sind Deine Erfahrungen damit?

Im Zuge der ersten Massenblockaden in Dresden 2010 habe ich im Vorfeld an einem sogenannten „Train the Trainer“ teilgenommen und bin seitdem bei „skills for action“ aktiv. Die meisten meiner Trainings habe ich im Zuge der Aktivitäten zum 13. Februar in Dresden gegeben und hier sind meine Erfahrungen überwiegend positiv. Ich merke an der Zusammensetzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass gerade in der Zivilgesellschaft ein großes Interesse hinsichtlich der Aktionstrainings besteht. Es ist immer wieder schön zu beobachten, wie dabei ein Verständnis für die unterschiedlichen Aktionslevel und Spektren geschaffen werden kann. Für mich stellt es immer wieder ein Erfolgserlebnis dar, wenn ich merke, dass die Menschen nehmen aus solchen Workshops mehr als nur das Wissen, wie sich auf der Blockade „richtig“ eingehackt wird, mitnehmen. In den letzten Jahren habe ich jedoch gemerkt, dass die klassischen Blockadetrainings anscheind gesättigt sind und die Menschen den Wunsch nach mehr haben. Deswegen freue ich mich umso mehr, dass jetzt auch die URA ein Aufbautraining anbietet. Vielleicht werden so auch Menschen erreicht die denken, so etwas nicht zu brauchen.

Welche Ziele werden mit dem Training verfolgt?

Das Hauptziel der Aktionstrainings von sfa ist sowohl die individuelle, als auch die kollektive Handlungsfähigkeit zu erhöhen. In den Trainings wird versucht, die Motivation und das Selbstvertrauen hinsichtlich der politischen Aktionen zu stärken. Sie sollen einerseits eine konkrete organisatorische aber auch körperliche Vorbereitung sein. Wobei für mich die mentale Vorbereitung, welche im besten Fall durch solch ein Tranining geschieht, am wichtigsten ist. Gerade hinsichtlich eines emanzipatorischen Anspruches versuche ich immer auch die Fähigkeit zur Selbstermächtigung und Eigenverantwortung zu erhöhen. Nichts ist schöner für mich, als die kleinen Ausbrüche aus den alltäglichen Strukturen, welche es hin und wieder gibt. Ein Training war in meinen Augen erfolgreich, wenn ich die Teilnehmenden zur Reflexion und Auseinandersetzung mit ihren Zielen, Erwartungen und Ängsten anregen konnte und sie sich über die unterschiedlichen Erfahrungen in einem geschützten Raum austauschen konnten. Insgesamt ist die Hoffnung, dass sich danach alle Beteiligten besser kennen und wissen, wie sie in bestimmten Situationen sowohl individuell, als auch gemeinsam agieren wollen und können.

Welche konkreten Methoden werden dafür genutzt?

sfa versteht seine Trainings als Teil einer emanzipatorischen Bildungsarbeit und daran passen sich auch die Methoden an. Es geht mir beispielsweise nicht primär um die Vermittlung und Übung bestimmter Inhalte und Techniken, welche später angewendet werden können, sondern vielmehr um die aktive Einbeziehung der Teilnehmenden und ihren Erfahrungen. Ich versuche deshalb einen kooperativen, respektvollen und geschützten Rahmen zu schaffen, in dem alle auf Augenhöhe in Austausch treten können. Meine Aufgabe ist es also vielmehr, die „richtigen“ Fragen zu stellen und von diesen ausgehend Denk- und Handlungsmöglichkeiten vorzuschlagen, welche erlebbar aber auch diskutierbar bleiben. Schön ist es, wenn es nicht nur beim Austausch bleibt, sondern auch neue Erkenntnisse und Handlungsmöglichkeiten gemeinsam entwickelt werden. Wir probieren deshalb sehr viel aus, spielen bestimmte Situationen immer wieder durch und reflektieren diese. Es wird also viel Raum für Austausch, Reflexion und Ausprobieren gegeben. Die Rolle die ich dabei übernehme, ist viel eher die eines Moderators, als die eines Lehrers.

Was genau soll ein Aufbautraining vermitteln?

Aufbautraining bedeutet zunächst, dass es über ein klassisches Bezugsgruppen- und Blockadetraining hinaus geht. In der Regel finden also keine Blockadetechniken und Bezugsgruppenübungen statt. Wie konkret ein Aufbautraining gestaltet ist, hängt von den jeweiligen Wünschen der Veranstalterinnen und Veranstalter ab. So kann in einem Aufbautraining konkret auf die so genannte 5-Finger Technik eingegangen werden. Es können aber auch Trainings zum Organisieren und der Moderation von Großgruppen sein, welches wir bei sfa als „organize the mob“ bezeichnen. Während es im ersten Fall mehr um das Durchfließen von Polizeiketten geht, wird im zweiten Fall das Prinzip eines Delegiertenplenums vorgestellt. Es hängt also stark von den Bedürfnissen der teilnehmenden Personen ab. Darüber hinaus gibt es auch zahlreich Trainings zum Umgang mit Polizeigewalt und Repression oder dem Überwinden von Hamburger Gittern, Pferden etc.. sfa versucht sich da auch immer wieder weiterzuentwickeln, einige Sachen stecken aber auch hier noch in den Kinderschuhen.

