Kultur

Übergriffe vor der Frauenkirche überschatten Gedenken

20. Februar 2013 - 23:38 Uhr - Eine Ergänzung

Obwohl der 13. Februar in diesem Jahr erneut sehr erfolgreich verlaufen ist, sorgt ein Ereignis auch eine Woche nach der erfolgreich verhinderten Nazidemonstration noch immer für Aufregung. Als in den Abendstunden vor der Dresdner Frauenkirche das eigentliche Gedenken an die Opfer der alliierten Luftangriffe beginnen sollte, hatten sich auch etliche Fans der britischen Boygroup Take That eingefunden, um damit an die Auflösung der Gruppe vor 17 Jahren zu erinnern. Als etwa 15 Personen um 21.40 Uhr in Erinnerung an das für sie traumatische Erlebnis unweit der Kirche damit begonnen hatten, den Hit der Band, „Back for Good“, zu singen, wurden sie zunächst von einigen als Ordner eingesetzten aufgebrachten Dresdner Bürgern verbal angegriffen. Wenig später griff die vor Ort anwesende Polizeibehörde ein, stieß die singenden jungen Menschen herum und stellte die Personalien der Gruppe fest. Anschließend filmte die Polizei die Gruppe ab und leitete ein Ordnungswidrigkeitsverfahren ein. Den trauernden Fans der Band droht abgesehen von der in ihren Augen „demütigenden und entwürdigenden“ Prozedur nun auch noch die Zahlung einer Geldstrafe. Während in Dresden das Gedenken an Take That rabiat unterbunden wurden, konnten die am gleichen Tag in Paderborn und Stuttgart ebenfalls zusammengekommenen Menschen von der Polizei unbehelligt trauern.

Hans-Joachim Jäger, seines Zeichens Vorsitzender der für das Gedenken veranwortlichen Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden e.V. wies gegenüber der Dresdner Neuesten Nachrichten heute die Vorkomnisse empört zurück. So sollen einige der vor der Frauenkirche versammelten Personen nicht nur Böller dabei gehabt haben, sondern absichtlich auch Kerzen ausgepustet und damit die offiziell angemeldete Veranstaltung mutwillig gestört haben. Dessen ungeachtet kritisierte die Arbeitsgruppe Polizeibeobachtung Dresden das Verhalten der uniformierten Einsatzkräfte vor der Frauenkirche. Das Team aus Rechtsanwälten und Landtagsabgeordneten hatte es sich zur Aufgabe gemacht, wie schon 2011 den Polizeieinsatz am 13. Februar zu beobachten und zu dokumentieren. In ihrem Abschlussbericht bemängelte die Beobachtungsgruppe die Arbeit der dem Dresdner Ordnungsamt unterstellten Polizeibehörde. Einige ihrer Mitarbeiter sollen vor der Kirche gegen die ebenfalls trauernden Take That-Fans handgreiflich geworden sein und JournalistInnen an ihrer Arbeit gehindert haben. Dies sei ihnen jedoch nach §30 Absatz 2 des Sächsischen Polizeigesetzes nicht erlaubt, so die Kritik der Polizeibeobachtungsgruppe.

Ein eigens aus Paderborn angereistes Mitglied der Initiative, welche zum Gedenken an die Band aufgerufen hatte, zeigte sich entsetzt über das „aggressive“ Vorgehen der Beamten. Die feindseelig eingestellte Bevölkerung vor der Frauenkirche rief sie dazu auf, das Gedenken auch für ihre Trauer zu öffnen. Die Ereignisse hätten klar gemacht, dass es Teilen der trauernden Bevölkerung „offenbar gar nicht ums Gedenken [geht,] sondern dass der Tag ihnen alleine gehört“ und sie ihr „stilles Gedenken“ notfalls auch mit Gewalt durchsetzen wollen. So konnte beobachtet werden, wie eine gänzlich unbeteiligte Person von der Polizei niedergeschlagen und anschließend abgeführt wurde. Ein Fan schilderte bei Facebook sichtlich aufgebracht seine Sicht auf des Geschehen. Nachdem er eine Viertelstunde vor dem Beginn des eigentlichen Gedenkens ein Kuscheltier neben die zu diesem Anlass vor der Kirche aufgereihten Kerzen gelegt hatte, kam ein Beamter auf ihn zu und erteilte ihm wegen „atypischen Verhaltens“ einen Platzverweis bis 24 Uhr für den gesamten Dresdner Neumarkt. In ihrem an zahlreiche kirchliche Vereinigungen adressierten zweiten offenen Brief hinterfragte die Initiative, wieso ein gemeinsames Gedenken nicht möglich und statt den Dialog zu suchen, mit Gewalt gegen ihre Gedenkveranstaltung vorgegangen worden sei.

Dabei hatte im Vorfeld des Gedenkens ein Brief des CDU-Fraktionsgeschäftsführers Andreas Rönsch eigentlich zuversichtlich gestimmt. In seiner Antwort auf einen ersten Brief der Initiative hatte er angesichts der Trauer sogar von einem „Dialog auf Augenhöhe“ gesprochen und eine Aufnahme in das Gesamtkonzept der Dresdner Erinnerungskultur unter der Maßgabe in Aussicht gestellt, „die mannigfaltigen und oftmals recht unterschiedlichen Ansätze des würdigen Gedenkens in unserer Stadt zusammenzuführen und ein Gedenkkonzept zu entwickeln, das für alle beteiligten demokratischen Kräfte nachvollziehbar, tragbar und auf der Basis eines freiheitlich-demokratischen Grundverständnisses umsetzbar ist“. Zugleich verwies er auf den von der UNESCO ausgerufenen „Welttag des Radios“, der am 13. Februar weltweit auf die Bedeutung dieses Mediums aufmerksam machen soll. Die parallel dazu aufgestellte Forderung nach einem Denkmal für die Opfer von Übergriffen durch Anhänger des am 13. Februar 1948 aus einer Fusion entstandenen 1. FC Köln macht indes deutlich, dass der für Dresden scheinbar so schicksalshafte Tag ein geeigneter Anlass zur kollektiven Trauer werden könnte.

Freie Radios: Polizei bedrängt Take That Trauernde


Veröffentlicht am 20. Februar 2013 um 23:38 Uhr von Redaktion in Kultur

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