Feminismus | News

Queer Pride in Dresden angekündigt

15. Mai 2021 - 12:01 Uhr - 3 Ergänzungen

Anfang März hat der Zusammenschluss queer pride DD auf Facebook und Instagram für den 12. Juni 2021 eine Queer Pride angekündigt. addn.me hat Aktivist:innen von queer pride DD getroffen und zu ihren Plänen befragt.

Contentwarnung: Die letzte Frage des Interviews und die Antworten thematisieren Mord und Gewalterfahrungen an Queers.

English version below ↓

addn.me: Wer seid ihr?

Edis*:  Wir sind ein neuer, frischer Haufen von queeren Menschen aus Dresden. Manche von uns kennen sich schon länger, andere erst seit kurzen oder kannten sich vorher gar nicht. Dabei kommen wir auch aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen.

Jo: Wir kommen aus der politische Bildungsarbeit, anarchistischen Netzwerken, Konzertkollektiven oder sind  Einzelpersonen. Ich z.B. bin in verschiedenen Gruppen organisiert, aber bisher in keiner, bei der ich meinen trans*maskulinen background so explizit politisiere und thematisiere. Allein die Vernetzungsmöglichkeit bei queer pride dd tut mir total gut und ich lerne durch die Beschäftigung mit Forderungen nach trans*liberation auch viel für mich selbst.

Iryna: Ich bin Antifaschistin, Kulturarbeiterin und  Bewohnerin dieser Stadt. Ich habe mich vorher auch nicht explizit queer organisiert, sehe aber nach dem Mord im letzten Oktober einen großen Bedarf. Außerdem war ich sehr beeindruckt von den Kämpfen polnischer Aktivist:innen in den letzten Jahren und will nach Dresden zurücktragen, was ich dort gesehen habe.

Warum braucht es Eurer Meinung nach eine Queer Pride in Dresden?

Iryna: Wir haben bisher in Dresden eine intersektionale, queere Pride vermisst – und die machen wir jetzt einfach selbst. Wir wollen antikapitalistische und unkommerzielle Inhalte, die es innerhalb der queeren Community schon immer gab, sichtbarer machen und auf die Straße tragen. Es tut gut, auch mal radikalere Kritik zu formulieren, Unmut rauszuschreien und Utopien einzufordern.

Jo: Wir planen eine solidarische, emanzipatorische, gute, kämpferische, feministische, selbstgemachte, sexy und antikapitalistische Pride. Wir machen sehr vieles selber und freuen uns deshalb über die Unterstützung zahlreicher unkommerzieller Akteur*innen.

Ursula: Außerdem braucht es eine queere Pride um dem binären Geschlechtersystem und den sexistischen Verhältnissen queerfeministische Ideen entgegen zu setzen. Der rassistischen Ordnung begegnen wir mit solidarischen, rassismuskritischen Praxen. Wir wollen voneinander lernen und gemeinsam etwas nachhaltiges organisieren. Diese Pride zusammen zu planen, ist schon der erste Schritt – wir haben uns als Queers in dieser Stadt neu zusammengefunden, um das zu machen.

Fuchs: Uns ist es wichtig, queere Räume zu schaffen. In Dresden gibt es – anders als in anderen Städten – keine Räume von und für FLINTA* Personen (Frauen, Lesben, Inter, Nicht-binäre, Trans und Agender Personen) – keine Bars, keine Cafés, keine Clubs, keine Galerien, keine Konzerträume, keine Treffpunkte usw. Eine Pride ermöglicht Vernetzung und die Gestaltung eines solchen zumindest temporären Raumes. Natürlich erhoffen wir uns auch, dass die Pride ein Startschuss für eine zukünftige Zusammenarbeit ist und Impulse setzt, die diese Leerstelle  behebt. 

Plant ihr rund um die Queer Pride Begleitveranstaltungen oder ein Rahmenprogramm?

Ursula: Ja, wir nennen es unseren Masterplan (lacht).

Edis*: Das Begleitfestival beginnt am 1. Juni und läuft bis zum 14. Juni. Das Programm umfasst eine gemeinsame queere Übernahme des Skateplatzes an der Lingnerallee, Wanderungen, Selbstverteidigungs-Kurse, Filmvorführungen, Brunchen und Siebdruckworkshops. Am 12. Juni findet die Pride statt, aber danach kann es eigentlich genauso weitergehen. Wir sind auch weiterhin offen für Menschen, die noch mitmachen wollen. 

Erwartet ihr Gäste aus anderen Ländern? 

