Feminismus

„Join our fight – join the pride!“ – ein Interview mit den Organisator:innen der zweiten Dresdner Queer Pride

18. Juni 2022 - 12:05 Uhr

addn: Hallo, nach der 1. QUEER PRIDE im September 2021 habt ihr nun für Samstag, 25. Juni zu einer weiteren Pride durch Dresden aufgerufen. Was habt ihr von der ersten Pride mitgenommen? Was ist seit der letzten Pride geschehen?

queer pride: Die erste Pride in Dresden letztes Jahr war für uns ein voller Erfolg. Wir haben gesehen, wie groß der Bedarf an einer emanzipatorischen, linken, queeren Community hier in Dresden ist. Es kamen noch mehr Leute als wir gedacht hätten, wir waren fast 1.500 Menschen auf der Straße. Viele Initiativen und Gruppen haben sich mit Redebeiträgen beteiligt, es waren Menschen aus Prag, Leipzig, Berlin und dem Dresdner Umland da. Seitdem haben sich auch noch mehr Queers in die Organisation eingebracht. Wir sind daher mehr als zuversichtlich, dass die Pride auch dieses Jahr ein starkes und lautes Signal senden wird. 

addn: Ihr wart auch an anderen queer-feministischen Events wie der Demonstration zum feministischen Kampftag am 8. März und der „Take Back the Night“-Demonstration am 30.04. beteiligt.

queer pride: Ja, für uns ist Pride nicht einmal im Jahr, sondern jeden Tag. Und auch das community building, eines unser zentralen Anliegen, ist eine ganzjährige Aufgabe. Feministische und intersektionale Kämpfe sind auch unsere Kämpfe! In den letzten Jahren sind in Dresden viele neue Gruppen entstanden, die sich explizit von und für Frauen, Lesben, Inter, Trans und Non-binäre Menschen organisieren. Das finden wir toll und unterstützenswert. Der 8. März sowie die „Take Back the Night“-Demo waren kraftvoller Ausdruck dafür. Natürlich sind wir da auch selbst und mit unseren Redebeiträgen gerne dabei! 

addn: Welche Themen bewegen euch aktuell besonders?

queer pride: Ein wichtiger Bestandteil queerer Politik ist leider immer noch der Kampf gegen alltägliche Anfeindungen und Übergriffe, in diesem Zusammenhang beobachten wir die aktuellen Entwicklungen mit Sorge. Die Angriffe auf die Schwulenbar Boys oder zwei Queers vor dem Simmel-Kaufmarkt, die dort Eis aßen und sich küssten zeigen die Dringlichkeit von queerer Organisation, Präsenz und Gegenwehr, in andere Städte in Sachsen und darüber hinaus. 

addn: Das heißt ihr knüpft auch Kontakte außerhalb Deutschlands?

queer pride: Genau. Ein Blick in unser Nachbarland Polen zeigt, wie enorm wichtig das ist. Dort sorgt die homo-, trans- und queerfeindliche Regierungspropaganda dafür, dass immer mehr queere Menschen, wenn sie es können, das Land verlassen. Über unsere engen Kontakte bekommen wir das hautnah mit. Es ist außerdem auch nicht gänzlich ausgeschlossen, dass sich hier ähnliches entwickelt, auch wenn es in Sachsen an einflussreichen Katholiken mangelt. Dafür gibt es hier die starke AfD, die Reden von der „Gender-Ideologie“ oder „LGBT-Ideologie“ und einer angeblichen Gefährdung der heterosexuellen Familie schwingt.

addn: Wie geht ihr damit um?

Von den polnischen Strukturen können wir lernen, wie wir darauf selbstbewusst reagieren können. So haben sich in mehreren Städten LBGT-Trainingsgruppen unter dem leicht ironischen Label „Homokomando“ gegründet, um sich besser gegen die ständigen Bedrohungen durch rechte Schläger zu wappnen.