Grundsätzliche Frage, worauf sollten Menschen achten, wenn sie in einer Bezugsgruppe auf eine Demo gehen?

Ich glaube die allgemeinen Anforderungen an eine Bezugsgruppe sind allgemein bekannt und es gibt im Internet zahlreiche Reader (1 | 2) zu diesem Thema. Ich glaube worauf Menschen achten sollten ist, dass Sie diese Hinweise auch wirklich ernst nehmen. Was bedeute: Sich auch vor einer Demo hinzusetzen, um sich über Ängste, Erfahrungen und Bedürfnisse auszutauschen und zusammen einen ehrlichen und offenen Aktionskonsens zu finden. Meine Wahrnehmung ist, dass die Leute dabei gerade die Bedeutung eines ehrlichen und offenen Aktionskonsens vergessen. Eine Bezugsgruppe bedeutet eben mehr, als mit 5-8 Freunden und Freundinnen gemeinsam auf eine Demo zu gehen und sich im Tumult mit Bezugsgruppennamen anzusprechen. Die Menschen sollten also schon in der Vorbereitung auf ihre Bedürfnisse und Gefühle hören. Oft kann es wichtiger sein, einen ehrlichen Aktionskonsens zu finden, der vielleicht auch beinhaltet, „Nein“ zu sagen.

Wie könnte eine optimale Vorbereitung auf eine Demonstration Deiner Meinung nach aussehen?

Ich glaube der Besuch eines Aktionstrainings ist eine gute Möglichkeit gerade für neue Bezugsgruppen bestimmte Handlungsmöglickeiten und Ideen durchzusprechen und auszuprobieren. Aber auch für erfahrenere Bezugsgruppen ist es manchmal nicht schlecht, sich noch einmal mit der Basis vertraut zumachen. Wie oben bereits erwähnt, stellt für mich das A&O einer Bezugsgruppe der ehrliche Aktionskonsens dar. Meine Erfahrung ist, dass dieser nur durch einen langen Erfahrungsaustausch und einen offenen, sowie respektvollen Umgang mit den Ängsten der Einzelnen zu finden ist. Für eine optimale Vorbereitung sollte also auch ausreichend Zeit eingeplant werden. Im Vorfeld kann es hilfreich sein, sich zur mentalen Vorbereitung auf ein Ereignis, mit verschiedenen möglichen Szenarien auseinanderzusetzen. Dabei sollte jedoch allen bewusst sein, dass nie alles durchgesprochen werden kann. Letztendlich ist im Nachgang allerdings auch eine Nachbereitung und Reflexion der Ereignisse wichtig.

Angesichts solcher kreativer Formen des Widerstandes, wie sieht es mit der Kriminalisierung von Demotraninings aus?

Der Versuch einer Kriminalisierung der Aktionstrainings geschieht immer wieder und auch hier ist Dresden wieder bundesweit Top. Jedoch ist zu beobachten, dass eine Kriminalisierung meist nur dort geschieht, wo staatliche Behörden oder die Politik Einfluss nehmen können. So wurde in Dresden beilspielsweise das so genannte „Probesitzen“ auf öffentlichen Plätzen immer wieder verboten. Kann eine direkte Kriminalisierung nicht geschehen, wird meist versucht, politischen und medialen Druck aufzubauen. Herausragendes Beispiel ist hier sicherlich das Aktionstraining an der TU Dresden, wo die Leitung der Universität damit gedroht hatte eine ganze Konferenz abzusagen, wenn dieses Training statt finden sollte. In einem anderen Fall wurde einem Verein mit dem Entzug der Gemeinnützigkeit gedroht, wenn er die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Eine Kriminalisierung geschieht also meist nur durch die Verbote einzelner Trainings oder dem Entzug von Räumlichkeiten.

Abschließende Frage: Wie gehst Du mit Kriminalisierungsversuchen und dem öffentlichen Druck um?

Das Oberverwaltungsgericht Münster hat bezogen auf Aktionstrainings gegen Naziaufmärsche in seinem Urteil vom 18. September 2012 das zuvor durch die Polizei erteilte Verbot eines solchen Trainings aufgehoben. In einigen Teilen der Republik stellen Trainings also keinen Regelübertritt dar. Dennoch beinhaltet Rechtsprechung immer auch einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess, was im Unterschied zu anderen Bundesländern in Sachsen viel eher politisch zu klären wäre. Ich verstehe deswegen meine Aktionstrainings als Teil meiner politischen Arbeit und in gewisser Hinsicht auch als Teil eines Zivilen Ungehorsams gegen ein autoritäres Staatsverständnis. Für mich ist es Teil einer lebendigen demokratischen Kultur, Szenarien zu üben und zu trainieren, mit denen ich meinen Protest auf die Straße tragen kann. Ich betrachte es deshalb als völlig legitim, bestimmte Szenarien, zu üben und zu trainieren. Auch in einem eher verkrusteten Rechtsverständnis wie in Sachsen, sollte es deswegen keine Straftat darstellen, solche Sachen zu üben, so lange sie nicht konkrete Handlungsanweisungen wie etwa Ort und Uhrzeit beinhalten. Ich versuche mich deswegen von solchen Kriminalisierungsversuchen nicht einschüchtern zu lassen und betrachte sie als politischen Aushandlungsprozess.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.