Soziales

Hunderte ziehen zum zweiten Mal für „Black Lives Matter“ durch Dresden

15. Juli 2020 - 10:35 Uhr

Erneut zogen am vergangenen Sonntag mehrere hundert Menschen durch Dresden, um unter dem Motto „Black Lives Matter“ (BLM) auf Rassismus aufmerksam zu machen. Die junge Gruppe „Black Lives Matter Dresden“ hatte sich nach der ersten BLM-Demonstration am 6. Juni in Dresden gegründet und fordert eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus. Ohne besondere Zwischenfälle endete die Demonstration am späten Nachmittag in der Dresdner Neustadt. Die Polizei Sachsen war nach eigenen Angaben mit 130 Beamt:innen im Einsatz, hielt sich aber im Hintergrund. 

Auch wenn sich zum Demonstrationsauftakt deutlich weniger Menschen am Neumarkt einfanden, als noch vor einem Monat, war die „Black Lives Matter“ Demonstration für die Veranstalter:innen ein Erfolg. Zum zweiten Mal konnten knapp eintausend Menschen in die Dresdner Innenstadt mobilisiert werden, deren Bild sonst immer wieder Montags schon seit mehreren Jahren von den rassistischen Parolen PEGIDAs bestimmt wird. Nach Angaben der Veranstalter:innen beteiligten sich 2.500 Menschen an den Protest, darunter vor allem viele junge Menschen. 

Im Vorfeld erklärten die Organisator:innen ihre Anliegen gegenüber addn.me: „Wir verstehen uns als eine neue Bewegung mit eigenen Zielen und Zukunftsblick und nutzen nun die Chance, allgegenwärtigen strukturellen Rassismus zu thematisieren, sodass dieser den öffentlichen Fokus nicht verliert“. Rassismus in all seinen Facetten sei immer noch ein Tabuthema, über das aktiv gesprochen werden müsse, so die Aktivist:innen weiter. Aus diesem Grund hatten sie sich das Motto „Zuhören, Bilden, Handeln“ gegeben. Viele der in dem Bündnis aktiven Menschen setzten sich bereits vor den BLM-Protesten für einen rassismuskritischen Diskurs ein.

Am Neumarkt startete die Kundgebung und setzte sich nach kurzen Redebeiträgen in Richtung Schießgasse in Bewegung. Nach wenigen Minuten erreichten die Demonstrant:innen den Vorplatz des Polizeireviers, wo bei einem offenen Mikrofon Berichte zu rassistischen Erfahrungen und Strukturen geteilt wurden. In einem Beitrag wurden die Pläne Horst Seehofers (CSU) zur „Stammbaumforschung“ bei an den Ausschreitungen in Stuttgart beteiligten Jugendlichen zu betreiben, als rassistisch bezeichnet. Eine Mutter aus Bautzen berichtete über die Ohnmacht, die sie erfahre, wenn ihre Kinder von ihren rassistischen Erfahrungen in der Schule berichten. Ihre älteste Tochter habe sie dazu ermutigt, nach Dresden zu fahren, um sich an der Demonstration zu beteiligen – für beide ein Moment des Empowerments.

Anschließend zog die Demonstration mit musikalischer Untermalung der Tolerave weiter zum Albertplatz, wo erneut eine Kundgebung abgehalten wurde. In mehreren Redebeiträgen wurde vor allem darauf eingegangen, was Rassismus sei, wie er sich äußere und wie Betroffene damit lernen umzugehen. Es wurde erläutert, warum Rassismus kein alleiniges Problem von „Rechten“ und „Nazis“ sei, sondern eine strukturelle gesellschaftliche Verankerung habe. Die Rede war mit dem Appell verbunden, eigene rassistische Muster zu erkennen und zuzulassen. Denn nicht die rassistischen Verinnerlichungen seien das Problem, so die Rednerin, sondern die Leugnung derselben. Den Abschluss fand die Veranstaltung wenig später am Alaunpark, wo noch Musik aufgelegt und zum Austausch eingeladen wurde. 

Im Vorfeld der Demonstration gab es inhaltliche Kritik an der Veranstaltung, da die Organisator:innen unter anderem „extremistische Gruppen“ von der Veranstaltung ausgeschlossen hatten. In einem Debattenbeitrag kritisierte der Journalist Osman Oğuz dies als Übernahme der sogenannten „Hufeisentheorie“, die seiner Auffassung nach rechte Gewalt verharmlose und gegen linke Aktivist:innen gerichtet sei. Trotz der Inhaltlichen Distanzierung von der Demonstration betonte er auf Facebook, dass es wichtig sei, die Demonstration dennoch zu unterstützen und „gegenüber Faschos nicht allein zu lassen – insbesondere in Dresden“.

Es bleibt zu hoffen, dass die „Black Lives Matter“-Bewegung weiterhin in Dresden aktiv bleibt und neben den Demonstrationen auf der Straße auch viele Inhalte liefert, die zum zuhören, bilden und handeln animieren. Die zweite Demonstration innerhalb kürzester Zeit war dazu ein hoffnungsvolles Zeichen.


Veröffentlicht am 15. Juli 2020 um 10:35 Uhr von Redaktion in Soziales

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