Aber wir können auch analysieren, wie die Entwicklung dort in den letzten Jahren war und welche Parallelen es gibt: Eine gesellschaftliche Stimmung, die von Ausgrenzung und Hass geprägt ist, wobei die rechtspopulistische Regierungspartei PIS und weite Teile der katholischen Kirche Teil des Problems sind. Diese Stimmung ist für Queers vielerorts in Gewalt umgeschlagen. Es gab unverhältnismäßige Repression gegen Aktivist:innen wie Margot von Stop Bzdurom in Warschau, Angriffe auf Prides wie in Bialystock. Gleichzeitig gab es in den letzen Jahren so viele Prides wie nie zuvor, gerade in kleinen polnischen Städten. Und das beobachten wir eben auch in Sachsen – mehr Sichtbarkeit, aber auch mehr Hass. 

addn: Wird es rund um die Pride wieder zusätzliche Veranstaltungen geben?

queer pride: Ja, Pride ist nicht einmal im Jahr, sondern jeden Tag – so ungefähr lautet unser Motto! Es gab dieses Jahr schon ein queeres Cabaret, einen Abend zu Verfolgung und Selbstorganisation von Queers in Tschetschenien und es gibt eine TIN (trans-inter-nonbinäre) Vernetzungsveranstaltung. In den nächsten Wochen wird darüber hinaus ein Abend organisiert, an dem inhaftierten Transpersonen in Knästen Briefe geschrieben werden und eine Pride-Küfa (Küche für alle) mit dem Battle of Tuntenhaus, um queere Hausbesetzungen in den 1990er Jahren zu thematisieren.

Es gibt außerdem Pläne zu einer Queer Erotica Reading Night, zu diversen Veranstaltungen für Menschen, die auf Rollen unterwegs sind, wie einer „rollerDisco“, einem Skatepark-Takeover und einem Skatewalk. Eine queere Bar soll in unregelmäßigen Abständen ins Leben gerufen werden. Zudem ist ein queeres Tischtennisturnier in Planung und es wird wieder eine Wanderroute geben – diesmal in einer Sommer- und einer Winteredition. Ebenso wie Harness-DiY-Workshopangebote. Da die Veranstaltungen Wochen bis Monate voneinander entfernt liegen, werden konkrete Informationen dazu nach und nach von uns veröffentlicht. Neben den öffentlichen Veranstaltungen treffen wir uns zur community building aber auch zu anderen Gelegenheiten das ganze Jahr über.

addn: Ihr schreibt in Eurem Aufruf, dass sich auch Menschen in kleineren Städten im Umkreis und auf dem Land  eingeladen und bestärkt fühlen sollen. Habt ihr konkrete Kontakte in kleinere Kommunen geknüpft oder wisst ihr um queere Orte/Initiativen im Umland Dresdens? 

queer pride: Wie erwähnt sind wir zum Beispiel gerade in Kontakt mit dem CSD Pirna. Den Tag am 9. Juli in Pirna unterstützen wir mit einem Info-Stand. Und wir haben gemeinsam ein Radiopodcast aufgenommen, der bald erscheinen wird. Wir denken, dass wir der ganzen schlechten Stimmung und dem mehr oder weniger offenen Hass, gerade außerhalb großer Städte, nur gemeinsam etwas entgegensetzen können. Dafür planen wir momentan eine kleine Kampagne auf Instagram, die „queer neighbours“. Damit wollen wir deren Termine aber auch Grußwörter und Bilder veröffentlichen, und so auf diesem Weg Kontakt aufnehmen. Wir finden es wichtig unsere Bekanntheit und unseren Einfluss, den wir hier in der Stadt haben, nicht nur für uns zu nutzen, sondern auch Menschen in kleineren Orten ermutigen, queer out und proud zu sein. Wir wissen, dass das nicht immer einfach ist. Schon letztes Jahr gab es gemeinsame Anreisen von uns zu anderen Orten und das wollen wir auch dieses Jahr wieder machen! 

addn: Vielen Dank für das Interview!


Veröffentlicht am 18. Juni 2022 um 12:05 Uhr von Redaktion in Feminismus

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