Jascha: Ja, tatsächlich! Im Laufe des letzten Jahres sind Verbindungen zwischen Queers in Dresden und Wrocław entstanden. Einige Dresdner:innen haben die Pride in Wrocław unterstützt und nun ist der Gegenbesuch zur Dresdner Pride angekündigt. Wir wissen auch von Plänen für eine deutsch-polnische Pride in Görlitz / Zgorzelec die wir großartig finden. Langfristige Kontakte nach Polen aufzubauen finden wir wichtig. Wir sind sehr inspiriert von den Kämpfen, die polnische Aktivist:innen in den letzten Jahren geführt haben! Da wir einen rollenden Block planen, d.h. einen Block mit Menschen auf Rädern, haben wir auch eine feministische Skater:innengruppe aus Prag angefragt. Wir wollen gern den Blick über das Lokale hinaus wagen.

Edis*: Es gibt außerdem eine Rollerderby-Gruppe aus Leipzig, die sich dem rollenden Block anschließen möchte. Aus Polen haben sich antifaschistische Sambagruppen angekündigt. Ansonsten sind natürlich alle Queers, ob aus dem Umland oder aus anderen Städte eingeladen, Teil unserer Pride zu werden. 

Ursula: Wir hoffen, dass trotz der Pandemie-Situation vieles von dem Geplanten umsetzbar sein wird und viele Menschen teilnehmen können. Unsere Hygienekonzepte werden vorher einsehbar sein.

Durch welche Teile der Stadt wird die Pride führen?

Jascha: Wir starten am Neustädter Bahnhof. Dieser ist barrierearm mit S-Bahn und Straßenbahn erreichbar. Die Route ist etwa 5 km lang und durchgängig mit Rollstuhl befahrbar. Die Route endet am Ostragehege – dort wird es noch Musik und Aftershow geben. Vor Ort gibt es ein barierrefreies WC. Die Straßenbahnhaltestelle am Kongresszentrum ist ebenfalls rollstuhlgerecht.

Bildquelle: credits: zine_gruppe_malobeo

Wird die Pride auch an Thomas L. erinnern, der im Oktober vergangenen Jahres in der Dresdner Altstadt von einem (mutmaßlich) homosexuellenfeindlichen islamistischen Attentäter ermordet wurde? 

Edis*: Die Familie und der Partner von Thomas L. wollen mit Dresden nie wieder etwas zu tun haben und wünschen sich auch kein öffentliches Gedenken. Trotzdem hat dieser Mord einige Queers in der Stadt tief betroffen und wütend gemacht. Die Route führt am Tatort vorbei, das ist Absicht.

Iryna: Als Angehörige einer Gruppe, die systematisch Gewalt erfährt, hat man für diese spezifische Gewalt einen ausgeprägteren Radar. Ich habe sehr früh aus der Berichterstattung heraus gelesen, dass das Motiv ein homofeindliches gewesen sein könnte.

Jo:  In Zusammenhang mit dem Mord an Thomas L. musste ich auch an den 2018 ermordeten Christopher W. aus Aue denken. Er wurde aus homofeindlichen Gründen von Neonazis ermordet. Ich hatte damals dieselben großen Gefühle von Verletzlichkeit und Entsetzen. Der Mord wurde unter anderem in der Kampagne ‚#17 zu viel‘ von antifaschistischen Initiativen thematisiert, das homofeindliche Motiv wurde auch benannt, aber eine weiterführende Auseinandersetzung, was das für manche Menschen bedeutet, unterblieb leider.

Es ist auffällig, dass auch der Mord an Thomas L. anfangs kaum von linker, antifaschistischer Seite aufgegriffen wurde. Dabei sind Queers seit jeher eines der ersten Ziele faschistischer und religiöser Angriffe. Eine Antifa greift die Kämpfe für soziale Gleichheit von trans*, inter*, nonbinary und agender Menschen, Lesben und Schwulen auf und verteidigt sie!

Edis*: Und dann noch die Kränze der AfD auf der Trauerkundgebung zu sehen – das war zuviel für mich. Es hat gezeigt – wir müssen als Queers in dieser Stadt noch viel sichtbarer werden! Und gleichzeitig jeder Instrumentalisierung dieses Mordes durch rechte Kräfte entgegenwirken. Wir möchten für die progressiven Teile queerer Bewegungen stehen. Wir grenzen uns klar nach rechts ab.

Vielen Dank für das Gespräch.

deutsche Version | english version

Queer Pride in Dresden announced

At the beginning of March, the association queer pride DD announced a queer pride on facebook and instagram for June 12. addn.me met activists from queer pride DD and asked them about their plans.

Content warning: The last question of the interview and the answers address murder and experiences of violence against queers. 

Who are you?

Edis*:  We are a new, fresh bunch of queer people from Dresden. Some of us have known each other for a long time, others only for a short time or didn’t know each other at all before. We also come from very different backgrounds.

Jo: We come from political education work, anarchist networks, concert collectives or are individuals. For example I am organized in various groups, but so far in none where I so explicitly politicize and thematize my trans*masculine background. Just the networking opportunity at queer pride dd is totally good for me and I also learn a lot for myself by dealing with demands for trans*liberation.

Iryna: I am an anti-fascist, a cultural worker and a resident of this city. I also didn’t do explicit queer organizing before, but I see a great need after the murder last October. Also, I was very impressed by the struggles of Polish activists in recent years and want to bring back to Dresden what I saw there.

Why do you think there is a need for a Queer Pride in Dresden?

Iryna: We have been missing an intersectional, queer Pride in Dresden so far – and now we are simply doing it ourselves. We want to make anti-capitalist and non-commercial content, which has always existed within the queer community, more visible and take it to the streets. It feels good to express more radical criticism, to shout out discontent and to demand utopias.

Jo: We are planning a solidary, emancipatory, good, militant, feminist, self-made, sexy and anti-capitalist Pride. We do a lot of things ourselves and are therefore happy about the support of numerous non-commercial participants.

Ursula: Besides, a queer Pride is needed to counter the binary gender system and the sexist conditions with queer feminist ideas. We counter the racist order with practices of solidarity that are critical of racism. We want to learn from each other and organize something sustainable together. Planning this Pride together is already the first step – we have newly come together as queers in this city to do that.

Fuchs: It is important to us to create queer spaces. In Dresden, unlike in other cities, there are no spaces by and for FLINTA* people (women, lesbians, inter, non-binary, trans and agender people) – no bars, no cafés, no clubs, no galleries, no concert spaces, no meeting places, etc. A Pride enables networking and the creation of such a space, at least temporarily. Of course, we also hope that the Pride will be a starting point for future collaboration and set impulses that will remedy this void. 

Are you planning any accompanying events or a supporting program around the Queer Pride?

Ursula: Yes, we call it our master plan (laughs).

Edis*: The accompanying festival starts on June 1 and runs until June 14. The program includes a joint queer takeover of the skate park on Lingnerallee, walking tours, self-defense classes, film screenings, brunches and screen-printing workshops. The Pride takes place on June 12, but after that it can actually continue in the same way. We are open to people who still want to join. 

Are you expecting guests from other countries?

Jascha: Yes, indeed! Over the last year, connections between queers in Dresden and Wrocław have developed. Some Queers from Dresden have supported the Pride in Wrocław and now the return visit to the Dresden Pride has been announced. We also know about plans for a German-Polish Pride in Görlitz / Zgorzelec, which we think is great. We think it is important to build up long-term contacts to Poland. We are very inspired by the struggles that Polish activists have been leading in the last years! Since we are planning a rolling block, i.e. a block with people on wheels, we have also invited a feminist skater group from Prague. We would like to venture a glimpse beyond the local.

Edis*: There is also a roller derby group from Leipzig that would like to join the rolling block. Antifascist samba groups from Poland have announced themselves. Otherwise, of course, all Queers, whether from the surrounding area or from other cities are invited to become part of our Pride. 

Ursula: We hope that despite the pandemic situation much of the planned will be possible and many people can participate. Our hygiene concepts will be publicly available beforehand.

Through which parts of the city will the Pride pass?

Jascha: We start at the Neustadt train station. It is accessible barrier-free by S-Bahn and tram. The route is about 5 km long and accessible by wheelchair throughout. The route ends at the Ostragehege – there will be music and after show. There is a barrier-free WC on site. The tram stop at the congress center is also wheelchair accessible.

Will the Pride also commemorate Thomas L., who was murdered by a (alleged) homophobic Islamist assailant in Dresden’s Old Town last October? 

Edis*: The family and partner of Thomas L. never want to have anything to do with Dresden again, nor do they want a public commemoration. Nevertheless, this murder has made some Queers in the city deeply affected and angry. The route will pass the crime scene, that’s intentional.

Iryna: As a member of a group that experiences violence systematically, you have a more pronounced radar for that specific violence. I discerned very early on from the reporting that the motive might have been a homophobic one.

Jo: In connection with the murder of Thomas L., I also had to think of Christopher W. from Aue, who was murdered in 2018. He was murdered by neo-Nazis for homophobic reasons. I had the same strong feelings of vulnerability and horror then. The murder was thematiced in the campaign ‚#17 too much‘ by antifascist initiatives, the homophobic motive was also named, but a further discussion of what this means for some people was unfortunately omitted.

It is noticeable that the murder of Thomas L. was initially hardly taken up by left-wing, anti-fascist initiatives. Queers have always been one of the first targets of fascist and religious attacks. An antifascist movement takes up and defends the struggles for social equality of trans*, inter*, nonbinary and agender people, lesbians and gays!

Edis*: And then to see the wreaths of the AfD at the mourning rally – that was too much for me. It showed – we have to become much more visible as Queers in this city! And at the same time counteract any instrumentalization of this murder by right-wing forces. We want to stand for the progressive part of queer movements. We clearly demarcate ourselves to the right.

Thank you very much for the interview.


Veröffentlicht am 15. Mai 2021 um 12:01 Uhr von Redaktion in Feminismus, News

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